Autoren ans Netz

Die E-Book-Diskussion läuft meist auf eine Klage hinaus: Die Internet-Nutzer sind der natürliche Feind des Literaten. So ein Unsinn!

Verlagsmenschen sind gemeinhin Bücherwürmer und Leseratten. Und seit kurzem auch Angsthasen: Dieses Internet, es gruselt sie! Mit all den Schmarotzern, den Räubern und Piraten, die schon der Musikindustrie so zusetzen. Doch das E-Book zwingt nun auch die ängstlichen Verlagsmenschen, immer tiefer hinein in die virtuelle Welt zu hoppeln, es vertreibt die Literatur Zug um Zug aus der Gutenberg-Galaxis.

Bei all der Angst: Wie bewegen sich eigentlich die Schriftsteller selbst durch das Internet? Sind sie vorbereitet auf die digitale Revolution?

"In Deutschland sind die großen Schriftsteller online kaum aktiv, auf ihren Homepages passiert nicht viel", tadelt Wolfgang Tischer, der seit mehr als zehn Jahren den Online-Treff literaturcafe.de  betreibt und Verlage bei ihren Internet-Aktivitäten berät. "Im Ausland ist das anders, vor allem in den USA", sagt Tischer. Der Autor begreife sich dort viel stärker als jemand, der für die Leser schreibt - und sie daher auch im Internet an seinem Schaffen teilhaben lässt. "Das ist die Tradition der Creative-Writing-Schulen."

T. C. Boyle, der amerikanische Rockstar der Literatur, chattet immer mal wieder unter eigenem Namen auf seiner Homepage tcboyle.com , Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling lüftet unter jkrowling.com  durchaus schon einmal Geheimnisse wie den Titel eines neuen Romans oder gar ihre Schwangerschaft, all das in sechs Sprachen. Auch Horrorkünstler Stephen King leistet sich eine opulente Online-Repräsentanz, ebenso wie die Vielschreiberin Jodi Picoult. Der größte Internet-Junkie aber ist der Erfolgsautor Paulo Coelho, der seine Homepage paulocoelho.com  so gut wie täglich mit neuen Einträgen bestückt; er verlinkt auch viel Privates wie Fotos und kleine Filme. Bücher zu schreiben, sagt der Brasilianer, sei eine einsame Angelegenheit, deshalb genieße er den Leserkontakt im Internet.

Jahrzehntelang hat uns die Literaturwissenschaft eingebleut, dass der Autor tot ist, dass der Text für sich steht und der Leser gefälligst allein mit ihm klarkommen soll - ohne Handreichung des Schöpfers. Und nun das: Im Internet ist der Autor lebendiger denn je, diskutiert mit seinen Lesern, liefert Schlüssel zu seinem Werk, durchaus auch private. Ein Popstar.

Aber einer zum Anfassen: Coelho etwa ist präsent in sozialen Netzwerken wie MySpace und Facebook, über die er Fans auch schon einmal zu privaten Treffen einlädt. Bei einer der Partys war auch Literaturcafé-Betreiber Tischer dabei, gemeinsam mit 30 anderen normalen Lesern auf einem Pariser Seine-Schiff. Coelhos Internet-Vernetzung sei vorbildlich, findet Tischer. Der ideale Autorenauftritt sei der, bei dem der Autor den Leser teilhaben lässt, an seinem Berufsleben oder gar an der Entstehung seiner Literatur. "Aber das funktioniert nur, wenn der Autor das wirklich will." In Deutschland wollen wenige.


Einer der ersten und bis heute bekanntesten war Rainald Goetz, der schon vor zehn Jahren ein Internet-Tagebuch führte - unter dem Titel "Abfall für alle". Es erschien später als Buch bei Suhrkamp, ebenso wie zuletzt sein "Vanity Fair"-Blog "Klage". Zur Avantgarde deutschsprachiger Literaten gehört auch die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die etwa 750 Bilder und 3500 Druckseiten auf elfriedejelinek.com bereithält, darunter die fast tausend Seiten ihres sogenannten Privatromans "Neid", den sie ausschließlich online veröffentlicht und somit verschenkt hat - über Monate hinweg, Abschnitt für Abschnitt, einen fertiggestellten Textblock nach dem anderen. Die Publikationsweise erlaubte es ihr, auf aktuelle Ereignisse zu reagieren, etwa eine Seite 64b mit einem Bezug zum Inzestfall von Amstetten einzufügen. Änderungen sind online jederzeit möglich, ein Werk als abgeschlossenes Ganzes gibt es nicht mehr. Dazu passt der Satz, den Jelinek unter das letzte Kapitel geschrieben hat: "Unvollständige oder fehlerhafte Sätze bitte (jeder für sich selbst) ergänzen bzw. korrigieren!"

Viele Informationen finden sich im Internet auch zu Daniel Glattauer, der mit seinen Liebesgeschichten "Gut gegen Nordwind" und "Alle sieben Wellen" Zehntausende Leserinnen begeistert; geschrieben sind sie als moderne Briefromane in E-Mail-Form. Seitdem er auf der Bestseller-Liste steht, schafft Glattauer es kaum noch, all die realen E-Mails seiner Fans zu beantworten. Das Besondere: Sie erreichen ihn noch persönlich, nicht seine Agentur oder seinen Verlag. Der pflegt allerdings Glattauers Fan-Seite bei Facebook, und er twittert für ihn - organisiertes Online-Marketing, das durch das E-Book bald allgegenwärtig sein dürfte: Wenn das Internet als Verkaufsort wichtiger wird, wird es auch wichtiger als Ort der Repräsentation.

Selbst im Netz engagiert sind in Deutschland eher die Autoren aus der zweiten oder gar dritten Reihe. So steckt die Krimi- und Kinderbuchautorin Petra A. Bauer, 44, jeden Tag ein bis zwei Stunden Arbeit in ihre Internet-Auftritte, die unter writingwoman.de  zusammenlaufen. Zudem hat sie bereits seit zwei Jahren einen Twitter-Account, als eine der Ersten überhaupt. Bauer stellt keine literarischen Texte online, sondern plaudert aus ihrem Autorenalltag und gibt Tipps für andere Autoren, nicht nur um ihre eigene Bekanntheit zu steigern. "Das Internet ist mein virtuelles Großraumbüro, in dem ich bei einer Tasse Tee ein Schwätzchen mit Kollegen halte oder auch Tipps austausche."

Die Majestät des gedruckten Romans


Die PR-Beraterin Karen Wiborg, 28, geht noch einen Schritt weiter. Sie verzichtet auf einen Verlag und bloggt ihren Debütroman rund um die Männergeschichten der Hauptfigur Josephine unter sechziggrad.de  - die Autorin als Produzentin. Ihre Fortsetzungsgeschichte ist dramaturgisch brav und sprachlich ungelenk, aber formal hochinteressant: Die Leser können den Text beeinflussen, indem sie ihn kommentieren. "Meine Leser sind mein Lektorat." Wiborg hat Sechzig-Grad-Gruppen in sozialen Netzwerken eingerichtet, um ihr Projekt zu vermarkten. Aber nicht nur das, auch die Hauptfigur Josephine Klein hat Accounts bei Facebook und Twitter - eine eigene Online-Identität.


Immer mehr Schriftsteller vermarkten sich als Einmannunternehmen, mit ihrer Homepage als Zweitwerk zur Kundenbindung. Wer noch keine Kunden hat, findet sie vielleicht bald über triboox.de,  eine Art MySpace für Literatur: Wurden dort einst Popmusiker entdeckt, hoffen hier nun Möchtegernliteraten auf den Durchbruch. Fast tausend Autoren haben sich laut Geschäftsführer Karl-Friedrich Pommerenke schon registriert, ihre Manuskripte hochgeladen und sie zur Bewertung durch andere Nutzer freigegeben. Die Idee: Wer im Ranking oben steht, macht Verlage auf sich aufmerksam. "Triboox wird den Weg, wie neue Bestseller entstehen, revolutionieren", wirbt das Unternehmen. Lektorin Tina Kröckel vom Eichborn-Verlag ist skeptisch: Auf den Verlagsschreibtischen lägen so viele Papier-Manuskripte, dass keine Zeit bleibe, aktiv im Internet zu suchen. "Solche Plattformen sind eine prima Sache", sagt hingegen Lutz Dursthoff, Cheflektor bei Kiepenheuer & Witsch. "Noch ist das aber eher Zukunftsmusik."

Natürlich geht es Schriftstellern im Internet nicht nur um Eigenmarketing; manche sind viel ambitionierter. "Ich nutze meine Website nicht nur als Werbemittel, sondern auch als einsehbares Notizbuch", sagt Thomas Pletzinger, 33. Als er an seinem Debütroman "Bestattung eines Hundes" arbeitete, stellte er immer wieder Rechercheergebnisse und erste Textversionen online. "Im Internet ist nicht jedes Wort direkt in Stein gemeißelt, man schreibt unverbindlicher. Es ist eine ständige Werkstatt, in der man viel ausprobiert und mit Schreibweisen experimentiert."

Der junge Prosa- und Theaterautor Jörg Albrecht, 27, hat das Internet-Prinzip der totalen Vernetzung multimedialer Inhalte verinnerlicht wie nur wenige: Seine eigene Seite fotofixautomat.de  und mit anderen Künstlern gemeinsam betriebene Seiten wie copyandwaste.de  nutzt er als "akustisches und visuelles Spielfeld". Zurzeit zeigt er die Websoap "Andy Girls", immer wieder lagert er Elemente aus Texten oder Theaterstücken ins Internet aus - weil er sich dort nicht beschränken muss. "Meine Bücher sind nicht in sich geschlossen, das ist eine Kunstpraxis für mich."

Noch radikaler geht diesen Weg Alban Nikolai Herbst, 54. Der Glatzkopf ist bekannt für sein ehrgeizig experimentelles Erzählen, arbeitet jeden Tag bis zu vier Stunden an seinen Internet-Auftritten rund um das Blog "Die Dschungel. Anderswelt" unter albannikolaiherbst.twoday.net . "Ich probiere sehr viel aus, stelle völlig unfertige Texte online und berücksichtige die Kommentare." Voraussichtlich 2010 wird der dritte Teil seiner "Anderswelt"-Romantrilogie erscheinen, schon jetzt finden sich dazu etwa 300 Fragmente in seinem Blog. Drei Leser, die sich dort an der Diskussion beteiligt haben, sind inzwischen sogar als Figuren in den Roman eingebaut, sagt Herbst, bis hinein in biografische Details. "Ich versuche, flüssige Modelle des Erzählens zu finden. Da ist das Bloggen künstlerisch sehr befruchtend."

Herbsts Internet-Methode zerstört das Werk als Ganzes, es existiert öffentlich sichtbar in einer Vielzahl von Varianten. Der Leser ist schon beim Produktionsprozess dabei, so dass der Moment des Andrucks weniger feierlich ist als einst: Die Öffentlichkeit erahnt das Kind schon vor der Geburt. Das E-Book könnte den feierlichen Moment irgendwann ganz zerstören, weil der digitalisierte Text potentiell veränderbar bleibt, weil er nie fertig sein muss, nie komplett, nie perfekt. Weil er nie in Druck geht.

Eben danach, ganz konventionell, sehnt sich aber die Schriftstellerin und Moderatorin Else Buschheuer, 43. Und das, obwohl sie eine Bloggerin der ersten Stunde ist, die ihr Internet-Tagebuch unter else-buschheuer.de  bereits im zehnten Jahr führt. Auszüge daraus veröffentlichte sie mehrfach in Buchform, einige jedoch nur als Book on Demand. Zudem brachte sie mehrere Romane heraus; berühmt wurde sie mit ihrem Debüt "Ruf! Mich! An!" im Jahr 2000. "Ich war vier Jahre lang eine Schriftstellerin, die von ihren Romanen leben konnte. Durch das systematische Bloggen habe ich den Wert meines Schreibens zerstört", sagt sie nun, "wenn ich wieder einen Roman schreiben will, dann muss ich vermutlich virtuell verstummen." Sie habe sich die Seele aus dem Leib geschrieben: "Bloggen, das sind viele kleine Fehlgeburten, abgetriebene Gedanken, aber eine Geschichte zu einer großen, geschlossenen Form zu bringen, das hat Majestät."

Es ist die Majestät des gedruckten Romans.

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