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15. August 2010, 13:46 Uhr

Autor Powers über Genom-Entschlüsselung

"Es war wie im Science-Fiction-Film"

Was liest einer der renommiertesten Autoren der USA? Sein Genom. Richard Powers ließ seine Gene vollständig entschlüsseln. Im SPIEGEL-Interview erklärt er, warum er sich erstmal wie ein Westernheld fühlte und was seine Biologie mit Nigeria zu tun hat.

SPIEGEL: Herr Powers, sie sind der neunte Mensch auf der Erde, dessen Genom vollständig entschlüsselt wurde. Was haben Sie sich erhofft?

Richard Powers: Sicherlich keine guten Nachrichten. Ich war ein fünfzig Jahre alter Mann, ich hatte erhöhte Blutfettwerte, meine beiden Großväter waren an Herzinfarkten gestorben und mein Vater an Darmkrebs. Im besten Falle, dachte ich, kommt überhaupt nichts Eindeutiges heraus.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich trotzdem dafür entschieden?

Powers: Ich habe lange gezögert, aber dann war ich doch zu wissbegierig. Eine Eigenschaft, die bei übrigens erblich veranlagt ist, wie sich herausstellte: Ich habe das "Neugier-Gen". Ich brauche immer neue Herausforderungen, um stimuliert zu werden.

SPIEGEL: Sie waren nervös?

Powers: In der Nacht vor der Blutabnahme bin ich aufgewacht und dachte, ich muss die Sache abbrechen. Ich machte mir Gedanken darüber, was es für mich bedeuten würde, wenn mein Genom dekodiert vorliegt, was es zum Beispiel für Auswirkungen auf meine Krankenversicherung haben würde. Die ganze Sache war ja so neu, es gab noch keine Regeln. Es war noch nicht mal geklärt, ob die Sache überhaupt legal ist. Ich fühlte mich, als würde ich aufbrechen in den Wilden Westen.

SPIEGEL: Was hat denn ihre Frau dazu gesagt?

Powers: Ihr Vertrauen in mich ist völlig überzogen.

SPIEGEL: Wie lange mussten Sie warten?

Powers: Das Ergebnis bekam ich nach ungefähr sechs Monaten. Es war wie in einem Science-Fiction-Film. Acht Wissenschaftler, aus verschiedenen Fachbereichen saßen um einen runden Tisch und diskutierten über mein Erbmaterial. Ich musste mich ständig daran erinnern, dass es hier um mich geht. Am Ende überreichten sie mir einen USB-Stick mit meinem Genom, sechs Milliarden Basenpaare. Ich kann die Informationen jederzeit abrufen, die Risikobereiche sind rot markiert; ich habe zum Beispiel eine Veranlagung zu Depressionen und Herzkrankheiten. Wenn ich online bin kann ich sie anklicken und erhalte medizinische Ratschläge.

SPIEGEL: Kam denn etwas Überraschendes heraus?

Powers: Genetisch bin ich mit Yoruba verwandt, ein nigerianischer Volksstamm. Das ist sehr ungewöhnlich für einen Weißen.

SPIEGEL: Wie hat sich ihr Leben seither verändert?

Powers: Konkret hat sich wenig verändert. Aber meine Sichtweise auf die Gentechnologie ist eine andere. Ich habe begriffen, dass die Entschlüsselung des Genoms nur eine von vielen Untersuchungen in der modernen Medizin ist. Es kommt nichts Definitives dabei heraus, nur Wahrscheinlichkeiten. Hätte ich mir das vorher bewusst gemacht, ich hätte mir vermutlich weniger Sorgen gemacht.

Das Interview führte Nicola Abe

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