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Schnitzlers "Später Ruhm": Stümper und Schnorrer

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Arthur Schnitzlers "Später Ruhm" Porträt des Dichters als alter Narr

Ein Ereignis für jeden literarisch Interessierten: In seiner nun entdeckten Novelle "Später Ruhm" zeigt Arthur Schnitzler sich erstmals als Meister psychologischer Demaskierung - und parodiert Zeitgenossen von Hofmannsthal bis George.
Von Hans-Jost Weyandt

Die "große Entdeckung" (FAZ) des Frühjahrs präsentiert sich entspannt in einer Strickjacke. Ein jovialer älterer Herr trägt sie auf der Illustration des Buchumschlags, und so behäbig das Cover daherkommt, das immerhin das unbekannte "Meisterwerk" (Verlagswerbung) eines Klassikers der Moderne schmückt, so eindeutig ist der altmodische Strich der Zeichnung als freundlicher Hinweis an den Leser zu verstehen.

Denn wer aus dem Hype, der in den letzten Tagen um die Erstveröffentlichung dieser Novelle Arthur Schnitzlers veranstaltet wurde, heraus in dieses Buch einsteigt, erlebt, was ein unvermittelter Tempowechsel in eine vergangene Epoche bedeuten kann. "Herr Eduard Saxberger kam vom Spaziergang nach Hause", beginnt die Novelle, die noch von vielen Spazier- und Kaffeehausgängen des alten Herrn Saxberger erzählen wird, "und schritt langsam die Stiege zu seiner Wohnung hinauf."

Ein Satz wie eine Vollbremsung, die ruckartig zurückversetzt in die Entstehungszeit des Textes und eine Literatur, die bestimmt war von Autoren wie Knut Hamsun und Emile Zola, Theodor Fontane und Wilhelm Raabe, auf der Schwelle zur Moderne. Als Schnitzler die Novelle 1895 im Alter von 33 Jahren abschloss, veröffentlichte H. G. Wells bereits seinen berühmten Science-Fiction-Roman, und wie von einer "Zeitmaschine" vom Damals ins Heute katapultiert, trifft jetzt mit 120-jähriger Verspätung Schnitzlers Frühwerk auf seine ersten Leser: ein Ereignis für jeden literarisch Interessierten, selbst wenn er den tollen Berichten vom Sensationsfund zu Recht misstraut.

Hoffnungslos unbegabte Junggenie-Darsteller

Denn was "verschollen" gewesen sein sollte, fing bloß unbeachtet Staub in der Bibliothek der Universität Cambridge, wohin der Nachlass Schnitzlers nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 in Sicherheit gebracht werden konnte.

Dass die Novelle ausgerechnet "Später Ruhm" heißt, klingt wie eine übermütige Pointe, die an einen Marketinggag denken lässt; und dass sie obendrein von der hymnisch gefeierten Wiederentdeckung eines vergessenen Jugendwerks jenes Eduard Saxbergers erzählt, lässt den Text beinahe wie eine vorweggenommene Fortschreibung der Meldung von seiner eigenen Entdeckung erscheinen. Hinter der anrührend betulich erzählten Geschichte des Biedermanns lässt er bereits die Fähigkeit Schnitzlers zur psychologischen Demaskierung erkennen, die seinen guten Saxberger in einen Albtraum treibt.

Schnitzler schrieb den Text für die Zeitschrift "Die Zeit" seines Freundes Hermann Bahr, der das "Junge Wien" um sich versammelt hatte, eine Gruppe junger Literaten, zu der auch Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig, Peter Altenberg und Felix Salten gehörten.

Es ist unverkennbar, dass Schnitzler die Wirkungsmöglichkeiten einer Zeitschrift nutzen wollte, um für Gesprächsstoff zu sorgen: Die Bezeichnung "Junges Wien" beanspruchen auch die hoffnungslos unbegabten Junggenie-Darsteller der Novelle für sich. Dass einige unvorteilhafte Eigenschaften von Schnitzlers Freunden sich in der Figurenzeichnung wiederfinden dürften, weisen die Herausgeber Wilhelm Hemecker und David Österle in ihrem Nachwort nach.

Parodie auf den Kult um Stefan George

In einer verkrachten Schnorrerexistenz Linsmann hätte sich Peter Altenberg wiedererkennen können, die exaltierten Allüren einer verwegen verwitterten Schauspielerin wären der großen Adele Sandrock, Schnitzlers Geliebter, bestimmt gänzlich abgeschmackt erschienen, und die Unbedarftheit eines unglücklich für die Poesie entflammten Pennälers sollte wohl an den Knaben Hugo von Hofmannsthal erinnern, der damals auch bereits zum George-Kreis gehörte. Dass Schnitzler den Kult um Stefan George in der stümperhaften Verehrung Saxbergers spiegelt, ist der beste Witz im satirischen Strang dieser Novelle, der leider seine Adressaten damals nicht fand.

Hermann Bahr lehnte Schnitzlers Beitrag ab, er hätte die Novelle in Fortsetzung drucken müssen und dabei ihrer größten Qualität beraubt. Denn ihren Sog gewinnt die Erzählung weniger aus den teils psychologisch brillant verdichteten Szenen, die für Momente die Fallhöhe dieser Novelle andeuten, sondern vielmehr aus dem, was sie in ihrem gemächlichen Fortgang verschweigt.

Wenn Saxberger nicht Treppe steigt oder spazieren geht, dann sitzt er, morgens im Büro, spätnachmittags im Kaffeehaus. Er ist halt ein freundlicher, älterer Herr, den nichts zur Eile treibt und kaum etwas aus dem Gleichgewicht bringt, und man könnte den Eindruck gewinnen, er ruhe in sich, aber dieser Eindruck täuscht wohl, wie sich alles in dieser Novelle als Täuschung erweist.

Einmal, es ist der Höhepunkt, geht Saxberger an einem Kanal entlang und bemerkt erst nach geraumer Zeit, dass er im Gleichschritt mit einem Pferd unterwegs ist, das einen Kahn schleppt. Erschrocken bleibt er stehen und stellt fest, dass ihm die Worte fehlen, für sich, seine Empfindungen, seine Existenz und die Welt, die nicht mehr die seine ist und die Schnitzler einfängt in einer wunderbaren Impression einer Industrielandschaft vor der Motorisierung.

Sie ist Saxberger völlig fremd, wie er sich selbst fremd ist. Wo bürgerliche Ruhe sein sollte, da ist Erstarrung in der Konvention, und dahinter ist Leere. Das ist weit mehr als der tragikomische Schreckensmoment eines alten Narren, der erkennt, kein Dichter zu sein.

Es ist das Entsetzen, von dem die Moderne erzählt.

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