Autor Woelk Verlorene Träume im "Deutschen Herbst"

Ulrich Woelk ist mit seinem neuen Kriminalroman ein spannender Blick auf die Koordinaten gelungen, in denen sich das Leben nach der deutschen Einheit bewegt. "Die letzte Vorstellung" spannt einen Bogen der bundesrepublikanischen wie der DDR-Geschichte über den Fall der Mauer bis hin zum Terroranschlag des 11. September.

Von Kerstin Schneider


Woelks "Die letzte Vorstellung": Eindringliche Darstellung

Woelks "Die letzte Vorstellung": Eindringliche Darstellung

Ein Pfarrer joggt und findet in einem Haus am Deich die Leiches eines Mannes. Hans Jacobi, ein ehemaliger RAF-Terrorist wurde regelrecht hingerichtet. War der Mord ein Racheakt von RAF-Aktivisten? Hatte Jacobi Informationen, die ihn das Leben gekostet haben? Ulrich Woelk neues Buch zielt mitten hinein in die Nachwirkungen des "Deutschen Herbstes".

Schicht für Schicht muss der Kriminalbeamte Anton Glauberg abtragen, um auf die Spur von Jacobis Mörder zu gelangen. In drei Vergangenheiten stochert er herum: In den siebziger Jahren schloss sich der ermordete Hans Jacobi alias Wolgast der RAF an, setzte sich dann in die DDR ab und lebte nach der Wende unerkannt am Deich, weil er dem Bundeskriminalamt Informationen geliefert und so ohne Strafe davon gekommen war. Eine wichtige Rolle spielt die Musik. Der Mörder hat den früheren Terroristen zu den Klängen von Mozarts "Zauberflöte" umgebracht. Diese Oper ist auch der Schlüssel zur Aufklärung eines anderen politischen Mordes, der in den siebziger Jahren in Berlin geschah.

Mit Glauberg hat der Autor einen Kommissar erfunden, der es mit Henning Mankells Kurt Wallander aufnehmen kann. Zumindest, was die lakonische Art und das analytische Arbeiten angeht. Anton Glauberg, 40 Jahre alt, lebt von Frau und Kind getrennt. Er ist schweigsam, ein Mann aus dem Norden, der keine Gefühle zeigt und keinen Schlaf findet. Das Unfertige seines Lebensentwurfs spiegelt sich in seiner kaum eingerichteten Wohnung. Nach der Trennung von seiner Frau lebt der Polizist zwischen Kartons. Er hat nur die Bücher aus dem Regal von A bis C mitgenommen und muss dann eben Camus und Chandler lesen. Von Anfang an ist klar, dass der Ermittler persönlich in den Mord an Jacobi verstrickt ist, viel mehr, als er zugibt. Meisterhaft gibt uns der Autor Stück für Stück Einblick in Glaubergs Handlungs- und Denkweise. Doch sobald man glaubt, alles begriffen zu haben, werden die Karten neu gemischt.

Woelks "Liebespaare": "Wie soll man wissen, was man tun soll?"

Woelks "Liebespaare": "Wie soll man wissen, was man tun soll?"

Denn Glauberg hat eine Gegenspielerin: die unnahbare und kühle BKA-Ermittlerin Paula Reinhardt, zehn Jahre jünger und im Osten aufgewachsen. Zehn Jahre nach der Einheit wird in den Figuren Glauberg und Reinhardt deutlich, wie sehr die Erfahrungen in Ost und West nach wie vor unser Leben prägen. Die Ermittlungen, die nach Berlin führen, werden daher auch zu einer Reise in Glaubergs und Reinhardts eigene Vergangenheit. Verlorene Träume, verratene Überzeugungen sind es, die alle Figuren des Romans kennzeichnen. Da ist der Typ des opportunistischen freien Journalisten, des habgierigen, alt-achtundsechziger Fotografen und des zynischen BKA-Informanten. Glauberg begreift schnell, dass jenseits aller politischen Ideologien das Persönliche, das Emotionale die Handlungen bestimmt. 25 Jahre nach dem "Deutschen Herbst" 1977, der mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer seinen traurigen Höhepunkt fand, sind viele Filme und Bücher entstanden, die sich mit der RAF auseinandersetzen. Ulrich Woelk geht es nicht um die Frage, warum Andreas Baader, Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhof so radikal gehandelt haben, sondern darum, wie diese Ereignisse noch heute Denkweisen beeinflussen. Dass die konstruierten Gespräche, in der Woelk die politischen Positionen seiner Protagonisten deutlich macht, nicht langatmig wirken, liegt an den überraschenden Wendungen des Buches.

"Wie soll man wissen, was man tun soll, wenn man alles tun kann", hatte Woelk noch in seinem, vor einem Jahr erschienenen Roman "Liebespaare" gefragt. Dass unser Leben von mehr politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen bestimmt ist, als wir selbst zugeben wollen und wissen, stellt der Autor in seinem neuen Buch eindringlich dar. "Ich bin nicht ein Mensch, sondern ich bin hunderttausend Menschen. Ich bin die ganze schizophrene Geschichte der Menschheit", lässt Wolk den linken BKA-Informanten sagen. Das ist sicher kein neuer Gedanke, aber einer, der nach den Ereignissen des 11. Septembers neue Aktualität gewinnt.

Ulrich Woelk: "Die letzte Vorstellung". Verlag Hoffmann und Campe, 303 Seiten, 19,90 Euro.



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