Autor Schmidt Wohin des Weges, Jochen?

Der junge Ostberliner Autor Jochen Schmidt nimmt seine Leser mit auf eine Reise in die Nachwendezeit: Die Tour d'Horizon seines Ich-Erzählers führt von Ostberlin nach Frankreich, Spanien und Amerika. Schmidts erster Roman "Müller haut uns raus" erzählt von einem naiven Helden, der lange unterwegs ist und doch nicht ankommt.

Von Kerstin Schneider


Jochen Schmidt: Fünf Jahre Arbeit am Debütroman
DDP

Jochen Schmidt: Fünf Jahre Arbeit am Debütroman

"Die Arbeit an 'Müller haut uns raus' hat ungefähr fünf Jahre gedauert, grob überschlagen bin ich auf einen Stundenlohn von 50 Pfennig gekommen. Am Anfang wollte ich eine Reise beschreiben, auf die gleiche Art, wie Charles Bukowski in 'Ochsentour' eine Deutschlandreise beschrieben hat", kündigt Jochen Schmidt sein neues Buch in einer Kolumne auf der Verlagswebsite an. Und eine Ochsentour ist die Geschichte für den Ich-Erzähler, der Jochen Schmitt (mit zwei tt) heißt, wirklich. Manchmal allerdings auch für den Leser.

Der Roman beginnt für Ich-Erzähler Schmitt ziemlich unangenehm: Der liegt nämlich mit einer halbseitigen Gesichtslähmung im Krankenhaus, kann nur noch grinsen und kaum sprechen. Selbst das WM-Debakel von 1998, bei dem Deutschland 0:3 gegen Kroatien verliert, scheint für den Fußballfanatiker in einem solchen Zustand das kleinere Übel zu sein. Lähmung, Krankenhaus, Existenzkrise: ein vortrefflicher Moment also, um Rückschau zu halten. Und das tut Autor Schmidt dann auch ausgiebig. Im Chaos der Nachwendezeit gerät unsere Hauptfigur in Künstlerkreise, wohnt in besetzten Häusern, versucht wie Heiner Müller oder Charles Bukowski zu dichten und verliebt sich in Judith, Lucía, Deborah. Nachdem er als Gitarrist einer Band kläglich scheitert, beginnt er seine Reise durch die Welt mit einer Fahrradtour nach Frankreich. Später arbeitet er auf einem anthroposophischen Bauernhof, lebt im französischen Brest und zieht weiter nach New York.

"Müller haut uns raus": Witzig und pointiert

"Müller haut uns raus": Witzig und pointiert

Jochen Schmidts größte Stärke ist seine Beobachtungsgabe. Der 32-Jährige gehört zu den Aktivisten der Berliner Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten". Seine auf der Bühne wöchentlich vorgetragene Alltagsprosa, vor zwei Jahren auch im Erzählband "Triumphgemüse" veröffentlicht, ist hier längst Kult. Schmidt erzählt witzig und pointiert, und auch sein Roman funktioniert dann am besten, wenn er reportageartig Erlebnisse, Begegnungen und Pannen seines Alter Egos aneinander reiht. Die Welt eignet sich dieser an, indem er viele Sprachen lernt, Dialoge geradezu aufsaugt und nie ohne "Notizbuch und Stift aus dem Haus geht". Der Autor hat ein untrügliches Gespür für komische Alltagssituationen: "Vor mir stand eine kleine, dicke Frau, die sich immer wieder neue Servietten nahm, um sich damit den Damenbart abzuwischen. Sie schien es zu genießen, dass sie dafür nicht bezahlen musste. Schließlich bekam sie ein Tablett mit fünf Cheeseburgern gereicht, die sie durchzählte, als wären es ihre Kinder."

Zäh wird es dann, wenn Schmidt jede noch so kleine Befindlichkeit, noch so kümmerliche Regung von Schmitt notiert: "Ich dachte an nichts Bestimmtes, eigentlich sogar an gar nichts. Das ist überhaupt mein Fluch, dass ich stundenlang aus dem Fenster starren kann, ohne an das Geringste zu denken. Obwohl das keine unangenehmen Momente sind." Der Autor lässt seinen Helden von Abenteuer zu Abenteuer stolpern, immer unterwegs und auf der Suche. Aber nach was eigentlich, fragt sich man sich nach 200 Seiten? Die Bilanz der Identitätsfindung fällt mager aus. "Im Grunde war ich mit allem einverstanden", sagt sich der Ich-Erzähler schon im Prolog. Die Frauen im Buch scheinen seinen naiven Blick auf die Welt nicht zu schätzen, aber was soll man auch von den Liebhaberqualitäten eines Mannes halten, für den die Brüste seiner Freundin Deborah wie "wohlgenährte Tiere in einer zu engen Behausung stecken".

Jochen Schmidts "Triumphgemüse": Alltagsprosa

Jochen Schmidts "Triumphgemüse": Alltagsprosa

Erzählungen und Romane etwa von Jakob Hein, André Kubiczek, Falko Hennig, Antje Rávic Strubel und Jana Hensel, die sich mit der untergegangenen DDR beschäftigen, haben in den vergangenen Jahren den deutschen Buchmarkt erobert. Zuletzt hat Jana Simon in ihrem autobiografischen Essay "Zonenkinder" die Schwierigkeit dargestellt, Kindheit und Jugend in einem Land verbracht zu haben, für das sich nach der Wende bald niemand mehr interessierte. Jochen Schmidts Roman reiht sich in diese Geschichten ein, mit dem Unterschied, dass er versucht, ein endloses Kabarettstückchen aus der Identitätssuche seines Helden zu machen. Das ist auf die Dauer recht anstrengend und bemüht witzig. Dabei hatte sich sein Ich-Erzähler im Prolog durchaus ernsthaft auf das Erinnerungsprojekt eingelassen: "Solange ich solche Angst vor meinen Erinnerungen hatte, würde ich mich auch nicht auf etwas Neues einlassen können." Schade für unseren Helden Schmitt, dass ihn Müller nicht wirklich rausgehauen hat.

Jochen Schmidt: "Müller haut uns raus". Verlag C.H. Beck; 352 Seiten; 19,90 Euro.



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