Amerikas Albtraum Bringt mich in die Entzugsklinik!

In der Psycho-Hölle: Juliet Escoria zeigt in ihren Short Storys eine heruntergekommene White-Trash-Welt - mit jungen Menschen, die aufgehört haben zu träumen und in Abgründe schauen.
Von Thomas Andre
Schriftstellerin Juliet Escoria: Die Spirale ins Fiese zwirbeln

Schriftstellerin Juliet Escoria: Die Spirale ins Fiese zwirbeln

Foto: Maro

Es gibt in der Literatur die Kategorie des Katastrophalen, die Lust am Abgefuckten. Die Sehnsucht nach dem Dreck (Bukowski), der Hässlichkeit; es gibt den Grusel am Kaputten und die dunkle Feier der Dauerbedröhnung (wie in Christian Krachts "Faserland"). Manchmal, wie etwa in Oskar Roehlers aktuellem, sehr hartem Roman "Mein Leben als Affenarsch", ist der Selbstverfall mit einem immensen Selbstgenuss verbunden, mit einem abartigen Lebenshunger, von dem man gerne liest, weil man ihn bei sich selbst domestiziert.

Juliet Escorias nun auf Deutsch erscheinende Kurzgeschichten liest man manchmal, aber nicht immer gern, weil sich unter dem programmatischen Titel jener Textsammlung - "Black Cloud" - eine beinah schon übermotivierte Ballung an Hässlichkeiten verbirgt, die literarisch vor allem mit der Summierung möglichst krasser Vorkommnisse arbeitet, sie dabei aber fast nie in einen befriedigenden Kontext stellt.

Ein Mädchen im Teenageralter, das aus purer Langeweile mit dem Freund der Freundin herummacht und dafür von der danach auf linke Tour in einen Hinterhalt gelockt und heftig verprügelt wird. Eine Nachtklub-Garderobiere, die ihren treudoofen Freund hintergeht und dem schmutzigen Nachtklubbesitzer sexuell zu Diensten ist an dessen Zocker-Wochenenden in Atlantic City. So weit, so harmlos. Escoria kann die White-Trash-Spirale aber mit bemerkenswerter Konsequenz ganz leicht ins wirklich Fiese zwirbeln. Wie in der Story "Reduktion", in der ein Drogenpärchen sich Ketamin mit Vanillegeschmack backt und ein Kind zeugt, das bei der geplanten Abtreibung schon längst nicht mehr da ist - sondern abgestoßen wurde vom Körper der Drogenfrau. Beschimpft wird sie danach trotzdem vom Freund, weil sie das Abgehen des Fötus noch nicht mal bemerkt hat. Ein deplatziert wirkender Anfall von Moral.

Familien, die gar nicht funktionieren können

Die Figuren in diesen Geschichten, die manchmal nur zwei, drei Seiten lang sind, kennen oft keine Moral, sondern nur die Sucht und ihre niemals irgend etwas ins Positive wendenden Folgen. In der Aussparung breit angelegter Selbsterkundungen liegt manchmal eine Stärke Escorias: Ihre 17-teilige Ich-Tournee auf der Nachtseite der amerikanischen Mittelschicht, die ihre Nachkommen verwahrlosen lässt, ist in erzählökonomischer Hinsicht auf den Punkt hin komponiert. Escoria braucht nicht viel Raum, um das Scheitern einer Beziehung zu zeigen oder eine gestörte Mutter-Tochter-Beziehung. Allerdings findet sie für dieses Zeigen von zwischenmenschlichen Verheerungen immer Abkürzungen - Entzugsklinik und Drogenrückfall als Indikatoren von Familienverhältnissen, die gar nicht funktionieren können.

Und insgesamt ist in der Lakonik dieses Erzählens, das bisweilen buchstäblich die Form einer Aufzählung bekommt, der Wille zur Sprachambition suspendiert - etliche der Geschichten rasen ohne jeglichen Widerhall an einem vorbei. Escorias Minimalismus könnte das Abgründige ihrer Storys nur verstärken, wenn er wirklich starke Bilder im Kopf des Lesers hervorriefe - was er selten tut.

Es sind Vignetten des Verlusts, die Escoria in "Black Cloud" aufblättert; eines Verlustes von Dingen, den die jungen Protagonisten nur noch als Phantomschmerz wahrnehmen können. Ein halbwegs bürgerliches Leben scheint in ihren Träumen jedenfalls nicht mal mehr aufzutauchen. Das Träumen haben sie sich vielmehr schon ganz verboten, was aus ihrem seelischen Erleben ein geschlossenes System macht: Literarisch ist das auch etwas reizlos auf die Dauer. Aus ihrem Alter scheint Escoria, die lange Zeit in Südkalifornien lebte und kürzlich nach Virginia gezogen ist, im Übrigen ein Geheimnis zu machen. Das gilt nicht für ihre künstlerische Ausbildung - und an den Creative-Writing-Schools hat man ihr anscheinend beigebracht, dass die Ausschläge auf dem Krassometer von Zeit zu Zeit hoch sein müssen, um den Leser zu kriegen.

Dieses pointierte Zeigen emotionaler Derbheiten oder das stete Notieren simpler Behauptungen sind es, was den atmosphärisch durchaus gedrängten Szenarios einen grellen Anstrich gibt: "Wenn es darum ging, wer von uns beiden gerade fertiger ist, haben wir bereits oft die Plätze getauscht, zuerst ich, dann er, dann wieder ich"; "Einmal schlug er mich so hart, dass ich hinterher ein blaues Auge hatte. Als ich später im Spiegel die Schwellung anschaute (...), bekam ich fast das Gefühl, ihn doch wieder lieben zu können."

Das ist, wie so vieles in "Black Cloud", ein bisschen voraussehbar. Kann die Psycho-Hölle nicht auch mal ganz anders aussehen? Man könnte es auch literarisches Malen nach Zahlen nennen. Als Stilübungen einer Milieustudie mag man manches noch durchgehen lassen, wobei Escoria nie die Oberflächen-Eleganz eines Bret Easton Ellis oder die Vielschichtigkeit eines David Foster Wallace erreicht.

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Juliet Escoria:
Black Cloud

17 Stories vom amerikanischen Albtraum.

Übersetzt von Christoph Jehlicka

Maro Verlag; 96 Seiten; 14,80 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.