Berlin-Anekdoten Der Wahnsinn trägt Jogginghose

Nörgeln, rotzen - und dann auch noch lauwarmes Bier: Wie verkommen ist das Leben in Berlin wirklich? Felicia Zeller, als Dramatikerin preisgekrönt, hat ein böses, genau beobachtetes Hauptstadtporträt verfasst.

Von Hannah Petersohn


"Ertappt" dürfte das erste Gefühl sein, das geborene Berliner bei der Lektüre dieses Buchs beschleicht: Felicia Zeller, zugewandert aus Stuttgart, hat groteske Momentaufnahmen aufgeschrieben, die das Großstadtleben in Berlin für beinahe jeden bereithält. Ihr Kurzprosa-Band "Einsam lehnen am Bekannten" ist ein Sammelsurium von Anekdoten, die den Hauptstadt-Wahnsinn offen legen - und den alltäglichen Konflikt vieler Berliner gleich mit: Wie sich erleichtern, ohne aufzustehen?

Zeller-Buch: Genau hingeschaut, überspitzt und gnadenlos

Zeller-Buch: Genau hingeschaut, überspitzt und gnadenlos

Zellers Blick ist böse, aber sie schaut genau hin - und überspitzt dann das, was sie sieht. Gnadenlos. Sie lässt die Berliner als frotzelnde und permanent Achseln zuckende Miesepeter erscheinen. Als würden die Hauptstädter immerzu dem Nichtstun frönen, die Hände in die Hosentaschen geparkt, und sich zuraunen, dass morgen doch auch noch ein Tag sei. Als wäre die Losung "Fünfe grade sein lassn" eine allgegenwärtige Attitüde in Berlin. Wobei: Glaubt man Zeller, wäre "Streben" auch schon wieder zu viel der Bemühung. Eher schleppen sie sich nuschelnd zur nächsten Energietankstelle, einer Berliner Bar also, an der schon ein lauwarmes Bier auf sie wartet. Was natürlich alles übertrieben ist, ungerecht und gemein, aber so ganz falsch leider auch wieder nicht. Zugegeben: Zellers Leitfaden Berliner Benehmens entlarvt die patzige Passivität der Hauptstädter. Und ihr mürrischer Tonfall beweist: Die Stuttgarterin hat sich erstaunlich gut assimiliert.

Der verdiente Lohn: Für "Einsam lehnen am Bekannten" bekommt Zeller, 38, im Juli den Clemens-Brentano-Förderpreis der Stadt Heidelberg. Es ist die zweite Auszeichnung innerhalb kurzer Zeit: 2008 erhielt sie für ihr gefeiertes Theaterstück "Kaspar Häuser Meer" den Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen.

Zellers Beobachtungen des Nichtstuns sind köstlich: Der Berliner wartet darauf, dass etwas passiert, und wenn dann endlich etwas passiert, ist's ihm auch egal. Je weniger geschieht, desto mehr sinniert er über das Wenige. Demgemäß schleppt die Autorin - sie ist ja erfolgreich assimiliert - ihren Körper in ein Café und beschwert sich in Gedanken über die unbeteiligte, wenngleich hippe "Turnschuhkellnerin", die nicht kellnert, sondern so tut, als warte sie auch auf die Bedienung. Lautstark Beschweren wäre ihr zu anstrengend, und so sitzt sie lange in lauernder Anschnautzbereitschaft. Die Klappe aber kriegt sie nicht auf: Am Ende ist den Berlinern eben doch wieder alles egal!

Einmal unterstellt Zeller den Bewohnern des Bezirks Neukölln eine Leidenschaft für das Tragen von Jogginganzügen in der Fußgängerzone. Ein anderes Mal schildert sie eben jene Fußgängerzone als Pflaster voll frischgerotzter Spukebatzen. Treffsichere Beobachtungen, die sie dem Leser in Textbrocken hinwirft.

Berlins Bar-Abende, schreibt Zeller, dienen dem Kampf Betrunkener um Wahrheit und Gerechtigkeit. Kampftrinken definiert sie neu: "Brettern" sei von jetzt an das Wort der Stunde, und Zeller brettert mit ihrem Freund um die Wette, dass die Wände wackeln. Mehrmals die Woche wird gebrettert, bis beide betrunken und sackartig umfallen und wegschnarchen. Problematisch wird's, wenn sie bereits Montag gebrettert hat und folgerichtig Dienstag unfähig zum Brettern ist, er hingegen Dienstag brettert: Da wird die Wohnung zu klein für beide und sie um den Schlaf gebracht. Die Autorin beschließt zeternd, vor sich hin grantelnd, den schlafenden Freund an ihrer Wut teilhaben zu lassen. Ein Beschluss, der nicht lange währt: Die Wut verpufft alsbald in trunkener Ignoranz.


Buch Felicia Zeller: "Einsam lehnen am Bekannten". Lilienfeld Verlag, Düsseldorf. 167 Seiten; 18,90 Euro.



insgesamt 28 Beiträge
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MiepMiep 16.03.2009
1. Na und?
Naja, diesem Artikel entnehme ich nichts, was nicht ebenso schlecht auf andere urbane Ansammlungen passen würde. Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich Spandauer bin und von Berlin eh nix mitkriege... Nur das lauwarme Bier kann ich bestätigen; dafür ist der Milchkaffee aber auch überall eiskalt, so wie in Posemuckel ja auch - is aber letztlich sowieso völlig wurscht...
cknoebel 16.03.2009
2. Hingeworfene Textbrocken...
Diese Wertung trifft voll und ganz auf diese Rezension zu. Ohne Sinn und Zusammenhang. Bleibt zu hoffn, dass das Buch besser ist als die Bsprecheung, das ist aber keine hohe Hürde
d_s 16.03.2009
3. Irgendwie...
...liest niemand mehr gegen: "Anschnauzbereitschaft" und "Spuckebatzen" sollte es doch schon heißen... Gruß, DS
Ein netter Netter 16.03.2009
4. Berlin eine Monokultur?
Aufgrund der Rezension wage ich zu bezweifeln, ob die Autorin wirklich einen universellen Ansatz verfolgt, und *alle* Berliner beschreiben will, oder nur eine bestimmte Szene, in der sie sich selbst bewegt. Wenn ja, hätte ich gerne noch gewusst, welche. Was mir aber direkt in den Sinn kam, war der "Ich bin ein Berliner" Blog, wo ein Amerikaner(?) die Berliner aus seiner Sicht analysiert, was auch recht lustig ist: http://www.ichwerdeeinberliner.com/ Da geht's aber mehr um die hippen knapp-40-jährigen aus Prenz'lberg
Rainer Girbig 16.03.2009
5. Überflüssig
Kann man einer großen Stadt wie Berlin mit so einer Ansammlung von Anekdoten gerecht werden? Sicher nicht, das wirkliche Leben ist um einiges vielschichtiger. Und anscheinend hat die Buchautorin alle Menschen dieser Stadt kurzerhand zu Berlinern erklärt und damit alle Zugereisten und NDH'ler (NDH = nicht deutscher Herkunft) gleich mit. Gerade jene zeichnen sich durch einige Verhaltensweisen aus, die eben gerade nicht typisch berlinerisch sind. Fazit: erstaunlich, mit welchem Käse man heute Preise einheimsen kann. Hauptsache, es werden alle möglichen Klischees bedient. Sollte die Rezension zutreffen ist das Buch gedruckter Müll und damit (für mich) überflüssig. P.S.Ich bin in Berlin geboren.
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