BRD in den Sechzigern Auschwitz-Gräuel, verdeckt hinter Spitzengardinen 

Nachkriegsdeutschland war schon in "Weissensee" und "Ku'damm 56" ihr Thema. In ihrem ersten Roman "Deutsches Haus" widmet sich die Drehbuchautorin Annette Hess nun der westdeutschen Vergangenheitsbewältigung.

Frankfurter Auschwitzprozess am 20.12.1963
DPA

Frankfurter Auschwitzprozess am 20.12.1963

Von Britta Schmeis


Aufgeregt wartet die junge Eva. Ihr zukünftiger Ehemann will sich der Familie vorstellen: der Gastwirtsfamilie Bruhns vom "Deutschen Haus". Liebevoll gehen die Eltern und die drei Nachkommen miteinander um, freundlich, respektvoll, eine eingeschworene und unerschütterliche Einheit. Ein Leben in Harmonie - doch schon da wird beim Lesen klar: Das ist eine Fassade. Da ist dieses Gefühl der Beklommenheit, des Misstrauens.

Jürgen, jener Ehemann in spe, auf den Eva wartet, ist der erste, der diese Idylle stört. Denn Jürgen ist Erbe des vermögenden Versandhändlers Schoormann, das passt so gar nicht in die bescheidenen Verhältnisse der Bruhns'. Schon beim ersten Treffen stellt Mutter Edith fest, dass dieser Jürgen ihre Eva nicht glücklich machen wird. Und Ludwig, der Vater, lügt dem Jürgen glatt ins Gesicht. An der Westfront sei er gewesen. Doch die ganze Familie weiß: Die letzten Jahre des Krieges waren die Bruhns' in Polen. Es bleibt nicht die einzige Ungereimtheit.

Annette Hess, bisher vor allem als Drehbuchautorin bekannt, hat die Frankfurter Auschwitzprozesse in den Mittelpunkt ihres ersten Romans gestellt, Anfang der Sechzigerjahre, angestoßen durch den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Ihre Hauptfigur Eva ist Dolmetscherin für Polnisch. Sie wird noch während des vorweihnachtlichen Familienessens mit Jürgen zu einem dringenden Termin gerufen, sie soll ein Gespräch der Staatsanwälte mit einem KZ-Überlebenden übersetzen.

Autorin Annette Hess
picture alliance/ Britta Pedersen

Autorin Annette Hess

Zum ersten Mal überhaupt, so scheint es, ist sie mit den Gräueltaten der Nazis konfrontiert. Wenig später wird sie für den kompletten Prozess als Dolmetscherin verpflichtet, gegen den Willen ihres zukünftigen Mannes. "Was würde die Berührung mit dem Bösen mit Eva machen?", fragt er sich. Und gegen den Willen ihrer Eltern: "Lass doch die alten Zeiten ruhen."

Geschichte in Geschichten

Schon in ihren Drehbüchern etwa für die Fernsehserien "Weissensee" und "Ku'damm 56/ 59" erzählte Hess Geschichte in Geschichten. In "Deutsches Haus" sind es die Schicksale der Auschwitz-Überlebenden, die in dem Prozess als Zeugen auftreten. Um Geschichte zu erklären, personifiziert sie sie in den Romanfiguren.

ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56"
imago/ Future Image

ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56"

Wie Eva, diese junge, ein wenig naive Frau, die ihr Glück in einem harmonischen Familienleben sieht, und der erst der Prozess die Augen für die deutsche und ihre eigene Vergangenheit öffnet. Da ist der steife, konservative Jürgen, der den Ungehorsam seiner zukünftigen Frau nicht dulden will, und da sind Evas Eltern, die ein entscheidendes Kapitel in ihrem Leben totschweigen. Hess verurteilt diese Menschen nicht, sie entwirft sie als Figuren voller Widersprüchlichkeiten und Hilflosigkeit.

Sie wählt die Sprache der Sechzigerjahre und schafft damit eine beklemmende Authentizität, eine Atmosphäre des Verdrängens und Vergessens, des Weitermachens vor der Fassade der redlichen Spießigkeit hinter Spitzengardinen. Hess folgt einer klaren Dramaturgie, die Rollen sind schnell verteilt. Doch immer wieder kommen Wendungen wie ein Schlag in die Magengrube, da zeigt sie ihr Gespür für Dramatik.

Vergebung und Verdrängung

Dabei überlädt Annette Hess ihre Figuren und ihre Geschichte allerdings mitunter mit Metaphern und Bildern - nicht nur beim Namen der Gastwirtschaft: Eva beschäftigt sich als Dolmetscherin in den Prozessen mit dem Tod, ihre Schwester Annegret schenkt als Kinderschwester Leben. Sie ist pragmatisch, doch verbirgt ein grausames Geheimnis. Stefan, der kleine Bruder, spielt am liebsten mit seinen Soldaten und Panzern. Und Mutter Edith vergleicht sie mit der Jungfrau von Orleans: kämpferisch, aber ohne eigenen Willen.

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Annette Hess:
Deutsches Haus

Ullstein, 368 Seiten, 20 Euro

Hess will aber auch viel in diesem Roman, schneidet viele Themen an, lässt manche Figuren ins Leere laufen oder als schmückende Statisten auftreten. Sie widmet sich dem noch immer verbreiteten Antisemitismus und dem aufkommenden Fremdenhass gegen die Gastarbeiter. Und sie thematisiert natürlich die Frage von kollektiver und individueller Schuld, von Vergebung und Verdrängung.

Dass es Verdrängung gab, das weiß der heutige Leser. Doch gerade mit den vielen Nebenschauplätze und Details findet Annette Hess in "Deutsches Haus" immer wieder Momente, in denen sie ihre Leser damit überrascht, wie tief das Ausmaß dieser Verdrängung in den Sechzigerjahren noch ging.



insgesamt 4 Beiträge
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juba39 24.09.2018
1. Viel zu wenig!
Leider hat Deutschland eine einmalige Chance verpaßt (so sogar eine Generalbundesanwalt a.D.), mit seiner Vergangenheit zu brechen. Deshalb können solche späten, aber nicht vergeblichen Versuche nicht hoch genug hervorgehoben werden. Und weil es niemand wagt zu sagen. Diese NICHT aufgearbeitete Vergangenheit holt uns heute in Form der AfD und Mölln (ja, das auch), über Rostock-Lichtenhagen bis Chemntz ein. Wenn man sich z.Z. in den ÖR Beiträge ansieht, daß Deutschland bis heute nicht weiß, wie mit NS-Ordensburgen umgehen. Wo 45 Jahre später ganz rasch alle Erinnerungen an eine "zweite deutsche Diktatur" getilgt wurden. Auch das eine unsägliche Verharmlosung der Naziverbrechen. Wenn der Faschismus die erste, die DDR die zweite Diktatur war, kann ja die erste nicht so schlimm gewesen sein. Immerhin wurden in der DDR keine Menschen Vergast, fremde Länder überfallen, Oppositionelle hingerichtet. Denken Leute überhaupt nach, bei solchen Vergleichen? Die Jungnazis schon, denn von denen kommen solche Rückfragen zur eigenen Legitimierung. Für mich als Randberliner erschreckend, wenn ein CDU-Funktionsträger zum Besuch der Gedenkstätte Niederschönhausen, NICHT ABER Sachsenhausen auffordert. Wäre eigentlich ein Aufhänger für eine Fortsetzung für Annette Hess's nächsten Roman.
seamanslife 24.09.2018
2. das große Vergessen
mein Vater hat den Einmarsch in Frankreich und die Besatzungszeit bis zum Unternehmen Barbarossa mitgemacht. Über Frankreich hat er viel erzählt und wo er überall war. Das er bei einem Winzer einquartiert war und ihm nach Dienstschluß in seinem Weinberg geholfen hat. Der Sohn des Winzers hat unsere Familie in Berlin sogar in den 60ziger Jahren besucht. Es bestand Briefkontakt zwischen dem Winzer und meinem Vater. Der Einmarsch in die Sowjetunion endete am Don und bei der Rückzugsschlacht am Dnepr verlor mein Vater ein Bein. Das war das Einzige worüber er über den Rußlandfeldzug gesprochen hat, bis ins Grab. Soll das alles gewesen sein?
murksdoc 24.09.2018
3. Schämen Sie sich!
Deutsche Gräueltaten im Osten sind entweder tatsächlich passiert, oder die Berichte darüber sind Fleckfieber-typische Horrorhalluzinationen, die ausschließlich bei Fleckfieber im Gedächtnis des tatsächlich Erlebten abgespeichert werden. Die, die sie berichten, lügen nicht. Das macht deren Berichte aber nicht automatisch zur Wahrheit. Diesen Anteil herauszufinden, ist Aufgabe der Historiker. Die aber weigern sich und stoßen mit in das Horn, über eine ganze Generation von Deutschen zu Verbrechern und Massenmördern abzustempeln. Auch das ist ein Verbrechen. Auch, wenn es bequem ist. (Diese Eigenart der Fleckfieberhorrorphantasien, als tatsächlich Erlebtes abgespeichert zu werden, bedingt übrigens auch, daß die gesamte Geschichte der Menschheit wahrscheinlich viel weniger grausam war, als man heute denkt. Weltreservoir des Fleckfieber laut "League of Nations Typhus Commission" von 1920: des heutige Polen (Fleckfieber: engl "Typhus"). Ausgerottet wurde Fleckfieber 1945 durch das DDT. Niemand von uns heute hat die Krankheit je gesehen).
giostamm11 25.09.2018
4. haraldbuderath - NEIN !!!
der zweite Weltkrieg war alleinige Schuld Deutschlands. Mit diesem Aggressionskrieg, Rassenwahn, Vernichtung wurden 55 mio Menschen umgebracht. Da gibt es NICHT aufzurechnen und....NEIN...die andern haben nicht auch.....dieses andauernde deursche relativieren ist absolut tiefstes Niveau. Kein anderes Volk in der gesamten Menschengeschichte hat mehr verbrochen als die Deutschen. Es waren Nazis? Ja es waren deutsche Nazis und Deutsche die willig mithalfen vei Arisierung der Wirtschaft und einige die den Mund hielten und nur sehr sehrwenige die Wiederstand leisteten. Es gab pflichtbewusste Bahnangestellte die die Züge nach Auschwitz fuhren....es gab aber keine Resistenza wie in Italien, 200.000 Menschen die bewaffneten Widerstand leisteten. Das Schisma Nazi gegenüber Deutschland funktioniert nicht. Dievwsren tief verwurzelt durch alle Schichten und nicht eine abgetrennte Elite. Und genau dieses Zusammenstehen und Gemeinsame selbst im Rassenwahn macht auch die besondere einzigartige Schuld. Noch gibt es Überlebende....pietätlos heute an- und aufzurechnen......andere haben auch.....klappt gar nicht
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