Bestseller Harry Potter und das Öko-Siegel
Noch wird der Inhalt des 600-Seiten-Schmökers Harry Potter 6 mit dem Karl-May-mäßigen Arbeitstitel "Harry Potter und der Halbblut-Prinz" wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Wer wird sterben? Wer wird leben? Wer wird sich in wen verlieben?
Bei einer Druckerei des Bertelsmann-Konzerns im thüringischen Pößneck sind 40 Wachleute abgestellt, damit kein Exemplar der ersten Druckauflage in falsche Hände gerät. Am Eingang der Druckerei wurde eine Überwachungskamera installiert, Foto-Handys dürfen nicht mehr mit an den Arbeitsplatz genommen werden, zum Schichtschluss gibt es Taschenkontrollen. Der britische Verlag Bloomsbury lässt in der deutschen Provinz die ersten 250.000 Exemplare der englischen Ausgaben drucken, die ab dem 15. Juli in die Läden kommen. Die Harry-Potter-Festspiele 2005 sind eröffnet.
Für den zu erwartenden Mega-Seller, der auf Deutsch ab dem 1. Oktober in den Buchhandel kommt, hat sich auch der Hamburger Carlsen Verlag etwas Besonderes einfallen lassen. Bereits im Jahre 2004 traf dort ein Brief der Potter-Autorin Rowling ein, die Informationen über das in Deutschland verwendete Druckpapier anforderte. Die ökologisch bewegte Autorin will nicht nur ihren zauberhaften Figuren einen märchenhaften Wald als Lebensraum erhalten, sondern auch den ganz irdischen Muggeln.
Rowling bestand auf "tropenwaldfreiem Papier" für die kilogrammschweren Werke. Die flächenhaften Abholzungen für die Papierindustrie in Westkanada oder in Russland Mitte der neunziger Jahre hatten auch Rowling nicht unbeeindruckt gelassen. Mit einem Kraftakt konnten die Hersteller des deutschen Verlages damals bei der schwedischen Papierfirma Arctic Paper gerade noch rechtzeitig vor der generalstabsmäßig geplanten Auslieferung die entsprechende Ware bekommen, die nach dem internationalen Management-Standard Emas sowie der Öko-Zertifizierung nach ISO 14 001 hergestellt wurde.
Carlsen war also gewarnt. Mit der Papierfabrik Schleipen der Cordier Spezialpapier GmbH im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim wurde schließlich ein Partner für den urwaldfreundlichen Potter 2005 gefunden. Für die immerhin 1500 Tonnen Papier der deutschen Startauflage von zwei Millionen Exemplaren garantieren die Papiermacher ein "optimiertes Produkt". Das eigens in Bad Dürkheim entwickelte Papier soll trotz des hohen Anteils von kürzeren Recyclingfasern, reißfest und gut bedruckbar sein.
Das 80 Gramm/Quadratmeter schwere Papier enthält zu 40 Prozent Altpapier, das aus US-amerikanischen Haushaltssammlungen alter Prospekte, Werbebeilagen oder Zeitschriften stammt. In den Bad Dürkheimer Laboren der Papiermacher durchlief das in der Branche neuartige Papier über zwei Jahre aufwendige Tests, um beispielsweise die "Vergilbung" oder "Verfärbung" zu prüfen. "Wir sind gespannt", sagt Vertriebsleiter Robert Lamberty
Die weiteren 60 Prozent des Potter-Papiers stammen aus Wäldern, die einem nachhaltigen Forstmanagement nach den Regeln des "Forest Stewardship Council" (FSC) unterliegen. Nach Angaben der Bad Dürkheimer Papierfabrik stammt der für Potter verwendete Zellstoff mit den frischen Fasern aus schwedischen und kanadischen Forsten.
Das weltweit verbreitete Öko-Siegel in Form eines kleinen Baumes soll vor allem ein "umweltgerechtes Forstmanagement" ohne dauerhafte Schädigung der Wälder durch Kahlschläge oder Raubbau garantieren. "Das ist der grünste Potter, den es jemals gab", sagt Carlsen-Sprecherin Katrin Hogrebe.
Doch schon heute zeichnet sich eine Knappheit für FSC-zertifiziertes Holz zur Herstellung von Spezialpapieren ab. Bei einer insgesamt nach FSC-Siegel zertifizierten Fläche von rund 500.000 Hektar in Deutschland wächst die Nachfrage anderer Holzkunden wie Möbelherstellern, Fensterfabriken oder Zimmerleuten nach dem FSC-Holz.
Und jetzt kommen auch die Bestsellerautoren und einige Großverlage dazu, obgleich das Buchdruckpapier nur rund fünf Prozent der gesamten Papiernachfrage ausmacht. So plant auch die deutsch-amerikanische Verlagsgruppe Random House Bertelsmann das Buchsortiment in den fast 30 Verlagen wie Goldmann, Heyne und den Taschenbuchverlagen schrittweise einer Öko-Zertifizierung zu unterwerfen. Schon heute wird im Impressum einzelner Titel das FSC-Logo zum Nachweis der Umweltfreundlichkeit gedruckt.
Eine bereits 2003 auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellte Initiative der internationalen Umweltorganisation Greenpeace "AutorInnen und Verlage für die Urwälder" wird von prominenten Autoren unterstützt, die ihre Werke auf Recyclingpapier gedruckt sehen möchten - von Margaret Atwood, Cornelia Funke, Kirstin Boie bis Michael Jürgs oder neuerdings "Schwarm"-Autor Frank Schätzing.
Die Greenpeace-Zahlen der literarischen Rettungsaktion für die bedrohten Wälder alleine durch den letzten Harry Potter in Kanada sind beeindruckend: so seien 30.000 Bäume weniger gefällt worden, konnten 20.000 Kilowatt Strom eingespart werden und der Wasserverbrauch verminderte sich um 47 Millionen Liter Wasser. "Urwaldschutz und die Produktion eines Kassenschlagers zu verbinden ist keine Zauberei", urteilt Papierexpertin Denise Völker von Greenpeace.
Ganz ohne Belastung der Umwelt wird aber auch der neue "Harry Potter" nicht seinen Weg in die Wohnstuben finden. Nach Angaben des Carlsen Verlages startet zu einem -natürlich- geheim gehaltenen Auslieferungstermin eine Flotte von rund 100 schweren Lastwagen mit den frisch verpackten Paletten des "Halbblut-Prinzen" zu den über 6600 Verkaufsstellen.