Erinnerungen von Auschwitz-Zeugin Was war und was nie wieder geschehen soll

Sie wog noch 26 Kilo - aber sie hatte Auschwitz überlebt: Die bewegenden Erinnerungen von Ginette Kolinka erscheinen erstmals auf Deutsch.
Ginette Kolinka tritt noch öffentlich auf

Ginette Kolinka tritt noch öffentlich auf

Foto: JF Paga/ Aufbau

In den ersten Jahren nach der Befreiung erzählte Ginette Kolinka nichts. Nichts von dem, was sie in Auschwitz, Bergen-Belsen und Theresienstadt erlebt hat. Nichts von dem, was ihrem Vater und ihrem Bruder widerfahren ist, nichts von Hunger, Krankheit und körperlicher Gewalt. Aber wenn man sie damals fragte, wie es denn gewesen sei, im Lager und bei den Nazis, dann antwortete sie immer mit demselben Satz: "Wenn ich einmal ein Kind habe und das alles wieder von vorne losgeht, werde ich es eigenhändig erwürgen."

Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, tut Ginette Kolinka alles, was in ihrer Macht steht, um zu verhindern, dass das "wieder von vorne losgeht". Immer wieder erzählt sie von ihrem Leidensweg durch die Konzentrationslager. Im hohen Alter hat sie jetzt auch noch ein Buch geschrieben - oder besser schreiben lassen: Die französische TV-Journalistin Marion Ruggieri hat Kolinka befragt und ihre Geschichte aufgezeichnet. Das Buch ist bereits ein großer Erfolg in Frankreich. Nun, zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945, erscheint Kolinkas Bericht "Rückkehr nach Birkenau. Wie ich überlebt habe" auch auf Deutsch.

Kolinka, 94, zählt zu den letzten Überlebenden, die noch öffentlich als Zeugen auftreten. Nach Auschwitz-Birkenau ist sie in den vergangenen Jahren nur aus einem einzigen Grund zurückgekehrt: Sie wollte französischen Schülerinnen und Schülern an Ort und Stelle berichten, was war und was nie wieder geschehen soll.

Der Verlust jeglicher Intimität

In den vergangenen Jahren sind erfreulich viele Erinnerungsbücher über den Holocaust veröffentlicht worden. Erfreulich deshalb, weil diese Dokumente bald die einzigen Zeugnisse sein werden, die unmittelbar von dem Schrecken der Lager erzählen. Kolinkas Buch unterscheidet sich von den meisten anderen dadurch, dass sie sich ganz auf ihre Erinnerungen verlässt und auf Erklärungen verzichtet, die erst im Nachhinein hinzugefügt werden könnten: Man habe damals ja im KZ auch nicht gewusst, was in der Außenwelt geschah, sagt sie, was mit den Freunden und Verwandten daheim oder in anderen Lagern passierte.

Foto: Daniel Naupold/ picture alliance/dpa

Ginette Cherkasky, so lautet ihr Mädchenname, wurde am 4. Februar 1925 in Paris geboren. Sie wuchs in bescheidenden Verhältnissen zusammen mit fünf Schwestern und einem Bruder auf. Nach der Besetzung durch deutsche Truppen floh die jüdische Familie 1942 in den Süden Frankreichs. Eines Tages geriet sie zusammen mit Vater, Bruder und einem Neffen in die Fänge der Nazis, wurde ins Lager Drancy verschleppt und dann, im April 1944, nach Auschwitz.

Anzeige
Kolinka, Ginette

Rückkehr nach Birkenau: Wie ich überlebt habe

Verlag: Aufbau Verlag
Seitenzahl: 124
Für 18,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Vater und Bruder kamen sofort in die Gaskammer, das Schicksal des Neffen blieb unbekannt. Ihre eigenen Erinnerungen konzentrieren sich auf die physischen und psychischen Entbehrungen, die der Alltag in Birkenau abverlangte.

Schockierend war bereits der Verlust jeglicher Intimität ganz am Anfang: Das 19-jährige Mädchen hatte bis dahin nicht einmal die eigenen Schwestern nackt gesehen. Nun musste es sich zusammen mit Dutzenden fremden Frauen vollständig entkleiden. Andere Häftlinge tätowierten und rasierten sie. Danach warf man den Neuankömmlingen abgetragene Kleider zu, Ginette bekam nur einen Pullover und einen Rock, keine Unterwäsche. Schließlich ging es zu den Duschen, aus denen wenige Tropfen kalten Wassers kamen. "Wir sehen uns an", erzählt sie, "nackt, Scham und Schädel rasiert, schlotternd und verstört. Erniedrigt."

In ihrer Baracke angekommen, folgten die nächsten Torturen: Aufseher und Kapos, also Gefangene, die in der Lagerhierarchie eine Stufe höher angesiedelt waren, schlugen die Häftlinge bei jeder Gelegenheit. Gewalt wurde zu einer alltäglichen Erfahrung: wenn jemand beim Appell nicht exakt in der Reihe stand, wenn jemand krank und zu schwach war, um zu arbeiten - oder einfach aus sadistischen Motiven. Man habe sie "die ganze Zeit geschlagen, den ganzen Tag, für nichts und wieder nichts", so Kolinka im Buch.

Anzeige
Susanne Beyer und Martin Doerry (HG.)

»Mich hat Auschwitz nie verlassen«: Überlebende des Konzentrationslagers berichten - Ein SPIEGEL-Buch

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Seitenzahl: 288
Für 29,99 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Schließlich der quälende Hunger. Jedes Stück Brot war kostbar und musste, wenn es nicht gleich aufgegessen wurde, vor den Mithäftlingen gut versteckt werden. Jeder bestahl jeden. Als Ginette kurz vor Kriegsende bei einem Transport mit der Bahn eine ganze Woche lang nichts mehr zu essen bekommen hatte und endlich den Waggon verlassen durfte, kroch sie auf allen Vieren am Bahndamm entlang und stopfte sich Mengen von Gras in den Mund.

Wenige Wochen nach der Befreiung konnte sie sich bei einem Arztbesuch in ihrer Heimat erstmals wieder auf eine Waage stellen. Sie wog noch 26 Kilo - aber sie hatte überlebt.