So ist »Asterix und der Greif« Ein Hoch auf Regengus! Abschiedsgrus! Sagleiseservus!

Die Aufgabe der heutigen Erben der Erfinder von Asterix und Obelix ist schwer – Nerds im Boomeralter wollen sie ebenso gefallen wie Elfjährigen. Zu klären ist vor allem eine Frage: Gibt es was zu lachen?
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Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo / Egmont Ehapa Media

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Vielleicht hätte man ihn sterben lassen sollen, vor langer Zeit schon. Im Schwertgefecht erstochen vom korrupten Häuptling Moralelastix (»Klirr! Klirr! Klirr!«) in »Asterix und der Kupferkessel«, ertrunken in den Fluten des Atlantischen Ozeans in »Die Große Überfahrt« oder verdurstet in den nahöstlichen Wüsten von »Die Odyssee«. Gelegenheiten gab es genug.

Aber »die Show muss weitergehen«, wie Anne Goscinny schon 2009 im Vorwort von »Asterix & Obelix feiern Geburtstag« verfügte. Und das Wort der Tochter eines der beiden Schöpfer ist Gesetz .

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"Asterix und der Greif"

Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo / Egmont Ehapa Media

Mit »Asterix und der Greif« liegt nun das 39. Album um den unbeugsamen Gallier, seine unbeugsamen Freunde und seine zerbeulten Feinde vor. Gezeichnet hat Didier Conrad, getextet und ausgedacht hat sich das Abenteuer Jean-Yves Ferri. Es ist der fünfte Versuch eines Gespanns, das am Erbe von René Goscinny und Albert Uderzo schwer zu tragen hat.

Darin eilen Asterix, Obelix, Miraculix und Idefix den fernen Sarmaten in der zentralasiatischen Steppe zu Hilfe, die von einem habgierigen Trupp römischer Legionäre bedrängt werden. Die Römer suchen nach deren Totemtier, dem Greif.

Ist er geglückt? Hängt davon ab, woran man »Asterix und der Greif« messen möchte.

Kommerziell ist die Serie ein Selbstläufer, die in mageren Jahren die komplette Branche stützt. Das würde vermutlich auch für einen Band wie »Asterix und die Einkommensteuervorauszahlung« gelten. Es wird viel Geld verdient mit einer Figur, um die inzwischen ein ganzer Kosmos aus lizenzierten Produkten sich dreht. Für die ganz Kleinen erscheint demnächst das Prequel »Idefix und die Unbeugsamen«, ein internationales Publikum darf sich auf eine animierte Netflix-Staffel freuen.

Künstlerisch wäre in Anschlag zu bringen, dass Conrad mit seinem Strich zwar Uderzo nachempfindet, dessen Detailtiefe aber nie erreicht. Dafür hat sein flotter Strich andere Qualitäten, ist eine etwas fahrige Choreografie etwa von Kampfszenen auch verzeihlich. Anne Goscinny sprach von »den großen Fußspuren« der Urheber, in denen nun die Neuen »ihre eigenen Wege finden müssten« – so groß sind diese Spuren.

Kulturell hat es ein »Asterix« 2021 besonders schwer. Es ist eben kein exklusiver Liebhaberband für Comic-Nerds aus der Boomer-Generation, die noch im Schlaf die besten Punchlines von 1973 herbeten können – und eigentlich lieber in alten »Tim und Struppi«-Heften blättern.

Ein »Asterix« soll die Elfjährige ebenso begeistern wie die gleiche Elfjährige, Jahrzehnte später, wenn sie beim fünfundvierzigsten Lesen plötzlich eine versteckte Anspielung versteht.

Man denke nur an Numerobis, den Ägypter, wie er zu Beginn von »Asterix und Kleopatra« durch den Schnee stapft, Miraculix die Hand schüttelt und sagt: »Ich bin, mein lieber Freund, sehr glücklich, dich zu sehen!«, und der Druide den sowohl in Geografie als auch klassischem Versmaß eher stutzigen Galliern erklärt: »Das ist ein Alexandriner!«.

Die Frage wäre also einfach, ob es etwas zu lachen gibt – oder wenigstens zu schmunzeln. Oder ob die Momente überwiegen, in denen man eher schamhaft weiterblättert. Wenn einer Elfjährigen zuzumuten ist, über eine bildungsbürgerliche Anspielung hinwegzulesen, sollte ihr Vater auch einen unterkomplexen Scherz verkraften können.

Ob ein Gag gelungen ist, liegt im Auge des Betrachters. Der eher schlicht gestrickte Rezensent aber freut sich schon auf der ersten Seite, wenn zwei Legionäre über die Palisaden des letzten Vorpostens ihrer Zivilisation in die Nebel des rätselhaften Niemandslandes spähen: »Da hinten läuft ein Buconibante!« – »Ist das nicht eher ein Aduatuker?«.

Komisch auch der Gleichmut touristischer Reiseführer, mit dem die skythischen Späher der Römer über die bedrohliche Wildnis schwadronieren, in der die Legion allmählich wahnsinnig wird: »Dieses unberührte Hinterland bietet abseits ausgetretener Pfade zahllose Möglichkeiten zum Wandern!« – »Ideal für einen ländlichen, entspannten Kurzurlaub als Paar oder mit Freunden!«.

Ferri hat zur Vorbereitung griechische Berichterstatter wie Aristeas von Prokonnesos gelesen, dazu die klassischen Berichte von Herodot. Den Tableaus von Conrad ist anzumerken, dass er Flora und Architektur der unbekannten Gebiete studiert hat. Die Recherche hat genug Hand und Fuß, dass es für einen Comic trägt.

Gesellschaftliche Fragen sind elegant angedeutet, aber nicht ausgemalt. Die Legion erliegt Verschwörungstheorien, fühlt sich »manipuliert« und tanzt irgendwann, Blüten streuend und in luftigen Kleidchen, um angesichts der fremden Dämonen die Hilfe einer römischen Göttin zu erbitten – bis zum cholerischen Anfall des Zenturios: »Schluss jetzt! Wir sind doch keine Wilden!«.

Ein wenig plump ist die Umkehr traditioneller Geschlechterrollen bei den Sarmaten, wo die Frauen als Amazonen das Sagen haben, die Männer hingegen Heim und Herd hüten. Wer sich im »Asterix«-Kosmos verliebt, wie diesmal die Römer in die starken Damen oder starke Damen in Obelix, errötet und stammelt. Krieg ist hier Frauensache und »gallische Diplomatie« – eine ausnahmsweise politische Anspielung – nicht erwünscht.

Man liest also mit Vergnügen und blättert ohne Bedauern. Dämpfer gibt es dennoch. Bei einer dramatischen Szene mit einer weggespülten Brücke wird auch nach wiederholtem Studium nicht klar, was genau da eigentlich passiert ist – außer, dass diesmal Legionäre (Regengus! Abschiedsgrus! Sagleiseservus!) offenbar tatsächlich ums Leben kommen.

Vollkommen grundlos müssen in einem einzigen Bild »währenddessen, sehr, sehr weit entfernt« auch noch die Piraten auftauchen – einfach, um sie mal gezeigt zu haben. Vielleicht kündigt sich hier der nächste Spin-off an. Andere Details wiederum sind entzückend gerade in ihrer Wortlosigkeit – etwa der römische Soldat, der aus Liebe bei den Amazonen bleibt. Oder das lächerlich krumme und schiefe Lager, das sich die römische Resttruppe zusammenzimmert.

Am Ende haben, bis auf ein paar Römer, alle dieses Abenteuer überlebt. Auch »Asterix«, auch sein Nimbus. Die Show darf gern weitergehen, wenn sie es auf diesem Niveau tut.

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