Bachmann-Preisträgerin Frau Passigs Gespür für Schnee

Langeweile beim Ingeborg-Bachmann-Preis? Schnee von gestern. Kathrin Passigs Gewinnertext erzählt mit viel Humor und Raffinesse vom Selbstverlust in winterweißer Landschaft - und ist die erste große Entdeckung dieses Literatursommmers.

Von Daniel Haas


"Sie befinden sich hier", heißt Kathrin Passigs Text, und er kann mit allen Insignien der in Klagenfurt hartnäckig gegen den Mainstream gepflegten "schwierigen" Literatur aufwarten: Er ist metafiktional, das heißt, sein Thema ist das eigene Verfahren. Er ist spekulativ – es geht um so anspruchsvolle Sujets wie Subjektivität und Vergessen, Realität und Illusion. Und er ist assoziativ, also nicht an Plot und Action, sondern am Strukturellen, am Konstruktiven interessiert.

Bachmann-Preisträgerin Passig: Humor und Spekulation
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Bachmann-Preisträgerin Passig: Humor und Spekulation

Dass dennoch Jauchzer des Entzückens durch den Blätterwald schallen, liegt an einer Qualität, die am Wörthersee bislang eher selten zum Zuge kam: die Fähigkeit, Humor mit philosophischer Raffinesse zu verbinden. Der 36-jährigen Autorin gelingt, höchst komplexe Gedanken derart ironisch zu präsentieren, dass die Schwere der Themen im Fortgang des Textes nicht mehr ins Gewicht fällt. Im Gegenteil: Die Reflexion wird so leicht wie jene Schneeflocken, in deren Treiben sich die Erzählerin des Textes verliert.

Es ist ein amüsantes Verwirr- und Verirrspiel, bei dem man das Ich dieses Prosastücks begleitet. Eine Berlinerin macht einen Winterspaziergang durchs tschechische Bergland, kommt vom Weg ab und geht in der Schneewüste verloren. Natürlich mobilisiert das Großstadt-Ich erst einmal alle rationalen Ressourcen: Da wird über den Unterschied zwischen Hasen und Karnickeln räsonniert, über die Qualität von Winterjacken und das Beruhigende des Berghüttenbaus.

Doch im gleichen Atemzug wird vom weiten Feld der Literatur erzählt, die immer als weiße (Papier-)fläche beginnt, in der Autor und Autorin ihre Spuren hinterlassen. "Deshalb erzeuge ich geduldig aus Schnee-der-vor-mir-liegt Schnee-der-hinter-mir-liegt", beschreibt die Erzählerin ihr Projekt. "Wenn ich genug Zeit hätte, könnte ich allen Schnee der Welt in Schnee-der-hinter-mir-liegt verwandeln, ihn hinter mir wieder glattstreichen und jede Spur meiner Durchreise tilgen."

Die eigene Spur auslöschen, das klingt nach Ich-Verdruss und Subjektzweifel, nach jener Sprach- und Erkenntnisskepsis, die den Gewährsmann moderner Poetologie, Maurice Blanchot, sagen ließ, der Schriftsteller sei "ein Nichts, in das Nichts hinarbeitend". Es ist also nicht alles am Feuilleton geschultes Parlando, was die 36-jährige Autorin präsentiert. Aber dass sie moderne, subjektkritische Denktraditionen mit einem heiteren Erzählton zu verbinden vermag, das ist eine große Leistung und in jedem Falle preiswürdig.

Kein Wunder also, dass "Sie befinden sich hier" intertextuell mit einem anderen Erzählstück flirtet, das ebenso versiert einen auf Konstanz und Souveränität setzenden Subjektbegriff dem Humor preisgibt, ohne ihn zu verhöhnen. Passigs Textgang durch den Schnee erinnert an die tragikomische Gletscher-Passage Alexander von Humboldts in Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt".

Auch dort tauchen jene "schattenhaften Begleiter" auf, "mit denen die durch Kälte oder Einsamkeit verwirrten Wanderer ihren Proviant zu teilen versuchen". In Passigs Szenario ist es eine Freundin namens Anne, die sich zunehmend zur Fiktion verflüchtigt; wie in Kehlmanns virtuoser Travestie des Abenteuerromans lösen sich Kategorien wie Ich und Welt zunehmend auf, ohne dass der Erzähltext selbst an Kontur und Spannung verliert.

So schreibt jemand, der die Gepflogenheiten des literarischen, das heißt im weiteren Sinne auch des journalistischen Marktes kennt und Stillagen über die Grenzen von U und E hinaus vermitteln kann. Nicht umsonst ist Passig, die "Vielbeschäftigte" ("taz"), in vielen Gattungen zu Hause: Sie schreibt als Kolumnistin für die "Berliner Zeitung", verfasst Artikel für SPIEGEL ONLINE und "c't" und leitet den Blog riesenmaschine.de, der kürzlich mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde. Hinzu kommen Buchveröffentlichungen wie das Sadomaso-Handbuch "Die Wahl der Qual (gemeinsam mit Ira Strübel) und "Das nächste große Ding", eine Sammlung ihrer "Berliner Zeitung"-Kolumnen zum Thema Mode.

Sollte ihr Gestus, dieser selbstspöttelnde, leicht melancholische und doch reflexionsschwere Ton, ebenfalls in Mode kommen, es wäre nicht zum Nachteil der Leser. Frage ist nur: Befinden wir uns schon hier?



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