Unglücklicher Kunstsammler Er sieht den Wald vor lauter florentinischen Meistern nicht

Warum Gemälde allein nicht glücklich machen: Barbara Zemans allzu bildungsbürgerlicher Roman über einen Millionär, der sich ganz und gar in seinen Kunsttempel zurückgezogen hat.

Wohnzimmer mit Kunstwerken
Getty Images

Wohnzimmer mit Kunstwerken


"Immerjahn" - schon der Name klingt nach zu lange gekautem Kaugummi. Und wie man so oft im Alltag noch darauf herumkaut, obwohl es eigentlich kaum mehr schmeckt, so leidenschaftslos liest man Barbara Zemans gleichnamigen Roman. Mit jeder Seite wird die Geschichte zäher, bis man nur noch müde die Buchdeckel in den Händen offenhält.

Einem Trend des aktuellen Belletristikmarkts folgend, erzählt auch dieses Debüt von der Krise, genauer: einer Identitätskrise. Nachdem Gotthold Immerjahn schon seit geraumer Zeit in der idyllisch gelegenen Villa seiner verstorbenen Eltern wohnt und ihm der unermessliche Reichtum kein Glück beschert hat, beschließt er, sein Leben zu ändern.

Immerjahn will sein Haus öffnen, all die über Jahrzehnte teils zu Millionenpreisen erworbenen Kunstwerke in einem eigens darin hergerichteten Museum ausstellen. Neben namibischen Masken sollen Werke Vincent van Goghs und Paula Modersohn-Beckers das elegante Interieur zieren. Je mehr sich der "melancholische Kunstsammler" jedoch mit der konkreten Vorbereitung befasst, desto mehr brechen unversehens die Stützen seiner Existenz weg. Immer wieder holen ihn verstörende Erinnerungen aus seiner Kindheit ein. Zudem stellt sich heraus, dass seine Frau Katka insgeheim seinen besten Freund, den von ihm protegierten Maler Fritzwalter, liebt.

Barbara Zeman
Judith Stehlik/ Hoffmann & Campe

Barbara Zeman

Ob Immerjahns Ansinnen, aus den gesammelten "Stücken [...] etwas Ganzes zu fügen" und dadurch seinem trostlosen Dandy-Dasein wieder Sinn zu verleihen, gelingt, lässt die Geschichte bis zuletzt offen. Überhaupt spielt sich das reale Leben im Hintergrund ab.

Wir werden eines Protagonisten gewahr, der sich ganz in seinen Kunsttempel zurückgezogen hat. Was für ihn zählt, sind nur noch die Gemälde, die sich als Projektionen über die Wirklichkeit legen. Im Wald hinter der Villa sieht er nur noch Landschaftsgemälde florentinischer Meister. Er "hatte gehofft, in Bildern eine Formel für die Welt zu finden", ja, gar unterhalb der Oberflächen eine "echte Welt" zu entdecken. Dienen soll Kunst als Trostspender, als geheime Ordnung im Chaos des menschlichen Daseins, als Schlüssel zu einer tiefen Erkenntnis über den Zusammenhang aller Dinge.

Nirgendwo fasst der Leser Fuß im Buch

Der Zugang zu diesem angedeuteten, gewissermaßen metaphysischen Raum bleibt uns allerdings verwehrt. Die Fantasie dieses Debüts reicht nicht weit, der Text verfängt sich zumeist in einfachen Bildbeschreibungen. Sichtlich verkrampft bemüht sich die Autorin stets um den bildungsbürgerlichen Anschein.

Um die fade Story, die letztlich permanent den psychologischen Stillstand Immerjahns wiederkäut, aufzuhübschen, übt sich die 1981 im Burgenland geborene Autorin im endlosen Namedropping. Plinius, Sigmund Freud, Alfred Hitchcock, Christian Dior, Thomas Bernhard fungieren hier und da als Zitatgeber. Angesichts dieser Addition von Wissenshäppchen wäre weniger wohl mehr gewesen. Dasselbe gilt für die seitenweisen Abschweifungen Thomas Mann'schen Ausmaßes über den Garten oder die Beschaffenheit von Wäscheleinen, die jedweder nötigen Konzentration des Werks zuwiderlaufen.

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Barbara Zeman:
Immerjahn

Hoffmann und Campe Verlag; 288 Seiten; 22 Euro

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"Oft hatte Immerjahn das Gefühl, er wohne in vielen Jahrhunderten", erfahren wir an einer Stelle. Ein ähnliches Empfinden, nämlich nirgendwo im Buch tatsächlich Fuß zu fassen, stellt sich aufseiten des Lesers ein. Der begrenzte Horizont des sich in selbstzirkulären Gedankenschleifen verlierenden Antihelden zieht ihn in Mitleidenschaft. Am Ende der Lektüre dominiert der Eindruck der Erschöpfung - auch weil die Form des Textes mit seiner bieder-konventionellen Erzählweise völlig ambitionslos ausfällt. Vergebens hofft man auf ästhetische Finessen, die dem Gegenstand des Werks, eben der bildenden Kunst, gerecht würden.

Gerüttelt vom schlechten Gewissen kommt im Kritiker zum Schluss die Frage auf: Soll oder darf man einen Debütroman verreißen? Ehrlich gesagt: ungern. Aber lügen wäre die schlechtere Alternative.



insgesamt 5 Beiträge
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Knossos 07.02.2019
1. Geheimisvoll ist es aber schon
Herr Hayer könnte aber doch das mystische Talent anerkennen, in Deutschland einen Schrieb in Lektorenhände gelangen zu lassen. Es sei denn, es war angeboren. - Das soll ja auch vorkommen.
BennoVon Archimboldi 07.02.2019
2. Schon bei den früheren Veröffentlichungen...
kann man sich das lachen nicht verkneifen: "Garten. Ansichten mit Frau und zerrissenem Mann vor Paradeisstaude" oder "Bildnis einer weiblichen Toten mit Tüllhütchen und Bart". Viel manierierter geht's wohl nicht. Und dafür hat die Frau sogar Preise gekriegt; man fragt sich, wie Jury und Autorin nicht aufgefallen ist, was für ein bildungsbürgerlicher Kitsch da produziert wird.
hausnummer 07.02.2019
3.
Ohne alten Kaugummi im Mund liest sich das Buch anscheinend besser: "Barbara Zeman hat mit Immerjahn (...) einen saukomischen, vom Hundertsten ins Tausendste kommenden Roman vorgelegt." Christian Schachinger - Der Standard. „Immerjahn“ ist ein Meisterwerk von einem Debütroman. Der Roman über die Maßlosigkeit des gegenwärtigen Kapitalismus samt durchgeknalltem Kunstmarkt berührt, seine Größe liegt aber auch im Komischen." Fritz Ostermayer - Intendant der Wiener "Schule für Dichtung" "Figuren mit überreizten Nerven und einer übersteigerten Wahrnehmung sind in der Literatur selten geworden. Umso lieber folgt man Zeman beim Rundgang durch das Universum ihres zutiefst melancholischen Helden" Sebastian Fasthuber - Der Falter Allesamt "Bildungsbürger" vermutlich...
Knossos 08.02.2019
4. @ Hausnummer
Danke für gesammelte Referenzen oder Freundschaftsdienste, Frau Zeman. Da nun in dieses Forum eingeloggt, könnten Sie vielleicht auch verraten, mit wem sich Umgang empfiehlt, um unbeirrt oder auch aus sachlichem Beweggrund in Deutschlands Verlagszene befördert zu werden.
Knossos 09.02.2019
5.
Gelieferten Zitate "vom Hundertsten ins Tausendste kommende" und "über die Maßlosigkeit des gegenwärtigen Kapitalismus samt durchgeknalltem Kunstmarkt" noch einmal überschlafen, muß sich meinermich vielleicht zurücknehmen und der Erfahrung nach, mit konservativen Schreibern beim SPIEGEL, in Erwägung ziehen, daß man sich an Botschaft statt Sprachlichem und Erzählstrang gestoßen haben könnte. Vielleicht ist das Werk nicht langweilig und prätentiös, sondern kritisch. Vorsorglich daher: Mea culpa!
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