Neuer Bernhard-Aichner-Krimi Koks statt Bananen

Aschenputtel macht Drogenfund: Bestsellerautor Bernhard Aichner geht es nicht darum, die kaputte Welt zu sezieren - sein Roman "Der Fund" ist Unterhaltung in Stakkatosätzen.

Positiv. Unfassbar positiv. Ansteckend positiv. Wieso hat der eigentlich so eine Ausstrahlung? Wer Bernhard Aichner erlebt, ob bei Lesung oder Interview, der fragt sich bald, wo eigentlich die dunklen Geschichten herkommen. Die frühen Provinzkrimigrotesken über den Totengräber Max Broll und die internationalen Bestseller der "Totenfrau"-Trilogie, in der sich die alleinerziehende Mutter Brünhilde Blum zur Rachegöttin wandelt und so cool killt, als wäre sie aus einem Tarantino-Film entsprungen.

Wie düstere Märchen sind seine Romane, in denen der gebürtige Tiroler seine Helden und Heldinnen durch das finsterste Tal hetzt, nur um am Ende zwischen den Gipfeln doch wieder einen strahlenden Tag beginnen zu lassen. Sein neuestes Märchen hat er "Der Fund" genannt, und Aichner erzählt darin die Geschichte vom Aschenputtel neu.

Nur heißt sein Aschenputtel ganz profan Rita Dalek, und sie findet nicht ein Paar silberne Schuhe, sondern etliche Kilo Kokain. In einem Bananenkarton. In dem Supermarkt, in dem die Mittfünfzigerin einen Großteil ihres auch sonst wenig spektakulären Lebens verschwendet.

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Aichner, Bernhard

Der Fund: Thriller

Verlag: btb Verlag
Seitenzahl: 352
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Preisabfragezeitpunkt

30.11.2022 06.09 Uhr

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Pure Unterhaltung, reiner Eskapismus, permanente Bewegung

Aichner, der Märchenerzähler mit dem Hang zum Happy End, beginnt seinen neuen Roman mit dem Ende, und das verspricht diesmal alles andere als glücklich zu sein: "Noch hat Rita keine Ahnung, was in den nächsten drei Wochen passieren wird. Rita wird jemanden töten. Und dann wird jemand sie töten. Weil sie diesen Karton geöffnet hat, wird Rita sterben. Bald schon."

Gleich zu Anfang ist er wieder da, dieser Aichnersche Stakkatostil. Die Sätze im atemlosen Präsens sind kurz. Und je kürzer die Sätze, desto wichtiger wird es, dass zwischen ihnen etwas entsteht, das sie zum Schwingen bringt. Wie man das schafft? Entzieht sich der Analyse. Aber nur wenige Autoren, meist Amerikaner, beherrschen die Kunst der kurzen Sätze. Don Winslow. James Ellroy. Auch der Österreicher Bernhard Aichner wird darin immer besser.

Bernhard Aichner

Bernhard Aichner

Foto: Ursula Aichner/ btb

Anders als Winslow und Ellroy ist Aichner keiner, der mit seinen Romanen die korrupte und kaputte Welt sezieren, das Politische aus einem Stoff herausarbeiten will. Seine Bücher sind pure Unterhaltung, reiner Eskapismus, permanente Bewegung. Wo Winslow in seinem großen mit "Tage der Toten" begonnenen Zyklus die alles korrumpierende Macht von Kokain und anderen Drogen in allen Facetten aufzeigt, dient Aichner das Koks lediglich als Treibstoff, um den Erzählmotor auf Hochtouren laufen zu lassen.

Mit Kitsch und Happy End

In Rita Daleks letzten drei Wochen passiert mehr als in ihren letzten dreißig Jahren. Ihre Träume von der Schauspielerei hat sie schon als junge Frau begraben, ihr Traummann hat sich als Ekelpaket herausgestellt, das gemeinsame Kind ist gestorben, der Job im Supermarkt von geisttötender Monotonie. No Future, eine Gegenwart, die kaum auszuhalten ist, und eine Vergangenheit voller schmerzvoller Erinnerungen - da kommen 12 Kilo Koks gerade recht.

Rita greift zu, und ihr Leben beginnt, Kopf zu stehen. Und das nicht nur, weil sie sich selbst reichlich bedient: Schon bald findet sie einen Abnehmer, den Milliardär Ferdinand Bachmair. Sein Preis für den guten Stoff: Er soll Rita in die beste Gesellschaft einführen. Ihr Pech: Das hier ist nicht "Pretty Woman", und Bachmair nicht Richard Gere. Sondern ein ausgesprochener Widerling. Der aber zunächst gar nicht Ritas größtes Problem ist: Die albanische Mafia will ihre Drogen zurück haben.

Aichner gelingt es, einen derartigen erzählerischen Sog zu erzeugen, dass der Leser schon bald vergisst, dass die Ausgangssituation ein wenig zu unplausibel ist, die Liebesgeschichte ein wenig zu kitschig, die Helden wie die Schurken ein wenig zu eindimensional. Aichner fokussiert auf die Action, treibt seine Figuren, seine Sätze, seine Leser permanent weiter, peitscht sie nach vorn. Ins Dunkle, ins Unerwartete.

Und wenn man so tief im Tunnel ist, dass man glaubt, nie wieder zurück ans Licht zu kommen, knipst Aichner plötzlich eine Taschenlampe an. Und so wird dann auch "Der Fund" gut enden. Wie Aichner das hinbekommt, mag man als literarischen Taschenspielertrick abtun. Oder als genialen Plot-Twist feiern. Auf jeden Fall ist es sehr, sehr Aichner.

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