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Neuer Asterix-Comic Beim Teutates! Da fliegt ein Twitter-Vögelchen!

Eine Wikilix-Affäre bringt das berühmte gallische Dorf in Aufregung - immerhin geht es um den Ruf in den Geschichtsbüchern! Der neue Asterix-Band über Kommunikation und Massenmedien im Check.

Wir befinden uns im Jahre 50 v. Chr. Ganz Gallien ist von Römern besetzt ...

Ganz Gallien?

Ja! Jedenfalls soll das zu Beginn des neuen, 36. Asterix-Bandes die römische Öffentlichkeit denken. Und deshalb streicht Julius Cäsar aus seinem Buch "Kommentare zum Gallischen Krieg" ("ein griffiger Titel, O Cäsar!") das Kapitel über die Kämpfe mit den Unbeugsamen aus dem kleinen Dorf in Armorica.

Spinnen die, die Römer?

Im Gegenteil, es handelt sich um einen teuflisch durchdachten Plan von Cäsars Berater und Verleger Rufus Syndicus, um dem Senat mehr Geld für weitere Feldzüge zu entlocken. Doch einer spielt nicht mit: Der stumme, numidische Schreiber Bigdatha wird zum Whistleblower und spielt die Papyrusrolle mit dem kritischen Kapitel einem gallischen Enthüllungsjournalisten namens Polemix zu.

Kommt einem irgendwie bekannt vor, die Geschichte...

Und ihr Protagonist erst! Denn dem "Kolporteur" Polemix hat Zeichner Didier Conrad unverkennbar die Züge von WikiLeaks-Gründer Julian Assange gegeben. Er bringt das Schriftstück in das uns wohlbekannte gallische Dorf und weist auf seine Brisanz hin: Damit wollen die Römer den Widerstand aus der geschichtlichen Überlieferung tilgen! Das wollen die Gallier um Asterix und Obelix aber nicht auf sich sitzen lassen.

Ist der Plot nicht ziemlich an den Haaren herbeigezogen?

Och, verglichen mit einer Ufo-Landung, dem ausgesetzten Sohn von Cäsar und Kleopatra oder was die Alleinherrschungsphase von Albert Uderzo über das Asterix-Universum sonst so an Absurditäten parat hatte, ist dieser Ploteinstieg doch geradezu klassisch. Cäsar hat eine vermeintlich clevere Idee, die im Dorf erst als Petitesse ankommt, aber dann ungeahnte Auswirkungen hat. Da haben sich Didier Conrad und der Texter Jean-Yves Ferri bei ihrem zweiten Band als Asterix-Autoren eher an René Goscinnys Großzeiten orientiert.

An welche Bände im Speziellen?

Nun, es gibt eine ausdrückliche Hommage an einige Abenteuer, die Cäsar in dem zensierten Kapitel nacherzählt, wie "Tour de France", "Der Arvernerschild", "Asterix bei den Spaniern", "Asterix auf Korsika" oder "Streit um Asterix". Ebenfalls genannt wird "Die Trabantenstadt". Und so wie dort die modernen Zeiten in Form einer Hochhaussiedlung die herkömmliche Wohn- und Wirtschaftsweise der Gallier herausfordern, so sind es diesmal die modernen Kommunikationsmittel der Römer: Zeitungen wie die "Gallische Revue", Bücher wie Cäsars Werk, aber auch Tauben, die dem Versand von Kurznachrichten dienen.

SMS-Tauben?

Ja, ein ziemlich ausgeklügeltes System mit einer Art Taubenserver, an dem die Nachrichten weitergegeben werden. Nur manchmal gibt es Pannen: "Ein klarer Fall von Informationspiraterie" heißt es, als eine Taube am Seeräuberausguck hängenbleibt - nur eine von zahlreichen sehr gelungenen Anspielungen auf die Kommunikationstücken der Gegenwart.

Und was haben die Gallier dem entgegenzusetzen?

Die bewährte Informationskette des gallischen Mund-zu-Ohr. Mündliche Überlieferung, Oral History. Dafür sind natürlich vor allem die Druiden zuständig. Einer ruft mit einem Schilfrohr "Twiiiet! Twiiiet" und die Twitter-Vögelchen fliegen drumherum. Fallstricke gibt es allerdings auch hier: Der Druiden-Altmeister ist schon ein bisschen tüdelig und nennt Miraculix auch mal Midlifekreisix oder Missverständnix.

Gibt's noch mehr lustige Namen?

Oh ja! Viele! Aber verraten wollen wir hier erstmal nur noch die der römischen Palastwachen Datenflus und Antivirus.

Dieses ganze neumodische Kommunikationsgedöns - "Asterix" spielt doch in der Römerzeit!

Lateinlehrer können ganz unbesorgt sein: Es kommen natürlich auch wieder gelehrte Zitate vor. Ich sage nur: "Dat veniam corvis, vexat censura columbas"*. Und Freunde der griechischen Antike dürfen sich über einen Druiden auf "Wahrsagerpraktikum in Delphi" und auf eine Top-Odysseus-Anspielung freuen.

So viel Gelehrigkeit - kann man auch mal einfach loslachen?

Dafür ist natürlich Obelix da, der diesmal von seinem Horoskopspruch in der "Gallischen Revue" geplagt ist: "Meiden Sie Konflikte, mehr Selbstkritik, weniger Wildschwein". Daraus resultieren starke Gags und herrliche Gesichtsausdrücke.

Erkennt man denn, dass nicht mehr Uderzo zeichnet?

Beim ersten Band der neuen Autoren, "Asterix bei den Pikten", stand auf dem Titelbild noch Uderzos Signatur neben der von Didier Conrad. Diesmal unterschreibt Conrad alleine - und das zurecht. Natürlich bedient er in erster Linie das klassische Repertoire, mit kleinen Idefixgags und Gesichtskarikaturen, aber mit seinen New-Age-Zitaten im Druidenwald oder der psychedelischen Farbgebung einer Orgie im Verlagsmilieu erlaubt er sich schon eigene Akzente.

Gar nichts zu meckern also?

Nein, eigentlich nicht. "Der Papyrus des Cäsar" wird getragen von sehr frischen Dialogen. Fern sind die Tage von Uderzos Altmännerwitzeleien, das Heft ist voll von hochaktuellen Anspielungen zu Medienkritik, Technologie und Überwachung. Es gibt gelungene Nebenplots (herrlich, wie der Kolporteur als Ghostwriter von Majestix' Memoiren stöhnt), aber auch die Hauptsache, das lustige Comic-Abenteuer, trägt. Jean-Yves Ferri und Didier Conrad haben dem Klassiker neues Leben eingehaucht, gerade weil sie sich so offenkundig seines Klassikerstatus bewusst sind.


(*"Den Raben verzeiht, die Tauben plagt die Kritik.")

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Jean-Yves Ferri/Didier Conrad:
Asterix 36: Der Papyrus des Cäsar

Aus dem Französischen von Klaus Jöken.

Egmont Comic Collection; 48 Seiten; 12 Euro

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