Autor Clemens Meyer "Bin noch da, ihr Schweine!"

Er ist der Vorzeige-Proll des deutschen Literaturbetriebs. Dabei kann seine Prosa zart sein, fragil und höchst differenziert. Mit dem Werk "Gewalten" sprengt Clemens Meyer die Konventionen des Tagebuchs. Endlich mal wieder ein Text, der wehtut.

Autor Meyer: "Das will ich nicht noch mal machen"
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Autor Meyer: "Das will ich nicht noch mal machen"

Von Wiebke Porombka


"Ich bin noch da, ihr Schweine!" Das ist doch mal ein Satz, den man öfter von zeitgenössischen Autoren hören möchte, gerade von den jüngeren. Aber leider fügen sich die meisten genauso brav in den auf mittlere Tonlagen eingestimmten Literaturbetrieb wie ihre Bücher. "Ich bin noch da, ihr Schweine!" - mit diesem wütenden Schrei endet nicht nur das erste Kapitel des neuen Buches von Clemens Meyer, Jahrgang 77. Er gibt auch dessen Grundton vor. "Gewalten" heißt das Werk. Untertitel: "Ein Tagebuch".

Wo von Tagebüchern die Rede ist, denkt man schnell an die süß-seichten Geheimnisse pubertierender Mädchen oder an die Grandseigneurs des Literaturbetriebs. Gerade erst sind mit neuen Tagebuch-Bänden von Martin Walser und Max Frisch die Notate zweier literarischer Schwergewichte auf die Büchertische gekommen, in denen sich Feuilleton und Literaturwissenschaft nun auf Trüffelsuche begeben können.

Meyers Buch ist nicht nur deutlich schmaler als konventionelle Tagebuchwälzer, es sprengt auch den Rahmen des Genres. Trüffel im Sinne kulinarischer Lesegenüsse sucht man darin vergebens, dafür ist es aber der umwerfendste Text dieses Frühjahrs. Das ist wörtlich zu verstehen: Mit Erschütterungen ist zu rechnen, Zartbesaitete werden es nicht leicht haben bei der Lektüre. Aber gerade deshalb sollte man sich ihr aussetzen. Dieses Buch will ein Zumutung sein - für den Leser genauso wie für den Autor.

Vivisektion eines Jahres

In elf Kapiteln, die mehr Erzählungen sind als Tagebuchaufzeichnungen, blickt Meyer auf das Jahr 2009. Was er sieht: Gewalt, Schmerz und Wahnsinn. Es beginnt mit einem nächtlichen Psychiatrieaufenthalt, der immer wieder ins Alptraumartige, Surreale abgleitet. Ein Mann kämpft mit den Fesseln, die ihn ans Bett binden, vollführt einen Veitstanz mit dem Lattenrost, plötzlich wechselt die Perspektive und er schaut von oben auf sich selbst hinab. Schließlich kommen Pfleger, pressen ihm ein Kissen ins Gesicht und rammen ihm eine Spritze in den Arm.

In anderen Erzählungen verarbeitet Meyer Ereignisse, die im zurückliegenden Jahr die Medien bestimmt haben: Guantanamo, Abu Ghuraib, den Amoklauf von Winnenden, die Ermordung der achtjährigen Michelle - ganz in der Nähe von Meyers Wohnung übrigens, der seit seiner Kindheit im Ostteil Leipzigs lebt.

Seit seinem Debütroman "Als wir träumten" (2006) und dem Erzählungsband "Die Nacht, die Lichter" (2008) gilt Meyer, der vornehmlich von Gestalten am Rande der Gesellschaft erzählt, als Vorzeige-Prolet des Literaturbetriebs. "Ein Mann, ein Colt, ein Dosenbier": Sichtlich genervt zitiert Meyer in breitem Sächsisch, wie in Besprechungen zu seinem neuen Buch notorisch auf sein Image angespielt wird. Das sei doch vollkommen unerheblich. Auch die Spekulationen darüber, wie das Verhältnis von Authentizität und Fiktion in seinem Buch ist, findet er nebensächlich.

Dennoch betreibt er selbst ein Spiel mit diesen beiden Ebenen: Alle Ich-Erzähler in den elf Erzählungen heißen - wenn sie denn einen Namen haben - Clemens, wohnen, so wie Meyer, in einer Hochparterrewohnung im Leipziger Osten und haben, wie Meyer, einen alten Hund, der schließlich eingeschläfert werden muss (eine wunderschön traurige Szene, wie überhaupt alle Passagen über den Hund, der nicht mehr richtig fressen kann und dem vor Altersschwäche ständig die Beine wegrutschen).

"Das kann den Leuten doch egal sein, was daran wahr ist", sagt Meyer. Die sollten sich mal lieber die literarische Qualität der Texte anschauen. Leise Töne waren noch nie sein Markenzeichen - wer erinnert sich nicht an seinen bierseligen Jubelschrei, als er 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse gewann?

Tiefgang auf die Schnelle

Aber recht hat er. Wenn er ein imaginäres Gespräch mit dem psychisch kranken Mörder der kleinen Michelle führt oder aber seinen Erzähler die Folterbilder von Abu Ghuraib betrachten lässt, dann ist das nicht nur eine eindringliche Studie darüber, wie ein Autor sich Material aneignet und vergegenwärtigt, sich der Welt um ihn herum aussetzt. Es ist bei aller Härte der Themen auch virtuos und fein erzählt. Das ist schon allein deshalb beachtenswert, weil Meyer für sein Projekt, das von einem Stipendium unterstützt und allererst initiiert wurde, nur ein Jahr zur Verfügung stand.

So schnell und so zeitnah habe er noch nie geschrieben, sagt Meyer. Das Buch sei ein Experiment gewesen, in das er sich hineingeworfen habe. Das sei wahnsinnig anstrengend und aufreibend gewesen.

"Manchmal möchte ich mein ganzes Geld verspielen und in der Gosse landen", sagt eines seiner Erzähler-Ichs im zweiten Teil des Buches. Ist das nun ein autobiografisches Ich? Meyer lacht. Natürlich sei es das und natürlich auch wieder nicht. Auf jeden Fall ist das ein Satz, der in gewisser Weise auch auf den Autor zutrifft. "Das will ich echt nicht noch einmal machen müssen", sagt er. "Zumindest die nächsten 20 Jahre nicht."

Das Cover von Meyers Buch ist ein Bild des Leipziger Malers Paule Hammer. Das Universum mit unzähligen Sternen. "AUA" steht auf jedem von ihnen. Endlich mal wieder ein Buch, das wehtut.



insgesamt 3 Beiträge
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oscho 09.04.2010
1. !
"Endlich mal wieder ein Text, der wehtut." Ja, so sagt man wohl, wenn man auf der Schleimspur der Mainstream-Schickeria einen Bückling macht.
favela lynch 10.04.2010
2. Markus Lanz
Zitat von oscho"Endlich mal wieder ein Text, der wehtut." Ja, so sagt man wohl, wenn man auf der Schleimspur der Mainstream-Schickeria einen Bückling macht.
Das haben Sie vollkommen ausgedrückt. Nur befinden wir uns an diesem Ort ja in der Tat fernab jeder Exzellenz - sei diese nun oben oder unten angesiedelt - wir befinden uns hier eben im Mainstream. Daher auch diese unerträgliche Form der "Sprachgestaltung", der "griffigen Botschaft", des Werbesprechs. Ich höre diese Botschaft aus den Mäulern von JBK, Markus Lanz und all den anderen. Ein Text, der weh tut. Nun, wenn sonst nichts mehr weh tut!
hans_duschke_jun. 10.04.2010
3. Ich!
"wer erinnert sich nicht an seinen bierseligen Jubelschrei, als er 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse gewann?" Ich erinnere mich nicht! Lese vielmehr heute zum ersten Mal von deisem Vorfall.
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