Bachmann-Wettbewerb Prügel für die Jungen Milden

Den Juroren waren die Texte zu brav, den Autoren die Kritiker zu harsch: Bei den 28. Klagenfurter Literaturtagen, die gestern zu Ende gingen, herrschte Katerstimmung - auch ohne literarischen Rausch. Einzige Hoffnung der schreibenden Zunft: ein stilsicherer Unfallchirurg namens Uwe Tellkamp.
Von Verena Carl

Zum Schluss bekam Klagenfurt dann doch noch seinen Skandal. Oder war's eher ein Skandälchen? Jedenfalls griff sich Minuten vor der Preisverleihung im überfüllten ORF-Theater die Schweizerin Melinda Nadj Abonji ein Mikrofon, enterte die Bühne und erklärte den gesamten Wettbewerb für überflüssig.

Ein eitler Medienzirkus, ein Autoren-Schlachtfest, bei dem die Geächteten zum Schluss allein blieben mit ihrer Kränkung: Die Vorwürfe der Schriftstellerin, die am Freitag arg von der Jury gezaust wurde, waren ungefähr so alt wie die Bachmann-Tage selbst. Die Gescholtenen ertrugen die Vorwürfe in derselben Haltung wie die meisten der von ihnen gerupften Autoren: Sie saßen die Brandrede kommentarlos aus, und so verpuffte der Ausbruch der gekränkten Künstlerseele ohne die erwartete Resonanz.

Es blieb eine der wenigen Überraschungen in einem sonst eher mittelmäßigen Wettbewerb. Auf der Bühne dominierten zwar knallbunte Outfits, aber inhaltlich blieb das Niveau der bewährte Kessel Buntes à la Bachmann: ein paar Kindheitsgeschichten, eine Dosis ironische Kapitalismuskritik, eine Prise Wahnsinn. "Solides Mittelmaß, kaum Ausreißer, aber der große Text hat gefehlt", so das Fazit von Thomas Tebbe, Programmleiter Deutschsprachige Literatur beim Piper-Verlag.

Jury japste wie nach kollektivem Orgasmus

Einen gab es dann allerdings doch, der die neunköpfige Jury aus ihrer latenten Langeweile riss und sich bereits während des Lesens als Favorit erwies: Der Dresdner Uwe Tellkamp, Jahrgang 1968 und im Brotberuf Unfallchirurg, nahm Kritiker und Publikum mit auf eine Straßenbahnfahrt durch seine Heimatstadt, die sich als eine Zeitreise durch mehrere Generationen entpuppte. Er inszenierte seinen wortgewaltigen Romanauszug wie ein One-man-Symphonieorchester und ließ die Jury japsend zurück wie nach einem kollektiven Orgasmus. "Wir haben einen großen Autor entdeckt!", jubelte die Jury-Vorsitzende und "Zeit"-Chefkritikerin Iris Radisch, und der Jury-Neuling und Germanistikprofessor Heinrich Detering ließ sich zu einem ganz unakademischen "Boah, ey!" hinreißen.

Bereits im ersten Wahlgang votierten die Juroren einstimmig für Tellkamps Text. Während der Newcomer das Lob nach seiner Lesung noch mit angestrengten Blicken zu Boden über sich hatte ergehen lassen, riss er nach dem entscheidenden Votum für den mit 22.500 Euro dotierten Bachmann-Preis seine Faust in Siegerpose in die Höhe. "Ich bin nach Klagenfurt gekommen, um Anerkennung zu erfahren", sagt der Mann mit der bewegten Wende-Biographie (Panzerkommandant bei der NVA, Gehilfe auf einem Braunkohleförderbagger, Hilfspfleger in Dresden). Dieses Klassenziel hat er erreicht - seinen Ordner mit Ablehnungsbriefen von Verlagen wird er so schnell nicht wieder brauchen.

In einem Wahlkrimi mit mehreren Kopf-an-Kopf-Entscheidungen legte die Jury schließlich die weiteren Preisträger fest: Den "Preis der Jury" (10.000 Euro) erhielt Arne Roß mit einer Geschichte über den Lebens-Abschied eines alten Mannes - mit einer ähnlichen Thematik hatte schon die Vorjahres-Siegerin Inka Parei imponiert. Den 3sat-Preis (7500 Euro) bekam Guy Helminger, der mit viel intellektuellem Witz die Geschichte eines Stalkers und seines Opfers erzählte. Ein Satz aus seiner Geschichte wurde denn auch bald zum geflügelten Wort der Jury: "Etwas fehlt immer."

Der Ernst-Willner-Preis (7000 Euro) ging als einziger an eine Frau: Simona Sabato und ihre Short Story über schleichenden Wahn und seelische Vermüllung. Insgesamt war es ein schwaches Jahr für weibliche Texte: Nicht nur Melinda Nadj Abonji, auch die hoch gehandelte Favoritin Juli Zeh ("Adler und Engel") bezog für einen Romanausschnitt über einen pubertären Zickenkrieg ordentlich Juryprügel; die Literaturwissenschaftlerin Ursula März fühlte sich gar an "Hanni-und-Nanni"-Kinderbücher erinnert.

Weich gespülte Texte, hart kritisierte Autoren

Das Publikum, in Legebatterien-Manier auf Holzbänke gezwängt, war streckenweise ebenso ungnädig mit den Jungen Milden der Literatur wie die Profi-Preisrichter. "Biedermeierlichkeit" war eine der meist zitierten Begriffe auf den Besucher-Bänken, und auch älteren Zuschauern wurde es streckenweise zu brav. "Die jungen Schriftsteller rebellieren gegen nichts mehr, die sind stockkonservativ geworden", fand etwa die Lehrerin Ingrid Davids aus Bremen, und die Klagenfurterin Isolde Wohlgemuth vermisste "Arbeitswelt, Technik, Politik" in den meisten Beiträgen.

Dass die Jury teilweise ähnlich argumentierte ("Oh Gott, nicht schon wieder ein Geschichte aus Kinderperspektive!"), wurde ihr allerdings auch zum Vorwurf gemacht. Oliver Vogel, Programmleiter Deutschsprachige Literatur beim S.Fischer-Verlag: "Es ist problematisch, wenn ein Thema gegen einen Text verwendet wird." Sprich: Inhaltliche Ähnlichkeiten zwischen den Geschichten könne man nicht den Autoren zum Vorwurf machen. Die Kritik galt vor allem der Vorsitzenden Iris Radisch, die auf bestimmte Inhalte mit polemischen Reflexen reagierte, statt sich mit der Sprache auseinander zu setzen - so sahen es wenigstens einige im Literaturbetrieb.

"Als Juryvorsitzende sollte sie ausgleichend wirken, statt so stark zu spalten", findet Oliver Vogel. Die Autorin Sandra Hoffmann, die mit einer Pubertäts-Geschichte antrat und von Radisch als "weichgespülte Mini-Herta-Müller" verunglimpft wurde, fühlt sich entsprechend ungerecht behandelt: "Mein Text wurde nicht ernst genommen, weil der Jury das Thema nicht passte."

Fast einstimmige Begeisterung herrschte über die beiden neuen Jury-Zugänge Heinrich Detering (Oliver Vogel: "Ein feinsinniger, kluger, freundlicher Mensch und eine echte Bereicherung") und Klaus Nüchtern. Der stellvertretende Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung "Falter" mischte den Bildungsbürger-Club durch eine Mischung aus Rotzigkeit und Sachkenntnis auf und griff erklärend ein, wenn die akademisch orientierte Jury über Popkultur-Versatzstücke wie den Namen einer britischen Band stolperte.

Sein Kandidat Wolfgang Herrndorf gewann die Bachmann-Trostmedaille, den Kelag-Publikumspreis (5000 Euro) mit einer Geschichte über die Annäherung zwischen einem 30-jährigen Großstadt-Slacker und seinem 13-jährigen Nachbarsjungen - daran nicht ganz unschuldig war wohl eine Internet-Community namens "Höfliche Paparazzi", die geschlossen für die Kurzgeschichte des Berliners stimmte. Ein schöner Trost dafür, dass sich die Herrndorf-Elf beim traditionellen samstäglichen Fußball-Match "Literaturbetrieb gegen ORF" mit sieben zu acht ins Aus schoss. Aber wie Guy Helminger schon sagte: Etwas fehlt immer.

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