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24. September 2015, 10:55 Uhr

Neuer Krimi von Jo Nesbø

Killer in einer kalten Stadt

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Zehn Romane umfasst Jo Nesbøs "Harry Hole"-Reihe mittlerweile. In seinem neuen Buch "Blood on Snow: Der Auftrag" wechselt er die Seiten und folgt einem Auftragskiller in Oslo. Brillanter Pulp der alten Schule - mit einem modernen Twist.

Olav Johansen ist Auftragsmörder. Und das aus einem ganz pragmatischen Grund. Er taugt einfach nicht für andere kriminelle Tätigkeiten: "Es gibt vier Arten von Jobs, für die ich nicht zu gebrauchen bin. Einen Fluchtwagen fahren. Raubüberfälle. Drogen. Prostitution." Dafür ist er als Killer ziemlich talentiert. Weil er seine Aufgabe nicht persönlich nimmt und die Ruhe weg hat beim Töten. Und weil ihn sein Gewissen nach getaner Arbeit nicht lange plagt. Schließlich töte er "in der Regel Männer, die es irgendwie verdient haben".

Zehn Krimis über den kaputten, aber aufrechten Polizisten Harry Hole hat Jo Nesbø bislang geschrieben - allesamt Bestseller rund um den Globus. "Blood on Snow: Der Auftrag", dem mit "Das Versteck" im Februar eine Fortsetzung folgen wird, ist eine radikale Abkehr von dieser Erfolgsreihe, deren letzter Teil etwas uninspiriert wirkte.

Nesbø tauscht nicht nur seinen Helden aus - Cop gegen Killer -, sondern wechselt auch die Zeitebene. Der Norweger erzählt eine Geschichte aus der Vergangenheit Oslos, den mittleren Siebzigerjahren, als das Heroin begann, in der Stadt zum Problem zu werden. Sogar das Format hat Nesbø geändert: Nicht einmal ein Drittel so lang wie seine voluminösen Hole-Romane geriet "Blood on Snow". Damit verweigert sich Nesbø den Marktmechanismen - im Krimi- und Thrillergenre verkaufen sich dicke Schinken besser als schmale Bändchen - und verneigt sich vor den Pulp- und Noir-Autoren früherer Zeiten, die selten mehr als 200 Seiten brauchten, um ihre Storys zu einem meist finsteren Ende zu bringen.

Literarischer Ego-Shooter

"Blood on Snow", daran lässt Nesbø keinen Zweifel, wurde im Geiste der Pioniere des harten modernen Kriminalromans geschrieben. Die Riege seiner prominenten Vorbilder führt Jim Thompson an, der 1952 mit "Der Killer in mir" den prototypischen Krimi aus Killerperspektive geschrieben hatte - sozusagen den berühmtesten Ego-Shooter der Literaturgeschichte. Nesbø tappt, anders als zuletzt etwa Benjamin Black, nicht in die Retro-Falle, hat kein Pastiche geschrieben, sondern bedient sich der Form klassischer Pulp Fiction und überführt sie in etwas Neues, eine Art Meta-Noir.

Für das Genre regelkonform schickt Nesbø seinen Helden Olav Johansen auf eine Mission, die ihm von Anfang an nicht geheuer ist: Sein Boss Daniel Hoffmann, Oslos Gangsterkönig, will seine untreue Ehefrau aus dem Weg geräumt haben. Doch stattdessen erledigt Johansen ihren Liebhaber - der sich als Hoffmanns Sohn entpuppt. Während Johansen der schönen wie mysteriösen Frau zunehmend verfällt, setzt Hoffmann ein Kopfgeld auf seinen abtrünnigen Top-Killer aus. Der wiederum sucht Hilfe bei Hoffmanns größtem Konkurrenten.

Zwei rivalisierende Gangsterbanden, die um die Herrschaft über eine Stadt Krieg führen, ein einzelner Mann, der zwischen die Fronten gerät, eine verführerische Frau, die alle Züge einer typischen femme fatale trägt - so weit, so bekannt. Auch den Fatalismus seiner literarischen Vorgänger übernimmt Nesbø. Aber dadurch, dass er diese klassisch amerikanische Geschichte in Oslo spielen lässt, verfremdet er sie, stellt ihre Künstlichkeit aus. Oslo in den Siebzigern, das ist ein Ort, der noch nichts zu wissen scheint von harten Drogen und organisiertem Verbrechen, der noch vom Optimismus der Sechziger durchdrungen wirkt - eine Illusion, wie Nesbø nach und nach enthüllt.

Wirklich faszinierend wird "Blood on Snow" aber erst durch seinen Protagonisten, dem nur scheinbar naiven Olav Johansen. Der entpuppt sich im Verlauf des Romans als ziemlich unzuverlässiger Erzähler, der uns (und sich selbst) das Märchen vom Killer mit Herz verkaufen will, in Wahrheit aber höchstens zu oberflächlicher Sentimentalität fähig ist. Er ist ein Vielleser, der das verquere Hobby hat, alternative Versionen seiner Lieblingsbücher zu schreiben - eine schräg verkitschte Neufassung von Victor Hugos "Die Elenden" zum Beispiel. Mit einem Helden, der große Ähnlichkeit mit ihm selbst aufweist. So wie Johansen klassische Romane umdichtet, verfährt er auch mit seinem Leben - aus dem einsamen Killer ohne Skrupel wird der Held in einem ziemlich rührseligen Abenteuerstück.

Eine schöne Entsprechung findet dieser metafiktionale Dreh in der Genese von "Blood on Snow": Ursprünglich wollte Nesbø den Roman unter dem Pseudonym Tom Johansen veröffentlichen - ein Krimi-Schriftsteller, den er vor längerer Zeit für eine unveröffentlichte Geschichte erfunden hatte. "Blood on Snow" sollte als Fundstück aus den Siebzigern in die Buchläden gebracht werden, als wiederentdeckter Noir-Klassiker. Schade: Die Anwälte seines Verlags verhinderten diese perfekte Pointe.

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