Noir-Krimi "Asphaltdschungel" Nur die Sonne ist Zeugin

Ein ungewöhnlicher Krimi, ein großer Roman: In "Asphaltdschungel" macht Joseph Incardona das französische Autobahnraststätten-Netz zum Schauplatz einer Serienkillerjagd.

Raststätte - Mittelpunkt von Joseph Incardonas Krimi
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Raststätte - Mittelpunkt von Joseph Incardonas Krimi


Frankreich, im August 2015: Seit Wochen hat eine Gluthitze ganz Europa im Schwitzkasten. Auf sämtlichen Raststätten herrscht Ausnahmezustand; in der saharaheißen Luft ein Gemisch aus Benzin, Schweiß und dem Geruch von kochendem Asphalt. Mittendrin in diesem vom Dröhnen der Zwölf-Tonner beschallten Hochofen unter freiem Himmel: der ehemalige Rechtsmediziner Pierre Castan - ein Mann am Ende seiner Kräfte.

Monatelang hat Castan die Raststätten des Landes abgeklappert in der Hoffnung, den Mörder seiner achtjährigen Tochter Lucie zu finden. Hat sich durch Staus und tropisch heiße Nächte gequält, ist durch das Niemandsland der Autobahnen geirrt wie ein vom Licht der Sonne geblendeter Odysseus. Erfolglos.

Und so erwacht er schließlich eines Morgens dehydriert am Steuer seines Wagens - von Schmeißfliegen umschwirrt. "Er starrt auf die Fliegen, hat alle Fenster geschlossen, seinen Renault Vel Satis in die pralle Sonne gestellt. Er lässt seinen Körper glauben, dass das sein Mysterium ist, dass er so sterben wird. Und der Körper ist leichtgläubig, also fängt er an zu rebellieren, Notsignale zu senden: Durst, Magenkrämpfe, weißer Schaum in den Mundwinkeln."

Joseph Incardona: Klassiker des Genres geschaffen
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Joseph Incardona: Klassiker des Genres geschaffen

Ersonnen hat das Ganze der 1969 in Lausanne geborene Schriftsteller und Drehbuchschreiber Joseph Incardona, Sohn eines Sizilianers und einer Schweizerin. Vieles deutet schon jetzt darauf hin, dass sein Roman "Asphaltdschungel", für den er 2015 in Frankreich den renommierten "Grand Prix de Littérature Policière" erhielt, das Zeug zu einem Klassiker des Genres hat.

Faible fürs Tragische

Angefangen beim höchst ungewöhnlichen Setting seines raffiniert inszenierten Katz-und-Maus-Spiels: Es spielt sich innerhalb jenes geschlossenen französischen Transitsystems ab, dessen Raststätten sich für Castan zu verhassten Koordinaten seiner durch Staub und Hitze führenden Irrfahrt entwickeln. "Wohin gehst du, Pierre? Ich gehe durch die Nacht. Pierre ist ein Stein in seinem eigenen Schuh. Er denkt an sein früheres Leben, an den Beruf, den er ausgeübt hat, an das, was er wie selbstverständlich verdrängt, seitdem er auf der Jagd ist."

Preisabfragezeitpunkt:
01.07.2019, 11:35 Uhr
Ohne Gewähr

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Joseph Incardona
Asphaltdschungel: Roman (Lenos Polar)

Verlag:
Lenos
Seiten:
339
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Lydia Dimitrow

Doch Castan ist nicht allein mit seinem Schmerz und seiner Wut, denn er ist nur ein Stück in diesem raffinierten Noir-Patchwork. Als zwei weitere Mädchen auf Raststätten verschwinden, ist klar, dass ein Serientäter auf Frankreichs Haltestationen sein Unwesen treibt - ein Monster, das kleine Kinder frisst und ihre Eltern damit in Wracks verwandelt.

So hetzt Incardona seine Figuren so lange kreuz und quer über die Schauplätze, bis auch die Polizei in Gestalt der exzentrischen Ermittlerin Julie Martinez mitzumischen beginnt und der Gejagte, - ein tumber, seit einem schweren Unfall gefühlloser Fleischberg, der als Raststätten-Koch arbeitet - den heißen Atem seiner unterschiedlich motivierten Verfolger spürt.

"Ich habe ein Faible fürs Tragische", sagt Incardona mit Blick auf seine philosophischen und durchweg in sattem Moll angestimmten Romane. "Dabei widmen sich meine Bücher der Frage, ob wir wirklich wissen, wer wir sind, ehe wir einmal unserer dunklen Seite begegnet sind. Simenon prägte dafür den Begriff 'Le Roman de l'homme'". Tatsächlich geht sein Roman zuallererst von den Menschen und ihren beschädigten Gefühlen aus. Von Wesen, die nicht fertig werden mit ihren erlittenen Verlusten - und darüber zu blindwütigen Rächern oder resignierten Selbstzerstörern werden.

Ein Buch, das derzeit seinesgleichen sucht

So wie Castans Frau Ingrid, die ihren Schmerz über das Verschwinden ihrer Tochter mit nicht endenden Alkohol- und Selbstbefriedigungsexzessen zu kompensieren sucht. Oder all die anderen in dieser dunklen Travestie auftretenden kleinen und großen Verlierer, die längst ebenso untrennbar zum Bild der Raststätten gehören wie die Zapfsäulen oder die Trucker-Duschen: All die versprengten Stricher und Seelenverkäufer, die Incardona mit der Empathie eines Schriftstellers zeichnet, der begriffen hat, dass schon morgen alles anders sein kann, wenn es der Teufel so will. In seinem grandiosen Roman hört er stellvertretend auf den Namen Pascal - und trägt nach außen hin menschliche Züge.

"Ein guter Roman noir ist ein sozialkritischer Roman, der die Geschichte eines Verbrechens als vordergründige Handlung nimmt, um Missstände in der Gesellschaft aufzuzeigen." Dies bekannte der 1995 verstorbene Patrick Manchette, den Incardona zu seinen erklärten Vorbildern zählt. Der Franzose gilt als vielleicht wichtigster Vertreter des sogenannten Neo Polar, jener Variante des Roman Noir, die sich explizit auf die Meister des klassischen Hard-boiled-Krimis Hammett und Chandler bezieht.

Der Jazz-Liebhaber Manchette mischte in seinen Büchern die komplexen Harmonien des Bebop mit roher Gewalt und stilistischer Knappheit; Incardona, der Manchettes Noir-Credo mit seinem Roman eins-zu-eins erfüllt, fügt dem Ganzen nun die schwelende, scheinbar alles verzehrende Hitze des Hard Rock hinzu. Zu einem Buch, das derzeit seinesgleichen sucht.

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