Autobiografische Comics Die Drecksarbeit der Erinnerung

Von der persönlichen Erfahrung gezeichnet: Autobiografische Comics bilden seit den sechziger Jahren ein eigenes Genre. SPIEGEL ONLINE hat die besten Neuerscheinungen gelesen - und stieß auf tragische und komische Lebensbeichten.


Alison Bechdel - Fun Home

Schon in den sechziger Jahren brachte Robert Crumb lustvoll seine Obsessionen zu Papier und wurde damit zu einem der Helden der Hippiekultur. Nahezu zeitgleich begann Harvey Pekar mit seinen Aufzeichnungen des tristen Vorstadt-Alltags, die er unter dem Titel "American Splendor" bis heute fortführt.

Kiepenheuer & Witsch
Autobiographische Comics bilden heutzutage ein weitgefächertes eigenes Genre und reichen von kurzen Tagebuchaufzeichnungen, wie sie etwa der Berliner Zeichner Flix betreibt, bis hin zum großen Zeitgeschichtsroman wie Art Spiegelmans "Maus".

Alison Bechdel setzt sich mit "Fun Home" also in ein gemachtes Nest. Fun Home, das ist in Wirklichkeit das Funeral Home, das Beerdigungsinstitut, das ihre Familie in den sechziger Jahren in einer Kleinstadt im Nordosten der USA betreibt.

Es ist aber auch der sarkastische Ausdruck für ihre Lebensumstände als Kind. Mit einem Vater, der jahrzehntelang seine Homosexualität unterdrückt, einen permanenten Hass auf Frau und Kinder entwickelt und das Haus der Familie nach und nach zu einem Spielzeughaus umbaut: voller Rüschen, viktorianischer Relikte, ziselierter Türrahmen und rosa Vorhänge. Und Spiegel, überall Spiegel.

Ein Puppenhaus ist es also, in dem Bechdel schon mit zehn Jahren eine gewaltige Zahl Zwangsneurosen entwickelt und in dem sich am Ende jedes Familienmitglied in seine eigene Traumwelt flüchtet. Die Mutter als Laienschauspielerin, der Bruder als Bastler von Flugzeugmodellen, Alison flieht erst in ihr Tagebuch und dann ins Comic-Zeichnen.

Kiepenheuer & Witsch
Rückblickend versucht Bechdel diesen Haufen von Neurotikern zu analysieren. Als Aufhänger dient ihr dabei eine faszinierende Spiegelbildlichkeit: Alisons Vater war schwul, seine Tochter ist lesbisch. Das ganze Buch besteht aus solchen Gegensätzen. Dem Tod des Vaters steht das Coming-out der Tochter gegenüber. Dem Hang des Vaters zu allem Weiblichen der Versuch Bechdels, schon als Kind möglichst männlich zu wirken. Kitsch contra Puritanismus, Realitätsflucht kontra Lebenssuche.

Mit "Fun Home" leistet Alison Bechdel Detektivarbeit im eigenen Leben. Sie kramt nicht nur ein bisschen in Erinnerungen und erzählt diese nach, sie taucht tief ein, prüft alles, was noch in ihrem Kopf herumschwirrt, bezieht Briefe, Fotos, Tagebuchnotizen, sogar Polizeiakten ein.

Als Kontrast zu dieser Sachlichkeit steht die nonlineare Erzählweise des Buches. Sie hängt sich nicht am zeitlichen Ablauf auf, sondern an literarischen Oberthemen. Jedes der sieben Kapitel bezieht sich auf eines von sieben Lieblingsbüchern des Vaters. Von Fitzgerald bis Joyce, von Wilde bis Proust, von griechischen Sagen bis Kenneth Grahams "Der Wind in den Weiden".

Bechdel vergleicht ihre eigene Erlebnisse mit denen aus diesen Büchern, Verwandte und Bekannte mit literarischen Figuren. Eine weitere Spiegelebene tut sich damit auf, Bechdels eigenes Leben wird offenkundig zu Literatur. "Eine Familie von Gezeichneten" heißt es, wiederum doppeldeutig, im Untertitel des Bandes.

Es ist Bechdels große Stärke, daß sich der Leser in diesem Spiegelkabinett nicht verliert. Bechdels klare Erzählstimme, ihre aufgeräumten Zeichnungen sind großartige Führer durch diese seltsame Sache, die sich Leben nennt. Stefan Pannor

Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 19,95 Euro

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.