Autorin Karen Duve Ritter, Rache, Mythenmix

Eine Geschichte wie im Märchen: Eigentlich sollte Karen Duve Steuerinspektorin werden, verwandelte sich aber in eine gefeierte Autorin. Mit ihrem neuen Roman "Die entführte Prinzessin" hat sie einen alt-ehrwürdigen deutschen Fabelstoff umgedichtet - zum großen Vergnügen ihrer Leser.
Von Silvia Tyburski

Die Frau auf dem Buchumschlag könnte Karen Duves Protagonistin sein: Lange blonde Haare, stahlblaue Augen, den Betrachter kritisch anschauend, das Ganze umrahmt von einem herrlich schwülstigen Goldrahmen - genau so stellt man sich die kratzbürstige Schönheit Lisvana vor, um die es in Duves drittem Roman "Die entführte Prinzessin" geht. Aber das schwarze Schlabbershirt verrät sie dann doch als höchst reale Zeitgenossin: Es ist die Autorin selbst.

Zauberhafter Bösewicht

Das ironische Statement auf dem Cover gibt einen ersten Hinweis: Dies ist kein Märchenbuch. Kein richtiges jedenfalls. Karen Duve, Ende der Neunziger zusammen mit Schriftsteller-Kolleginnen wie Zoë Jenny und Judith Hermann bekannt geworden, überrascht mit einem neuen Genre. Nach zwei Büchern, die in der Gegenwart spielen, wagt sie ein kühnes Epochengemisch - irgendwo zwischen Wikingerzeit, Barock und heute. Snöggelinduralthorma heißt der fantastische Ort des Geschehens. Es geht um Politik und Rache, um enttäuschte Liebe, Ritter, Drachen und eben Prinzessin, die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss: dem sanftmütigen Prinzen Diego und dem stolzen Ritter Bredur. Als Diego sie in sein Reich Baskarien entführt, macht sich Bredur auf, sie zurück nach Snöggelinduralthorma zu holen, in ihre gemeinsame Heimat.

Mit ihrem dritten Roman hat sich Karen Duve einen alten Traum erfüllt: Endlich das Märchen zu Ende zu schreiben, dessen Ausgang sie als Kind schwer empört hat. Angefangen hat sie damit schon vor Jahren. "In Grundzügen habe ich das Buch schon mal mit 20 geschrieben", sagt Duve. Das Projekt der ehrgeizigen Jungschreiberin: die Adaption der Gudrun-Sage, einem Epos und heiligen Grundstein der deutschen Literatur. Und in der gehe es ja auch "um eine Prinzessin, die entführt wird, und einer fährt hinterher". In der illustrierten Ausgabe, die sie als Kind gelesen habe, gebe es ein Bild des Entführers. "Den fand ich damals so unheimlich gutaussehend. Deswegen hat es mich die ganze Zeit über geärgert, dass der andere sie nachher bekommt - und nicht der, der sie entführt hat." Das hat sie nun berichtigt. 800 Jahre später, aber immerhin.

Amüsanter Mythen-Mix

Auch aus anderen Werken und Epochen hat sich die Autorin bedient. So taucht ein Drache namens Grendel auf, der allerdings anders als in dem altenglischen Heldengedicht "Beowulf" kein gefährliches Ungeheuer ist, sondern ein feiger Anfänger, der auf einem Drachenturnier kläglich versagt. Bredur indes pausiert während seiner Rettungsaktion Odysseus-haft auf einer Insel voll schöner Frauen und vergisst bekifft um ein Haar die schöne Lisvana.

Dass Duve nicht zu den Autoren der neuen deutschen Weltflucht gehört, die in den vergangenen Jahren vom Boom der Märchen- und Fantasy-Schmöker profitiert haben (das Wort Fantasy finde sie ohnehin "ganz schrecklich"), wird spätestens an einer Sprache deutlich, die etwa so viel Mystik verströmt wie die Lindenstraße. Da reitet mal ein Prinz "mit Karacho gegen eine Mauer", ein anderer beschwert sich bei der Lektüre der aktuellen Liste heiratsfähiger Töchter (herausgegeben vom "Verband fahrender Sänger") über "die popelige Mitgift" Lisvanas. Auch Streit kommt in den Königsfamilien vor: "'Aber ich liebe keine andere', rief der Prinz wild. 'Dann heiratest du eben jemanden, den du nicht liebst', brüllte König Leo zurück und haute auf den Tisch. 'Unser Geschlecht macht das seit Generationen so und ist damit immer gut gefahren.'"

Und während Diego um die widerspenstige entführte Prinzessin buhlt, macht sich Rivale Bredur auf, sie zu retten. Dabei malt er sich aus, "wie er ins Nordland zurückkehrte, mit der Prinzessin hinter sich auf dem Pferd, und der baskarische Königssohn folgte als Geisel am Strick. Das würde seinen Vater aus den Fellstiefeln hauen."

Schriftstellerei als Neurose

Dabei meint die Autorin diese Ironie durchaus liebevoll. "Ich wollte nicht so etwas schreiben wie 'Sieben Zwerge - Männer allein im Wald', wo man hämisch über das ganze Genre herzieht." Karen Duve mag Märchen sogar "total gerne. Die ersten Sachen, die ich überhaupt geschrieben habe, sind Märchen gewesen. Riesenlange Dinger, die dann immer wieder zurückgeschickt wurden." Nebenher fuhr sie Taxi, nachdem sie zum Schrecken ihrer Eltern eine Ausbildung zur Steuerinspektorin abgebrochen hatte. Außerdem, sagt sie, sei "Die entführte Prinzessin", anders als der Vorgängerroman "Dies ist kein Liebeslied", "endlich mal ein Buch, bei dem mich nicht alle Fragen werden, was es mit mir zu tun hat."

Und doch hat dieses Buch sehr viel mit ihr zu tun. Manchmal mehr, als sie eigentlich beabsichtigt hatte, preiszugeben, sagt Duve. Nicht etwa durch die weibliche Protagonistin Lisvana, sondern durch den Einzelgänger Bredur. Der sei im Vergleich zum liebenswerten Entführer Diego "viel interessanter, durch und durch neurotisch. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, mit dem zusammen zu leben." Der düstere Held wird am Ende aus Snöggelinduralthorma verbannt.

Sie selbst lebe ähnlich einsiedlerisch in einer Art schleswig-holsteinischem Snöggelinduralthorma: "Mein ganzer Beruf ist doch schwer neurotisch. Es ist ja schon fast ein Symptom, Schriftsteller zu sein. Wer macht das freiwillig, das ist ja wie Isohaft." Als ihr die Großstadt Hamburg zu anstrengend wurde, zog sie in einen ehemaligen Bahnhof auf dem Land, nah an Elbe und Nordostseekanal. Eine englische Bulldogge, Pferde und Hühner leisten ihr Gesellschaft. Und gelegentlich fährt ein laut tutender Zug oder Dampfer vorbei.

Werden Duve-Fans den Genrewechsel mögen? "Es ist natürlich ein Risiko. Die anderen beiden anderen Romane liefen ja doch ganz gut bürgerlich. Und es heißt: 'Never change a winning team'." Aber sich von Erwartungen ihrer Leser und des Feuilletons verbiegen lassen wollte sie dann doch nicht. Sollte sie für den neuen Roman nicht "ganz fürchterlich abgewatscht werden" würde sie sehr gern ihr unveröffentlichtes Erstlingswerk "Prinz Dachs" bearbeiten und publizieren. Bislang liegt das Märchen noch verschlossen in der Schreibtischschublade. "Dafür habe ich mich früher ganz doll geschämt. Es war so mädchenhaft, so wie Frauen, die Puppen sammeln."

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