"Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" Was Adorno 1967 schon über die Neue Rechte wusste

Eine Vorlesungsmitschrift wird 50 Jahre später zum Bestseller: Viel von dem, was Theodor W. Adorno seinen Studenten über Rechtsradikalismus erklärte, gilt in Zeiten von AfD, Pegida und Identitären noch immer.

Theodor W. Adorno (1968): Noch immer das Bild einer deutenden Autorität
Manfred Rehm/ DPA

Theodor W. Adorno (1968): Noch immer das Bild einer deutenden Autorität

Von


Im April 1967 reist der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno nach Österreich, um auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs einen Vortrag über die in Deutschland wieder erstarkte Rechte zu halten. Anlass ist der Wahlerfolg der NPD, die damals nach dem Einzug in einige Landesparlamente kurz vor dem Einzug in den Bundestag stand.

Ein gutes halbes Jahrhundert später erscheint die Transkription des Mitschnitts des Vortrags unter dem Titel "Aspekte des Rechtsradikalismus". Der schmale Band ist nach kurzer Zeit in die vierte Auflage gegangen - der Bedarf an Erklärungen für den aktuellen Erfolg der Rechten heute ist offenbar groß. Und vielleicht verbindet sich mit dem Namen Adorno, dem populärsten öffentlichen Intellektuellen im Deutschland der Nachkriegszeit, noch immer das Bild einer deutenden Autorität, die für Klarheit im inzwischen unüberschaubaren Dickicht der Deutungs- und Analyseversuche sorgen kann.

"Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" bietet, heute wie damals, allerdings keine Universalerklärung, und das ist eine der Qualitäten des Textes. Das Wort "Aspekte" deutet es an: Adorno bestimmt in freier Rede einige Merkmale dessen, was er "Rechtsradikalismus" nennt, oft mit Verweis auf eigene, grundlegendere Texte - vor allem auf die 1950 veröffentlichten "Studien zum autoritären Charakter", für Adorno eine notwendige Voraussetzung faschistischer Einstellungen. Bringt man die 50 Jahre alten Thesen mit dem zusammen, was man über die Neue Rechte heute weiß, kann man über Kontinuitäten und Unterschiede zwischen 1967 und 2019 nachdenken.

Das Versprechen, sich abreagieren zu dürfen

Die grundlegenden Koordinaten finden sich auch in den meisten aktuellen Texten zur Rechten: Rechtsradikales Denken wird als Krisenphänomen gedeutet, als autoritäre Reaktion auf die "Möglichkeit der permanenten Deklassierung von Schichten, die ihrem subjektiven Klassenbewußtsein nach durchaus bürgerlich waren". Die Parallelen zur Dynamik, die die Erfolge der AfD ermöglicht, drängt sich auf: Nach wie vor geht es im rechten Denken nie gegen die ökonomische Macht. "Diese Gruppen (...) verschieben die Schuld an ihrer eigenen potentiellen Deklassierung nicht etwa auf die Apparatur, die das bewirkt" - sondern auf "das, was sie Sozialismus" nennen. Und heute, kann man ergänzen, vor allem auf Migranten und eine herbeihalluzinierte linke Meinungsdiktatur.

Preisabfragezeitpunkt:
05.08.2019, 17:40 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Theodor W. Adorno
Aspekte des neuen Rechtsradikalismus: Ein Vortrag

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
86
Preis:
EUR 10,00

Adorno bestimmt die "faschistischen Bewegungen (...) als die Wundmale, als die Narben einer Demokratie (...), die ihrem eigenen Begriff nicht ganz gerecht wird". Übertragen auf 2019: Wenn sich Teile der Bevölkerung heute von demokratischer Teilhabe ausgeschlossen sehen, haben sie oftmals recht. Die rechtsradikale Antwort allerdings fällt damals wie heute wahnhaft aus: Die Rechte gibt ihren Anhängern das Versprechen, sich, wenn die Bewegung erst einmal am Ruder ist, ungestraft an Anderen abreagieren zu dürfen. Ansonsten bleibt alles beim Alten.

Tatsächlich liest sich der Vortrag in vielen Passagen wie ein direkter Kommentar zu Methode und Ideologie der Rechten seit 2015 - von der AfD über Pegida bis hin zur Identitären Bewegung. Zum Beispiel in dem Punkt, "daß sie (...) in gewisser Weise die Katastrophe wollen". Adorno konstatiert einen "unbewußten Wunsch nach Unheil", der, wenn das stimmt, eine aktuelle Entsprechung im vorhergesagten "Untergang des Abendlandes" und einem angeblich laufenden "großen Austausch" der Bevölkerung finden würde. Und wenn Adorno in Wien auf die Propaganda zu sprechen kommt, liest sich das wie eine Paraphrase der Fake-News-Debatten der letzten Jahre.

"In gewissem Sinn eben doch irre"

Eine schöne Beschreibung des rechten Demagogen findet sich in dem Bändchen auch. Adorno fasst ihn unter dem Begriff des "manipulativen Charakters", und wer seine aktuelle Variante in Aktion sehen will, muss nur die öffentlichen Auftritte Björn Höckes googlen: "Das sind (...) Menschen, die gleichzeitig kalt, beziehungslos, strikt technologisch gesonnen, aber ja in gewissem Sinn eben doch irre sind".

All das bringt keine fundamental neuen Erkenntnisse, zumindest nicht, wenn man die aktuellen Studien zur Genese der rechten Bewegungen kennt. Aber er zeigt, was konstant geblieben ist und heute oftmals vergessen wird: dass der Rechtsradikalismus nicht das ganz Andere der Demokratie, sondern ein Krisenphänomen im Kapitalismus ist, das einer Logik folgt. Der Text ist dabei so offen und eben gerade nicht autoritär-bestimmend gehalten, dass man ihn heute als Einladung zum Weiterdenken lesen kann.



insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
StefanieTolop 06.08.2019
1. Vieles ist relativ
Es ist naturgemäß so eine Sache, wenn man einen linken über die rechte Szene frägt. Es wäre natürlich genauso dämlich, einen Rechten nach einer Einschätzung über die linke Szene zu fragen. Dennoch halte ich Adorno für einen bewunderswerten Kerl.
taglöhner 06.08.2019
2. Exegese
Tote können sich nicht wehren. Daher eignen sie sich besonders gut, zu Propheten erklärt zu werden. In aller Regel findet dabei auch gefährlich dummes Zeug Eingang in das abzurundende Weltbild. Welcher Teil der Bevölkerung, möchte ich den Autor fragen, ist von demokratischer Teilhabe ausgeschlossen?
schwäbischalemannisch 06.08.2019
3. Krisenphänomen im Kapitalismus?
So ganz ohne geht es wohl nie. Adorno ist nun mal ein Linker gewesen. Genau betrachtet kommt man bei vielem auch ganz schnell zu Verhaltensweisen, die bei den Linken ganz ähnlich sind. Die Methoden und das in gewissem Sinne irre sein trifft auch auf viele extreme von links zu. Es ist generell ein Teil von Extremismus.
Leonia Bavariensis 06.08.2019
4. Autoritäre und manipulative Charaktere
Als das wurden die Anhänger rechter Thesen und Politiker auch anderenorts schon identifiziert. Die Kontinuität ist offensichtlich. Und Kontinuität gibt es natürlich auch hier in der Relativierung innerhalb der Kommentare: man diffamiere den Autor als Linken oder verweise auf angebliche Ähnlichkeiten in der linken politischen Ecke und schon soll der Rechtsradikalismus salonfähig sein. Ist er allerdings immer noch nicht. Und gerade bei den Charakteristika unterscheiden sich rechts und links nochmals deutlich. Autoritäre Charaktere gibt es im linken Spektrum vielleicht noch bei den orthodoxen Stalinisten (die sind hier längst marginalisiert) und bei Querfrontlern.
seamanslife 06.08.2019
5. die Technokraten des Todes im 3.Reich
Zitat von schwäbischalemannischSo ganz ohne geht es wohl nie. Adorno ist nun mal ein Linker gewesen. Genau betrachtet kommt man bei vielem auch ganz schnell zu Verhaltensweisen, die bei den Linken ganz ähnlich sind. Die Methoden und das in gewissem Sinne irre sein trifft auch auf viele extreme von links zu. Es ist generell ein Teil von Extremismus.
haben sich die Lager zuerst in Stalins Gulag angesehen bevor sie das in Deutschland perfektioniert haben. Das soll keine Relativierung sein, aber es ist Tatsache das H.Himmler Polizeioffiziere nach Moskau geschickt hat um sich die Lager in der Sowjetunion anzusehen. Genauso ist der Panzergeneral Guderian an eine sowj. Militärakademie als Gastlektor geschickt worden um den Aufbau der sowj. Panzerwaffe zu "begleiten". Canaris hatte seine Freude daran und als man den Stand der Dinge kannte wurde die Aktion "Barbarossa" gestartet, die Fehleinschätzung haben wir erlebt. Die industrielle Ermordung der europäischen Juden basiert auch auf dem Denken dieses Menschenschlages mit dem Hang zu technokratischen Höchstleistungen. Die Firma Topf&Söhne aus Erfurt konzipierte extra für Auschwitz Krematorien in denen man täglich über 1000 Leichen verbrennen konnte. Der Eisenbahn-Fahrplan mit den Judentransporten aus ganz Europa war so gestaltet das täglich der Nachschub für die Krematorien und Arbeitslager gesichert war. Das meinte Adorno, man braucht willige Menschen die die Ideen bedingungslos umsetzen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.