Biografie-Roman Plötzlich allein

Weil sie den Tod der Dichterin Bea Haustein lange nicht verkraften konnte, machte Claudia Klischat eine Romanfigur aus ihr: eine gekonnte Mischung aus Fiktion und echten Haustein-Texten, mit Schwächen im Endspurt.

Klischat-Roman: Reales Vorbild

Klischat-Roman: Reales Vorbild

Von Rita Nikolow


Ina ist tot und das neue Leben schon wieder zu Ende. Es hat nur ein paar Monate gedauert. Dabei waren die Ich-Erzählerin Via und ihre Lebensgefährtin gerade erst so richtig angekommen in dem kleinen Dorf Bergwald, in dem sie eine Bar aufgemacht hatten.

Via, die für die Flucht aus der Stadt ihren sicheren Job aufgegeben hat, bleibt allein zurück. Nach Inas Tod wird es immer einsamer um sie herum, innerlich sowieso: Da nützt es ihr auch nicht viel, dass sie morgens immer noch den Kaffee aufsetzt, den die Verstorbene so gern getrunken hat. Und sich durch die kleinen Notizzettel arbeitet, die Ina, die Schriftstellerin, im ganzen Haus verteilt hatte. Auf einem von ihnen steht auch der Buchtitel "Der eine schläft, der andere wacht": ein Zitat aus Shakespeares Hamlet.

An ihrem neuen Roman hat Claudia Klischat insgesamt fünf Jahre gearbeitet. Die 40-Jährige, die an der Münchener Filmhochschule und dem Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte und auch schon als Tänzerin gearbeitet hat, veröffentlichte 2005 ihren ersten Roman "Morgen. Später Abend". Gewonnen hat sie unter anderem den Open-Mike-Wettbewerb der Literaturwerkstatt Berlin und den Bayerischen Kunstförderpreis.

Ina steht für die Dichterin Bea Haustein

Klischats Romanfigur Ina hat ein reales Vorbild, dessen Vorname ebenfalls aus drei Buchstaben besteht: die Schriftstellerin und Dichterin Bea Haustein, die 2002 mit 27 Jahren verstorben ist. "Wir hatten eine intensive kollegiale Beziehung", sagt Klischat. Beide waren Stipendiatinnen auf Schloss Solitude - und haben sich gegenseitig inspiriert. "Den plötzlichen Tod Hausteins konnte ich lange nicht verkraften."

Klischats schmaler Roman hat in der ersten Hälfte viele starke Momente. Berührend ist zum Beispiel, wie Via ihre Beziehung zu Ina reflektiert. Sie schreibt, dass die Freundin sie als Stoff und Futter für ihre Texte "ausgeweidet hat auf einem Papier". Zu den Pluspunkten gehören auch die Gedichte der realen Bea Haustein, die Klischat gekonnt in den Text montiert und in denen es zum Beispiel heißt: "ich liege jede nacht mit mir in den armen (die welt dreht sich im kreis und man muss aufpassen dass man nicht rausfällt)".

"Kind, warum wird Eure Generation so spät erwachsen?"

Aber irgendwann erschlafft der Spannungsbogen. Und zwar leider in dem Moment, in dem eigentlich das auf dem Klappentext angekündigte "Roadmovie" beginnt. Vielleicht, weil sich der Fokus verschiebt. Aus der ruckeligen Fahrt durch Vias Inneres wird eine Begegnung mit der Außenwelt, der besten Freundin - die inzwischen mehrfache Mutter ist -, und den Vorwürfen von Vias Eltern, die zum Beispiel so lauten: "Kind, warum wird Eure Generation so spät oder gar nicht erwachsen?" Da wünscht man sich schnell zurück in das rätselhafte Dorf.

Man kann für die Autorin nur hoffen, dass für ihr nächstes Buch das Lektorat konzentrierter arbeitet, erst recht, wenn das Werk in einem so renommierten Verlag wie C.H. Beck erscheint: Denn dass die Hauptfigur Ina im Klappentext den Namen des realen Vorbilds Bea trägt, ist nicht nur verwirrend, sondern mehr als ärgerlich - für den Leser und die Autorin.



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