Philosophin Ariadne von Schirach "Jeder Mensch ist irgendwie komisch"

Wer bin ich? Und wie bin ich? Ariadne von Schirach hat ein Buch über Charaktertypen geschrieben und erkannt: unsere Selfie-Kultur ist depressiv. Und jeder einzelne von uns hat eigentlich einen an der Marmel.
Zur Person
Foto: Detlef Eden

Ariadne von Schirach, 1978 geboren, ist Philosophin und Autorin. Mit "Der Tanz um die Lust" und "Du sollst nicht funktionieren" gelangen ihr Bestseller. Sie ist die Enkelin von NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach.

SPIEGEL ONLINE: Frau von Schirach, Ihr neues Buch widmet sich den Persönlichkeitstypen, basierend auf den Werken der Psychoanalytiker Fritz Riemann und Karl König. Die Charaktertypenlehre ist ja alt und klingt ziemlich pathologisch: Wer will schon ein Schizoider oder ein Hysteriker sein?

Schirach: Zunächst natürlich niemand. Aber wenn man einsieht, dass wir alle bei näherem Hinsehen ein bisschen verrückt, seltsam und widersprüchlich sind, ist das eine große Entlastung von Konformitätsdruck und Leistungsdenken. Jeder Mensch, den ich bisher kennengelernt habe, war irgendwie komisch. Und wenn ich diese Seite erst einmal an mir selbst anerkenne, ist sie am anderen auch nicht mehr fremd und ich kann den Absurditäten meiner Mitmenschen gegenüber vielleicht sogar so etwas wie Zärtlichkeit empfinden.

SPIEGEL ONLINE: Jeder Charakter ist also erst mal okay?

Schirach: Zu wissen, wie man ist, hilft einem dabei, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und zu kommunizieren. Es ist okay zu sagen, ich brauche viel Feedback, wie der depressive Charakter, der ständiges Nachfragen im Berufsleben liebt. Aber es ist genauso okay zu sagen, ich brauche wenig Feedback, wie der Schizoide, der den Auftrag annimmt und denkt, ruf bitte nicht an - ich liefere, wenn ich fertig bin! Anzuerkennen, dass man keine windschnittige Standardform ist, befreit.

SPIEGEL ONLINE: Ist heute ein spezieller Persönlichkeitstyp auf dem Vormarsch, etwa der narzisstische?

Schirach: Die moderne Selbstdarstellung auf Instagram und Facebook wirkt vordergründig natürlich sehr narzisstisch, ist letztlich aber zutiefst depressiv. Man wartet ja nur darauf, dass jemand anderes einen gut findet und macht sich dadurch mehr und mehr von der Meinung anderer abhängig. Das ist nicht stark, sondern ziemlich schwach.

Die Charaktertypen nach Riemann und König

SPIEGEL ONLINE: Hat das Buch eine Vision?

Schirach: Meine Bücher kreisen immer auch um ethische Fragen. Auch bei "Ich und du" steht die Empathie im Fokus, kein Schubladendenken, bei dem ich den anderen als narzisstisch oder zwanghaft oute. Aber vor allem geht es auch in meinem neuen Buch um Selbsterkenntnis: Wer weiß, wer er ist und was er braucht, muss niemanden herabsetzen und auch nicht alles glauben.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Schirach: Ich habe viele interessante und liebenswürdige und manchmal auch sehr erfolgreiche Menschen getroffen, aber noch nie jemanden, der nicht in seiner Kindheit gelitten hätte, von schlimm bis weniger schlimm. Unser Charakter ist eine Art emotionaler Panzer, eine Antwortstrategie auf die Zumutungen des eigenen Lebens. Wir können und sollen nicht bei diesen ersten Wunden verharren, aber es hilft, zu begreifen, dass wir alle stark und schwach zugleich sind. Jedes gelungene Gespräch beginnt meist damit, dass man eben doch nicht alles so perfekt hinkriegt.

SPIEGEL ONLINE: Jeder kann sich trotz seines Charakterpanzers weiterentwickeln, schreiben Sie….

Schirach: Stimmt, unser Charakter ist einerseits ein Panzer, aber andererseits ist er auch flexibel. Ich kann meine Wunden nicht loswerden, aber ich kann anders mit ihnen umgehen. Jeder Charaktertyp kann reifen, neue Ressourcen und Perspektiven erschließen.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark sind wir denn durch unseren Charakter festgelegt?

Schirach: Einerseits komme ich nicht aus meiner Haut und stehe mir auf meine ganz eigene Weise im Leben im Weg. Doch andererseits ist Selbsterkenntnis nicht nur die Grundlage von Empathie, sondern auch von Wachstum und Veränderung. Jeder Mensch ist immer auch ins Mögliche geöffnet. Wir sind doch alle irgendwie Verlorene, die sich erst finden müssen. Wieder und wieder. Werde, der du bist, sagt der Philosoph Sören Kierkegaard dazu.

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Ich und du und Müllers Kuh

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Klett-Cotta; 178 Seiten; 15,00 Euro.

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SPIEGEL ONLINE: Der Zeitgeist will eher das Ich als Ich-AG, weniger Charakter.…

Schirach: In Zeiten wie diesen zu funktionieren bedeutet, sich darzustellen, zu optimieren und sich dabei zum Produkt für verschiedene Märkte zu machen. Da verarmt letztlich jeder. Es gibt heute eine Art von Entfremdung und Beschleunigung, die es uns besonders leichtmacht, uns selbst verloren zu geben. Wir ziehen uns in unsere digitalen Bildwelten zurück, die glitzern und perfekt sind. Trotzdem liebe ich das Internet. Man muss es nur immer wieder schaffen, Außenbild und Inneres halbwegs in Einklang zu bringen. Ich bin keine Verfechterin der Eigentlichkeit. Wo bin ich mehr Ich: morgens im Bad oder wenn ich einen Vortrag halte? Ich weiß es nicht.

SPIEGEL ONLINE: … Also wider den Perfektionismus?

Schirach: Ich glaube, das Leben bricht uns alle - im Sinne des Öffnens. Nach einer gewissen Zeit kommen bei allen Menschen Widersprüche und Narben und Seltsamkeiten zum Vorschein. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der so war, wie die Bilder, die man sich von ihm gemacht hat. Oder wie die, die er oder sie gepostet hat. Ich selbst habe auch schon schreckliche Angeberfotos gemacht. Aber auch die sind ganz schön zu haben - und schlecht, wenn man sie ernst nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vorgängerbuch war eine Kritik der Selbstoptimierung. Wo ist der Unterschied zur Lebenskunst der Charakterlehre?

Schirach: Selbstoptimierung ist die Arbeit am Äußeren, Lebenskunst die Arbeit am Inneren. Beides ist wichtig, doch es scheint, als würden wir gerade das Innere zugunsten des Äußeren vernachlässigen. Dabei ahnt man ja, was letztlich mehr Bestand hat. Mich interessieren diese modernen Spannungsverhältnisse. Welche Art von Subjektivität fördert unsere Zeit? In unsicheren Zeiten kommt das Zwanghafte stark hervor. Man ist nicht mehr kreativ, sondern versucht einfach, alles richtig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem beim Coaching gibt es dieses Credo "Erfinde dich selbst - Du kannst alles sein…".

Schirach: Nach dem Motto: "Wir machen alles weg und bauen es größer und schöner wieder auf." Diese Tabula-rasa-Fantasie des Coachings funktioniert nicht. Ich kann mich nicht als Charakter auslöschen und beliebig neu entwerfen. Wir sind alle Geworfene, Gewordene, bringen eine Geschichte mit. Veränderung lässt sich nur beschreiben als Eröffnung zusätzlicher Perspektiven. Doch erst wenn man annimmt, wer man ist, kann man darüber nachdenken, wer man trotz alledem sein möchte.

SPIEGEL ONLINE: Was sind denn die Merkmale und Entwicklungsmöglichkeiten verschiedener Charaktertypen ?

Schirach: Der Hysteriker ist eine Figur der Zukunft, er liebt Anfänge und große Ideen. Die lästige Arbeit sollen lieber andere erledigen. Der Berliner Flughafen scheint mir in diesem Sinne ein hysterisches Projekt. Der Umgang? Verbindlich werden und arbeiten, selbst für Ordnung sorgen und Verantwortung übernehmen! Der zwanghafte Charakter ist eher von der Vergangenheit bestimmt: Er hat Angst vor Veränderungen und versucht deshalb, alles zu kontrollieren. Die Aufgabe wäre, sich und der Welt wieder zu vertrauen und sich für das Unerwartete zu öffnen. Der Depressive ist im Übermaße von anderen und anderem abhängig, mehr Eigenständigkeit öffnete seine Welt. Jeder Charakter hat Stärken und Schwächen. Lebenskunst heißt im Fall der Charakterkunde, sich selbst in die Hand zu bekommen und zugleich einzusehen: das Beste, was man werden kann, ist tatsächlich nur die beste Version seiner selbst.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird man zu dieser besten Version seiner selbst?

Schirach: Beste Version klingt schon wieder nach Optimierung. Vielleicht geht es eher darum, dass man sich als eine immer auch etwas lächerliche Figur begreift und sich dabei zugleich annimmt und vergibt. Humor ist das Vermögen, sich mit sich selbst zu versöhnen. Und miteinander. Wir sind alle aus krummem Holz geschnitzt und können uns nur gegenseitig stützen. Und so führt jeder Weg bestenfalls vom Ich zum Du.

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