Nobelpreisträgerin Alexijewitsch zu Lukaschenko "Verzieh dich, bevor es zu spät ist!"

Die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat Präsident Alexander Lukaschenko zum Rücktritt aufgefordert: "Aus meiner Sicht hat der Machtapparat dem Volk den Krieg erklärt."
Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch habe sich dieses Ausmaß der Gewalt in Belarus nicht vorstellen können

Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch habe sich dieses Ausmaß der Gewalt in Belarus nicht vorstellen können

Foto: Kay Nietfeld / picture alliance / dpa

In ihrer Heimat Belarus hat die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch den autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko zum Rücktritt aufgefordert: "Verzieh dich, bevor es zu spät ist!", sagte die 72-Jährige am Mittwochabend in einem Interview des Radiosenders Swoboda (Radio Free Europe).

"Aus meiner Sicht hat der Machtapparat dem Volk den Krieg erklärt." Niemand habe sich eine solche Gewalt in Belarus vorstellen können, sagte sie. "Wir haben gesehen, wie das in anderen Ländern geschieht, aber bei uns wird auf ein Auto geschossen, in dem sich ein kleines Kind befindet, alles ist voller Blut, es wird eine schwangere Frau geschlagen, Festgenommene werden mit dem Knie gewürgt", sagte sie. Dabei seien die Menschen absolut friedlich - und davon überzeugt, dass Lukaschenko die Präsidentenwahl verloren habe.

"Mir scheint, dass die belarussischen Jungs nicht so auf ihre Mütter und Schwestern einschlagen könnten"

Mit Blick auf das "unmenschliche Vorgehen" der Sonderpolizei OMON in Minsk äußerte die Schriftstellerin Zweifel, ob diese Kräfte aus Belarus seien. Möglich wäre demnach ein Einsatz russischer OMON-Kräfte. "Mir scheint, dass die belarussischen Jungs nicht so auf ihre Mütter und Schwestern einschlagen könnten", sagte sie dem US-finanzierten Sender. Nach dem Rücktritt Lukaschenkos brauche es ein Komitee der nationalen Rettung, um das Land zu führen.

Für die Ausreise der Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja äußerte Alexijewitsch Verständnis: Die 37-Jährige habe mit der Teilnahme an der Wahl ihre Sache erfüllt und bleibe ein Symbol für den Wandel.

Der seit mehr als 26 Jahren amtierende Staatschef hatte sich am Sonntag zum sechsten Mal in Folge als Sieger der Präsidentenwahl ausrufen lassen. Seither gibt es landesweit Proteste mit Aufrufen zum Dialog und einer Neuauszählung der Stimmen. Sicherheitskräfte schlagen die Demonstrationen seit Tagen immer wieder blutig nieder. Es kommen Wasserwerfer, Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschosse zum Einsatz.

evh/dpa
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