"Asterix und Latraviata" Die spinnen, die Gallier

Seit heute liegt der 31. Asterix-Band am Kiosk, doch für die treue Fangemeinde gibt es keinen Grund zum Jubeln: Die einst glanzvolle Comic-Reihe leidet unter platten Texten und banalem Inhalt.

Wir befinden uns im Jahre 2001 n. Chr. - ganz Europa ist von japanischen Manga-Comics besetzt. Ganz Europa? Nein! Ein hartnäckiger - und mittlerweile greiser - Comiczeichner namens Albert Uderzo hält die Stellung und sagt den modernen Helden noch einmal den Kampf an. "Asterix und Latraviata", der 31. Band der wohl erfolgreichsten europäischen Comic-Serie, ist seit heute erhältlich.

Seit geraumer Zeit läuft die PR-Maschinerie des Egmont Ehapa-Verlags auf Hochtouren. Redakteure und Buchhändler wurden im monatlichen Abstand mit der eigens entworfenen Zeitschrift "L'Asterisque" beworfen, und ein Gewinnspiel sollte zusätzlichen Appetit auf das 31. Abenteuer des wohl größten Umsatzbringers der deutschen Comic-Industrie entfachen. Die Startauflage von 2,5 Millionen Exemplaren (acht Millionen weltweit) spricht Bände - der kleine gallische Knirps und sein dicker Kumpan werden als kassenträchtige Selbstgänger angesehen, als wahrhaft letzte Bastion der klassisch-moralischen Comic-Abenteuer, die sich im Heftchen-Regal immer weniger gegen Superhelden und Pokémons durchsetzen können.

Und doch wirkt der gigantische Webeaufwand - allein die vom französischen Verlag, der Editions Albert René, beauftragte Agentur Piment verfügte über einen Etat von 2,4 Millionen Mark - wie ein angstvolles Aufbäumen gegen den nachlassenden Charme des Gallier-Duos. Albert Uderzo, seit dem Tod seines Texters und Kompagnons René Goscinny allein am Ruder der Asterix-Industrie, konnte den feinsinnigen Esprit der frühen Bände nicht in die achtziger und neunziger Jahre retten. Die Klagen über zunehmende Verflachung der Geschichten und Dialoge steigerten sich natürlich auch, je älter, reflektierter und anspruchsvoller die Anhänger der seit 1968 erscheinenden Antik-Saga wurden. Der kindliche Asterix-Leser ist längst eine aussterbende Gattung. Uderzo selbst, fast 74 Jahre alt und unlängst Großvater zweier Enkel geworden, müht sich folglich immer verkrampfter, seine in die Jahre gekommenen Helden einerseits für die Jugend frisch zu halten, gleichzeitig aber auch, sie endlich zu Grabe zu tragen.

Den Tiefpunkt dieser forcierten Evolution markiert der jüngste Band "Asterix und Latraviata". Abgesehen von der dünnen Story, die sich im Wesentlichen auf eine leidlich lustige Verwechslungsgeschichte um die attraktive, aber schnarchlangweilige Blondine Falbala stützt, geht es - wie schon in den letzten Bänden - um die familiäre Situation der chronischen Junggesellen Asterix und Obelix. Die Mütter der beiden oft schon in den Ruch der Homosexualität gekommenen Raubeine versuchen mit Hochdruck, ihre renitenten Söhne unter die Haube zu bringen, was natürlich erneut misslingt. Darüber ärgert man sich spätestens, wenn nach einer Vielzahl flacher Gags und einigen bemüht wirkenden Abstechern in die römische Geschichte und Opernwelt Guiseppe Verdis das obligatorische Festbankett auf der letzten Seite erreicht ist. Sollen die beiden doch endlich heiraten, denkt man frustriert, dann wäre endlich Schluss mit ewiger Männerfreundschaft und standardisiertem Römer-Klatschen - und die liebe Leser-Seele hätte ihre Ruh', ehe noch mehr nostalgisches Wohlgefühl im Orkus der Banalisierung verschwindet.

Doch so einfach wird es uns nicht gemacht. Im Gegenteil: Wo früher lehrreiche Latein-Zitate und subtile Andeutungen in den Sprechblasen glänzten, dominieren nun grelle und vergängliche Werbe-Slogans ("Das verleiht Flügel") und platte Aktualitäts-Bezüge (ICE, BSE; "Owerneitkurier"). Am schlimmsten jedoch sind die Lautmalereien des deutschen Übersetzers Michael Walz, die - haha, wie witzig - an deutsche Politikernamen erinnern sollen. Da ertönt beim Faustschlag ein sattes "Josch! Kahh!" oder beim Tanz ein blödes "Sch...Röd! Röd! Röd!". Dazu wird kräftig "herumgestoibert" und "ausgemerkelt", was der Moelemanus hergibt. Dümmer geht's nimmer. Passend wiederum, dass Obelix sich im neuen Band ("Die spinnen, die Römer") erstmals selbst bezichtigt: "Ich spinne, ich". Leider wahr. Her mit den japanischen Superhelden ...

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