Söldner-Roman von Antonin Varenne Knietief im Seelenblut

Im Schattenreich einer zerstörten Seele: In seinem gewaltigen Söldner-Roman "Die sieben Leben des Arthur Bowman" erzählt der französische Autor Antonin Varenne von posttraumatischer Stressbewältigung im 19. Jahrhundert.

Schiffe der Ostindienkompanie (um 1800): Fusel zur Linderung der Symptome
Getty Images

Schiffe der Ostindienkompanie (um 1800): Fusel zur Linderung der Symptome


Der Kampf ist alles, das er kennt, dieser Arthur Bowman. Seit 15 Jahren ist er im Dienst der im 19. Jahrhundert allmächtigen Ostindienkompanie, eine geschundene Kreatur, die selbst zum schlimmsten Schinder wird. Als "härtester Sergeant Indiens" gilt Bowman, bis er zusammen mit einem Dutzend anderer Soldaten in Burma in Gefangenschaft gerät und nach einem Jahr als gebrochener Mann zurück nach London kommt.

Die Wunden, die seiner Seele zugefügt wurden, versteckt der Söldner hinter seiner Unnahbarkeit, die Narben, die seinen Körper entstellen, sind unübersehbar. Bowman kann weder damit leben, was ihm angetan wurde, noch was er anderen angetan hat. Er ist kein Krieger mehr, aber auch kein Mann, der friedlich mit anderen zusammenleben kann.

Als einen extremen Fall von posttraumatischer Belastungsstörung würde man Bowman heute wohl behandeln. Damals gab es keinen Namen für diese Störung, nur Opium und Fusel zur Linderung der Symptome.

Autor Antonin Varenne: Schöpfer von wahren Leseabenteuern
Richard Dumas/ Editions Grasset & Fasquelle

Autor Antonin Varenne: Schöpfer von wahren Leseabenteuern

Er sei ein sonderbares Licht, heißt es über Arthur Bowman, ein Licht, das Schatten verbreite statt Helligkeit: "Sie wissen nicht mal, ob Sie den Tod suchen oder ein ehrenhaftes Leben…" Von seiner Reise aus dem finsteren Schattenreich seiner zerstörten Seele in eine Zukunft, die zumindest die Möglichkeit von Licht bietet, erzählt der französische Autor Antonin Varenne in seinem Roman "Die sieben Leben des Arthur Bowman".

Mörderische Selbstfindung

Aus seiner Betäubung erwacht dieser erst, als er von grausamen Ritualmorden erfährt, die zunächst in London und später in den Vereinigten Staaten begangen werden. Bowman macht sich auf die Jagd nach dem Killer, von dem er annimmt, dass es einer seiner früheren Kameraden sein müsse. Denn die Wunden der Opfer ähneln seinen eigenen und denen seiner Mitgefangenen. Auf der anderen Seite des Atlantiks hofft Bowman nicht nur den Mörder, sondern vielleicht einen Platz zu finden in dieser Welt, die er nicht versteht und die ihn nicht akzeptiert.

Während seiner Reise durch den Westen trifft Bowman auf die Einsamen, die alle Hoffnung verloren haben und darüber wahnsinnig geworden sind, und auf Menschen, die sich an ihren Traum von einer besseren Zukunft klammern, bis sie erst ihren Glauben und dann ihr Leben verlieren. "Ich sehe nur, dass es zum Himmel stinkt, wohin ich auch komme", sagt Bowman einmal. Und trotzdem: Je näher er dem Mörder kommt, desto mehr findet Bowman zu sich selbst. Er beginnt, Vertrauen zu seinen Mitmenschen zu fassen, entdeckt schließlich sogar die Liebe.

Das versöhnliche Finale, das Varenne seinem geplagten Protagonisten letztlich gönnt, wirkt unglaubwürdig angesichts der Verwüstungen in der Seele dieses Söldners, dessen Lebensbegleiter stets der Tod war. Varenne fehlt die letzte Konsequenz eines James Carlos Blake, der mit seinem Roman "Das Böse im Blut" vergleichbar knietief durch die blutige Vergangenheit der USA watete. Stattdessen folgt Varenne dem uramerikanischen Versprechen, dass es in diesem Land jeder schaffen kann, wenn er nur bereit ist, größte Mühsal auf sich zu nehmen und seine Sünden zu bereuen.

Trotzdem: Dieser Hybrid aus Kriegsgeschichte, Serienkiller-Krimi und Western gehört zu den bislang mitreißendsten Leseabenteuern des Jahres.

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insgesamt 2 Beiträge
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kuchengespenst 30.06.2015
1. Übersetzerin
Wie wäre es denn mit etwas Wertschätzung für die Übersetzerin, ohne deren Arbeit Sie dieses Buch gar nicht hätten lesen können?
benmartin70 01.07.2015
2.
Zitat von kuchengespenstWie wäre es denn mit etwas Wertschätzung für die Übersetzerin, ohne deren Arbeit Sie dieses Buch gar nicht hätten lesen können?
Und warum nur die Übersetzerin? Da gibt es ganz viele die man dann auch wertschätzen sollte: den Lektor, den Setzer, den Holzfäller, die Arbeiter in der Papierfabrik, den Lieferanten der die Bücher ausliefert, den Erfinder des Internets usw...... Zumal man die Bücher auch im Original lesen kann wenn man der Sprache mächtig ist, also sogar eher die anderen VOR der Übersetzerin.
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