Argentinischer Autor Magnus "Alle wollen, dass du nicht Deutscher bist"

Seine Geschichten sind ausgedacht, die Klischees jedoch echt: Der Argentinier Ariel Magnus hat einen Roman über das Bild der Chinesen in westlichen Gesellschaften geschrieben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt der Inhaber eines deutschen Passes vom Fremdsein und Integrationsproblemen.

Autor Magnus: "Wie Argentinier integrieren schnell"
Maximiliano Luna/Télam

Autor Magnus: "Wie Argentinier integrieren schnell"


SPIEGEL ONLINE: Herr Magnus, in Ihrem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman "Ein Chinese auf dem Fahrrad" geht es um Nähe und Fremdheit im eigenen Land. Man erfährt viel über die Chinesen von Buenos Aires, am meisten aber über den Ich-Erzähler, einen Argentinier, der auf diese Fremden blickt. Wenn Sie sich die aktuelle deutsche Integrationsdebatte anschauen: Was erzählt sie Ihnen über die Deutschen?

Ariel Magnus: Sie schaffen sich ein Problem, wo keines ist. Wir leben in Gesellschaften, in denen es viele verschiedene Leute gibt mit vielen verschiedenen Herkünften. Wer das als Problem sieht, begeht schon den ersten Fehler, denn die Vielfalt ist kein Problem, das einer Lösung bedarf, sondern schlicht die Realität, in der wir leben.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es denn um die Integration in Argentinien?

Magnus: Alle, die herkommen, werden sehr schnell argentinisch, man schließt sehr schnell Freundschaft. Aber das sind keine tiefen Freundschaften. Wenn man das bemerkt, kann es sehr schmerzhaft sein. In Deutschland müssen wir vielleicht jahrelang warten, bis wir Freunde sind, aber danach sind wir es, und das zählt dann auch. In Argentinien sind wir alle sofort Freunde. Ich würde sagen, die Argentinier integrieren schnell.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Chinesen?

Magnus: Mit denen ist es ein wenig schwerer. Alle Argentinier gehen zum Chinesen. Man sagt nicht: Ich gehe zum Markt. Man sagt: Ich gehe zum Chinesen. Aber kaum ein Argentinier kennt tatsächlich einen Chinesen. Dabei gibt es sehr viele. Doch niemand will wissen, wie die leben und woher sie kommen. Darüber wollte ich ein Sachbuch schreiben - was mehrere Verlage mit viel Enthusiasmus abgelehnt haben. Also habe ich aufgehört, die tatsächliche Geschichte der Chinesen in Argentinien zu recherchieren und mir alles ausgedacht.

SPIEGEL ONLINE: Beim Lesen fragt man sich tatsächlich, ob das alles stimmt, was der Ich-Erzähler über die Chinesen erzählt.

Magnus: Das Buch handelt nicht von den Chinesen, sondern davon, welches Bild wir von ihnen haben. Aus diesem Grund konnte es übersetzt werden: Die Chinesen sind in allen westlichen Gesellschaften die Fremden. Darum funktioniert ein Roman besser als ein Recherche-Buch: Wir wollen die Chinesen als Fiktion lesen. Wir wollen uns Gedanken über sie machen, Witze über sie erzählen. Wir wollen gar nicht wissen, wer sie sind, nur um letztendlich zu entdecken, dass sie so sind wie wir, nur mit geschlitzten Augen und einer kommunistischen Regierung. Wir wollen sie als das Andere schlechthin behalten.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderes Ihrer Bücher, "La abuela" ("Die Oma"), handelt von Ihrer Großmutter, einer deutschen Jüdin, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat. Warum ist es noch nicht in Deutschland erschienen?

Magnus: Das hat mich meine Oma auch gefragt. Aber ich bin ganz froh darüber, weil ich lieber als Schriftsteller wahrgenommen werde, denn als Enkel einer Auschwitz-Überlebenden. Ich glaube aber doch, dass es irgendwann auf Deutsch erscheinen sollte, weil meine Großmutter eine ganz spezielle Überlebende ist; ein echter Charakter. Deswegen habe ich das Buch geschrieben, und nicht, weil sie KZ-Überlebende ist.

SPIEGEL ONLINE: Vor dem Hintergrund dieser Familiengeschichte: Hat es für Sie eine besondere Bedeutung, dass "Ein Chinese auf dem Fahrrad" in Deutschland erschienen ist?

Magnus: Ja. Das Buch wurde in sechs Sprachen übersetzt - die einzige, die ich redigiert habe, war die deutsche Fassung. Manche Wortspiele habe ich auf Deutsch neu entwickelt, sie sind besser geworden als auf Spanisch. Deutsch ist meine zweite Sprache. Ich habe einige Jahre in Berlin gelebt, das ist meine zweite Heimat. Meine Großmutter ist hier rausgeflogen, und ich kann jetzt herkommen und ein Buch präsentieren über kulturelle Unterschiede und wie man damit umgehen könnte. Das ist schon eine Parabel in der Geschichte. Ich kam nach Berlin am Anfang der Schröder-Zeit, das war politisch sehr aufregend - besonders für jemanden, der aus Argentinien kommt: Deutschland als echte und schöne Demokratie. Ein Land, in dem man wirklich frei sein konnte, wo eine Wahl etwas nützliches sein konnte, wo Bürger etwas bewegen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu Argentinien?

Magnus: Frei ist man da schon, aber zumindest in den Neunzigern gab es das Gefühl: Egal, was du wählst oder meinst, immer die gleichen machen die immer gleiche neoliberale Politik, da gibt es nichts zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Das war die Zeit von Präsident Carlos Menem.

Magnus: Genau. Aber das hat sich radikal verändert. Jetzt ist alles in Argentinien politisch geworden. Unter Menem war Politik kein Begriff, der einen interessiert hätte. Für mich hat sich das geändert, als ich nach Deutschland gekommen bin. Es war nicht das Land der Nazis, es war das Land der Freiheit, wo ich studieren konnte, was ich wollte. Wo man richtig gut leben konnte und wo die Politik interessant war. Später war ich mit Schröder dann aber nicht mehr zufrieden und habe ihn nicht mehr gewählt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen deutschen Pass?

Magnus: Ja, wegen meiner deutschen Großeltern. Und den argentinischen Pass habe ich sowieso: Wenn du in Argentinien geboren bist, bleibst du für dein ganzes Leben Argentinier. In Deutschland ist es das genaue Gegenteil, da wollen alle, dass du nicht Deutscher bist. In Argentinien überlegt man, wie man es anstellt, dass du Argentinier wirst.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie müssten, für welche Nationalität würden Sie sich entscheiden?

Magnus: Ich bin Argentinier. Ich bin für die argentinische Fußballmannschaft, da verspüre ich keinen Identitätskonflikt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie zu Deutschland überwechseln, könnten Sie öfter auf der Gewinnerseite stehen.

Magnus: Kürzlich, nach einer Lesung, musste ich Bücher signieren. Und da kommt einer und sagt: Na, wie war das 4:0? Sage ich: Hier, bitte, Nächster.

SPIEGEL ONLINE: So schlimm? Sie wollten nicht unterschreiben?

Magnus: Doch, ich habe auf Spanisch reingeschrieben, dass ich eigentlich eine Widmung hineinschreiben und viel Spaß mit dem Buch wünschen wollte, aber jetzt schreibe ich nichts. Er hat mich an jenes Spiel erinnert, und jetzt schreibe ich nichts. Das habe ich alles geschrieben. Das ist eine ernste Sache.

SPIEGEL ONLINE: Tut es noch sehr weh?

Magnus: Ja, es war hart. Und wir haben Diego verloren, das finde ich schade. Aber vor kurzem haben wir die Spanier 4:1 geschlagen. Es geht wieder aufwärts.

Das Interview führte Stefan Kuzmany



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Berliner42 08.10.2010
1. Fußball
Irgendwie schon ein bißchen humorlos die Reaktion des Herrn wegen des 0:4, aber das entspricht dem Bild, das man von Argentiniern in den Nachbarländern hat. Hoffentlich sind seine Bücher nicht ganz so verbiestert.
kuchenbob, 08.10.2010
2. .
Ach Gottchen...Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal... ---Zitat--- Ariel Magnus: Sie schaffen sich ein Problem, wo keines ist. Wir leben in Gesellschaften, in denen es viele verschiedene Leute gibt mit vielen verschiedenen Herkünften. Wer das als Problem sieht, begeht schon den ersten Fehler, denn die Vielfalt ist kein Problem, das einer Lösung bedarf, sondern schlicht die Realität, in der wir leben. ---Zitatende--- Es ging zu keinem Zeitpunkt um das Thema "Vielfalt". Was redet er da? Und dieses mimosenhafte Verhalten bei der Signierstunde...tststs. Komische Person.
sukowsky, 08.10.2010
3. In Argentinien ist das so ein Ding
Ja, in Südamerika bewundert man die Deutschen, weil sie das Gegenteil sind von einem Latino. Ob sie bessere Menchen sind, das bezweifele ich. Allerdings was Recht und Gesetz ist, so weiß man woran man in Deutschland ist.... in Argentinien ist das so ein Ding.
Marie Laveau 08.10.2010
4. Chinesen
ICh weiß gar nicht, warum der meckert. Er hat doch einen deutschen Pass. Ich glaube auch nicht, dass der, oder irgendein anderer Argentinier, so begeistert wären, wenn ein paar Millionen Muslims einwandern würden. Die haben es ja offenbar nichtmal geschafft, die Chinesen zu integrieren.
RuleBritannia, 08.10.2010
5. Humorlos wie die Kirchners
Zitat von Berliner42Irgendwie schon ein bißchen humorlos die Reaktion des Herrn wegen des 0:4, aber das entspricht dem Bild, das man von Argentiniern in den Nachbarländern hat. Hoffentlich sind seine Bücher nicht ganz so verbiestert.
Genauso humorlos wie Frau Kirchner wenn man sie fragt wann Argentinien endlich seine Schulden zahlen werde, oder ob sie doch eine Montonero-Terroristen gewesen ist. Uebrigens, bei der Buchmesse duerften nur solche Schriftsteller dabei sein, die der Kirchner-Diktatur Nahe stehen. Na dann, viel Spass beim Lesen!
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