Attacke auf Bücher in Berliner Bibliothek »Hinter der Tat sehe ich eine deutliche rechtsextreme Motivation«

In einer Berliner Stadtbibliothek sind Bücher zerstört worden, die sich mit der Rechten befassen. Ihr Chef Boryano Rickum machte den Vorgang öffentlich. Hier erklärt er sein Motiv.
Ein Interview von Thomas Schmoll
Boryano Rickum, Leiter der Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg

Boryano Rickum, Leiter der Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg

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Thomas Schmoll

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SPIEGEL: Zunächst einmal: Was ist passiert?

Boryano Rickum: Vor einigen Tagen fand ein Auszubildender einen Korb, wie er zum Transport der bei uns zu leihenden Werke benutzt werden kann. Er enthielt sieben Bücher, die zerschnitten oder sonst wie zerstört worden waren. Alle hatten eine Gemeinsamkeit: Sie setzen sich kritisch mit rechten gesellschaftlichen Tendenzen auseinander oder erzählen Biografien von Sozialisten, nämlich Karl Marx und Clara Zetkin. Hinter der Tat sehe ich eine deutliche rechtsextreme Motivation.

SPIEGEL: Ist das der erste Fall dieser Art gewesen?

Rickum: Seit Jahren kommt es regelmäßig zu rechtsextremen Schmierereien an und im Gebäude der Bibliothek. Immer wieder wurden von Rechten Flyer und Broschüren ausgelegt, alles ungefragt und ohne unsere Einwilligung. Schmierereien bringen wir zur Anzeige bei der Polizei. Die mutwillige Zerstörung von Büchern aber ist eine neue Qualität, die das Fass bei meinen Kolleginnen sowie Kollegen und mir zum Überlaufen gebracht hat.

SPIEGEL: Und deshalb haben Sie den Vorgang öffentlich gemacht?

Rickum: In Bibliotheken werden immer wieder Dinge mutwillig zerstört. Das war für mich nicht der Punkt, zumal der Sachschaden mit 120 Euro gering ist. Die politische Symbolkraft ist das Übel. Intern hatten wir den Vorfall mit dem für uns zuständigen Stadtrat Matthias Steuckardt von der CDU und unserer Amtsleitung erörtert. Herr Steuckardt hat uns stark unterstützt. Neben einer Pressemitteilung des Bezirks habe ich den Vorfall auf meinem privaten Twitter-Account aufgegriffen und bin ehrlich überrascht, dass der Tweet derartig viral geht. Das Interesse ist riesig.

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SPIEGEL: Haben Sie Strafanzeige erstattet?

Rickum: Das haben wir selbstverständlich getan. Gegen unbekannt. Das machen wir immer bei Sachbeschädigungen. Wir sind uns in der Bibliothek einig, dass das dieses Mal nicht reicht. Das Geschehen muss Folgen haben. Wir wollen auf alle Fälle ein Zeichen setzen: Bis hierher und nicht weiter.

»Ich möchte diesen antidemokratischen Akt gern ins Gegenteil verkehren.«

Boryano Rickum

SPIEGEL: Was haben Sie vor?

Rickum: Ich möchte diesen antidemokratischen Akt gern ins Gegenteil verkehren. Bücher sollen gelesen und reflektiert und nicht zerstört werden. Wir diskutieren bei uns über Veranstaltungen oder Lesungen rund um das Thema Meinungsfreiheit. Wir werden die zerstörten Titel neu beschaffen und überlegen, wie wir sie herausheben und den Kontext darstellen können, was mit den Exemplaren, die wir vorher im Bestand hatten, passiert ist. Es wäre schön, wenn andere Bibliotheken überall in Deutschland mitmachen würden.

SPIEGEL: Aber Bibliotheken sind doch grundsätzlich zur Überparteilichkeit verpflichtet.

Rickum: Bibliotheken haben dafür Sorge zu tragen, Meinungs- und Informationsfreiheit zu garantieren. Damit bleibt uns jetzt gar nichts anderes übrig, als uns zu wehren. Wenn Bücher wegen ihres Inhalts vernichtet werden, steht etwas Grundsätzliches zur Debatte, das die ganze Gesellschaft angeht. Wenn das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Meinungsfreiheit auf solche Weise missachtet wird, haben wir die Pflicht, es zu verteidigen und öffentlich zu signalisieren: Stopp, hier wurde eine Grenze überschritten. Und zwar unabhängig davon, wie man zu dem Inhalt der Bücher steht.

SPIEGEL: Wissen Sie, ob es ähnliche Fälle in Berlin gab?

Rickum: Ich kann dazu gerade noch nichts Konkretes sagen. Der Austausch zwischen den öffentlichen Berliner Bibliotheken dazu folgt. Aber ich weiß sicher: Kolleginnen und Kollegen nehmen derlei Vorfälle genauso ernst wie ich. Bibliotheken sind Orte der Demokratie.

SPIEGEL: Die Debatte, ob man sehr rechts- oder linkslastige Werke aus Bibliotheken werfen soll, poppt immer wieder auf. Wie stehen Sie dazu?

Rickum: Diese Frage wird in der Bibliotheksfachwelt rege und kontrovers diskutiert. Ich denke, dass wir insbesondere rechte Gedankenwelten und deren Verbreitung als Gesellschaft nicht fördern dürfen. Es muss aber immer der Kontext mitgedacht werden, warum sich Menschen mit solchen Inhalten auseinandersetzen. Besser, sie leihen sich solche Titel in Bibliotheken, als dass sie sie kaufen und damit noch antidemokratische Kräfte finanziell unterstützen.

SPIEGEL: Gab es auch Fälle, dass Bücher zerstört worden sind von Autoren, denen ein Hang zur rechten Szene nachgesagt wird?

Rickum: Noch nie. Jedenfalls nicht bei uns.

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