Autorin Brigitte Schwaiger Kein Platz zwischen Leben und Tod

In den siebziger Jahren schrieb die Österreicherin Brigitte Schwaiger einen Bestseller, dann tauchte sie ab. Ihr neues Buch berichtet schonungslos von den vergangenen Jahren: der Hölle einer schweren psychischen Erkrankung.

Von Doris Plöschberger


In Wien hat die Hölle viele Namen: Steinhof heißt sie, manchmal Baumgartner Höhe, der gelernte Österreicher nennt sie auch gerne Guglhupf, Nervenspital oder schlicht Irrenanstalt. Ihr offizieller Name lautet Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe - Otto Wagner Spital mit Pflegezentrum. Die größte und prachtvollste Kirche des Jugendstils steht dort neben einer Gedenkstätte zur Geschichte der NS-Medizin in Wien, die an die Euthanasie-Morde während der Nazi-Herrschaft erinnert. Egal, wie über Behandlung, Pflege und Unterbringung der Patienten im Einzelnen zu urteilen ist: Als Hölle muss die psychiatrische Abteilung dieser Klinik schon deshalb erscheinen, weil die Krankheiten, die dort therapiert werden, von den Betroffenen als Höllenstrafen empfunden werden: Depression, Psychose, Schizophrenie, Borderline-Syndrom etc.

Autorin Schwaiger: "Letzte Klasse in Österreich"
Czernin Verlag

Autorin Schwaiger: "Letzte Klasse in Österreich"

Unter den Patientinnen dieser Anstalt ist auch die österreichische Schriftstellerin Brigitte Schwaiger. 1977 war die damals 28-jährige Autorin mit ihrem Debütroman "Wie kommt das Salz ins Meer" bekannt und berühmt geworden. Der Roman einer verständnis- und lieblosen Ehe im miefigen Ambiente eines kleinbürgerlichen Zwangssystems wurde von der Kritik gelobt, vom Publikum gelesen und rund eine halbe Million mal verkauft.

Zwanzig Jahre und zahlreiche erfolglose Bücher später ist über Brigitte Schwaiger in einer österreichischen Zeitschrift zu lesen: "Schriftstellerin am Ende". Schwaiger ist zu diesem Zeitpunkt, wie sie jetzt selbst schreibt, hoch verschuldet, leer geschrieben und zu chronischen Beschwerden, unter denen sie seit langem leidet, kommt ein Burn-Out-Syndrom hinzu. Irgendwann ist sie "so kaputt vom vielen Nachgrübeln über mein unglückliches Leben", dass sie sich freiwillig ins Krankenhaus einliefern lässt, "auf die Baumgartner Höhe".

Spiegel der Gesellschaft

Von Brigitte Schwaiger war in den letzten Jahren nichts zu hören. Nach langer Pause ist wieder ein Buch von ihr erschienen – "Fallen lassen". Ein "Buch über Psychiatrie", wie sie es selbst nennt, vor allem aber das unverstellt autobiographische und schonungslos offene Resümee einer seit dreißig Jahren andauernden psychischen Erkrankung mit allen ihren Symptomen wie Depressionen, Wahrnehmungsstörungen und zahlreichen Selbstmordversuchen.

Voyeuristische Bedürfnisse befriedigt das Buch allerdings genauso wenig wie es mit der Neugier der Leser auf ein Prominenten-Outing spekuliert. Natürlich berichtet Schwaiger über ihre eigene Befindlichkeit. Aber mehr als um ihren persönlichen Zustand, mehr auch als um den Zustand der österreichischen Psychiatrie geht es um die soziale Dimension einer Krankheit, die zum Spiegel unserer Gesellschaft wird. "Wir sind", schreibt Schwaiger über sich und ihre Mitpatienten, "die letzte Klasse in Österreich, letzte Klasse in Europa, letzte Klasse überall auf der Welt." Als "unnützer Esser" und "der letzte Dreck der Welt" empfinde man sich selbst als psychisch Kranker.

Schwaiger veranschaulicht den Kreislauf von Fremd- und Selbstverachtung, der Scham, nicht zu funktionieren wie erwartet und der daraus entstehenden Arbeits- und Mittellosigkeit, von innerer und äußerer Verwahrlosung und der daraus folgenden Isolation – ein Zirkel, der diese Krankheit im selben Maß ausmacht wie er sie verschärft. Darüber zu schreiben mag befreiende Wirkung und therapeutische Funktion haben; umgekehrt ist aber das Schreiben nur der aufs äußerste gefährdeten Existenz abzugewinnen.

Diese Ambivalenz gehört zum Krankheitsbild. Mehr noch als das Schreiben trifft sie aber das Leben selbst: Es in seiner Qual nicht länger zu ertragen und beenden zu wollen und gleichzeitig ein leichteres Leben verzweifelt zu wünschen, gipfelt in Schwaigers Buch in der Vorstellung weder im Leben noch im Tod und auch dazwischen keinen Platz zu finden.

Fehlerhaftes Manuskript

"Es ist fehlerhaft, dieses Manuskript, und ich wünsche mir, dass es als ein solches fehlerhaftes veröffentlicht werden könnte." Mit Koketterie hat dieser Wunsch, den der kleine, aber scharf profilierte österreichische Czernin Verlag seiner Autorin erfüllt hat, nichts zu tun. Eher schon damit, einer Krankheit nicht aus der abgesicherten Position der Geheilten, sondern aus der Innenperspektive der unmittelbaren Krankheitserfahrung zur Sprache zu verhelfen.

"Meine Worte", schreibt Brigitte Schwaiger in ihrem Buch, "sind Schleim, sind Asche, sind Zement." Aus diesen Worten ist ein unbequemer und ruppiger Text entstanden, ein Buch, das sich nie larmoyant oder wehleidig, aber oft genug verzweifelt wütend gibt und mit manchem Tabu bricht: "Wenn ihr nicht wisst, was ihr rettet, dann rettet es nicht. Es ist nicht euer Leben, es ist unantastbar, mein Leben, für euch, auch wenn ich es zerstören will."

Wo es darum geht, ein Leben schreibend zu gewinnen, ist mit ästhetischen Maßstäben nicht mehr zu messen. Kein Urteil kann da wirklich treffen, zu vermeiden ist es trotzdem nicht: Brigitte Schwaiger hat ein beklemmendes, ein atemberaubend wahrhaftiges Buch geschrieben.


Brigitte Schwaiger: "Fallen lassen". Czernin Verlag, Wien, 116 Seiten, 19,80 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.