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14. Oktober 2016, 03:58 Uhr

Bob Dylan

Eine Zeile wie eine schallende Ohrfeige

Von Max Dax

Voller Poesie und Brutalität: Bob Dylan schreibt Songtexte wie kaum ein anderer. Dafür hat er jetzt den Literaturnobelpreis bekommen. Lesen Sie hier seine zehn wichtigsten Zeilen.

1. Like a Rolling Stone

"How does it feel
To be on your own
With no direction home
Like a complete unknown
Like a rolling stone?"

Ganze Bücher sind schon über diese fünf Zeilen geschrieben worden, über dieses Lied, das regelmäßig in den Umfragen nach dem bedeutendsten Song der Popkultur auf dem ersten Platz landet. Die Frage, die Bob Dylan im Refrain stellt, ist die Frage nach dem, was vom Menschen bleibt, wenn sich die Welt von ihm abgewandt hat, wenn kein Geld mehr da ist, wenn sich das Leben als kolossale Selbsttäuschung entpuppt: Man wird zum Existenzialisten, zwangsläufig.

2. It Ain't Me Babe

"It ain't me you're lookin' for, babe"

Eine Zeile wie eine schallende Ohrfeige. An die Freundin. An die Fans. An die hohen Erwartungen und Projektionen, an denen Bob Dylan sich im Verlauf seiner Karriere immer hat abarbeiten müssen. Der von Dylan verehrte Dichter Arthur Rimbaud prägte den Satz "je est un autre" - "Ich, das ist ein anderer". Dylan, das ist eine Chiffre. Ganze Generationen haben in Bob Dylans Stimme hineininterpretiert, dass sie zu ihnen sprechen würde, dabei sprach der Sänger stets zu sich selbst. Aber: Indem er zu sich selbst sprach, sprach er zu uns. Selbst wenn er nichts mit uns zu tun haben wollte. Angeblich.

3. Things Have Changed

"All the truth in the world adds up to one big lie"

Dylan, der Prophet - so wurde er immer wieder genannt, egal, wie sehr er dieses Etikett stets abgelehnt hat. Aber in dieser dunklen Zeit, in der die "Wahrheit" beispielsweise in US-Präsidentschafts-Rededuellen zu einer reinen Worthülse verkommt, schimmert eine große Wahrheit in der ernüchternden Behauptung, dass sich alle Wahrheit der Welt zu einer einzigen großen Lüge verdichte. Für den Song hat Dylan übrigens einen Oscar für den besten Filmsong erhalten. Der Oscar reist auf Konzerten immer mit. Auch der Literaturnobelpreis?

4. Early Roman Kings

"They destroyed your city
They'll destroy you as well"

Darf man das? Bob Dylan singt mit zornbebender Stimme, er singt eine Hymne auf die Early Roman Kings, eine einst ultrabrutale Straßengang aus der Bronx. Jedes Wort wie ein Messer, jeder Atemzug im Vortrag die Ruhe vor dem Schuss. Dylans Spätwerk ist von einer expliziten Brutalität und Gewaltbereitschaft, dass einem Angst und Bange werden kann. Manch ein Hip-Hopper kann dagegen nicht bestehen. Viel wichtiger: Die Explizitheit des Textes spiegelt eine amerikanische Wirklichkeit mit einer Effizienz und Verdichtung, wie wir sie nur aus der Lyrik kennen.

5. Masters of War

"You that hide behind walls
You that hide behind desks
I just want you to know
I can see through your masks"

So, wie der Text von "Early Roman Kings" über die Melodie von Muddy Waters' "Mannish Boy" geschrieben wurde, folgen die Wörter von "Masters of War" dem Arrangement des alten englischen Folksongs "Nottamun Town". Die Überschreibung ist dabei kein einfaches Anti-Kriegs-Lied. Nein, Bob Dylan, der alle Stücke von Bertolt Brecht gelesen hat, als er in New York mit dem Songschreiben begann, sagt: "Dies ist ein Song gegen den militärisch-industriellen Komplex". Gegen die Kriegstreiber und Schreibtischtäter. Ein Song, der wichtiger scheint denn je zuvor.

6. Oh, Sister

"Time is an ocean but it ends at the shore
You may not see me tomorrow"

Geheimnisvolle Zeilen, und doch ganz konkret. Als Dylan 1976 sein Album "Desire" veröffentlichte, stand dessen erster Song "Hurricane" über den Justizirrtum im Falle des schwarzen Boxers Rubin "Hurricane" Carter im Fokus der Aufmerksamkeit. Der schönste Song des Albums jedoch ist "Oh, Sister" - eine Miniatur in vier Strophen, in der die Liebe zur Frau, aber auch zu Gott in genialer, mysteriöser Manier beschrieben wird.

7. Trying to Get to Heaven

"When you think that you've lost everything
You find out you can always lose a little more"

Bob Dylan schrieb diese Zeilen 1997 - da war er gerade dem Tod von der Schippe gesprungen. Das ganz Große, Universelle in wenigen, einprägsamen Zeilen zu komprimieren, das kann Dylan wie kein zweiter lebender Songwriter. Abgründe liegen in dem Existenzialismus dieser Zeilen, und zugleich ein bizarrer, stiller Humor. Im Refrain - Trying to get to heaven / Before they close the door - bemüht sich der Sänger, noch in den Himmel zu kommen, bevor sie die Tür zumachen. Was für ein Bild!

8. Tangled Up in Blue

"The only thing I knew how to do
Was to keep on keepin' on like a bird that flew
Tangled up in blue"

Ein Songtext wie ein Glaubensbekenntnis. Eine Song wie ein Nordstern - nicht zuletzt für Dylan selbst, der sich seit 1988 permanent auf einer "never ending" Tour befindet. Was ist das Leben in Zwischenmomenten des Zweifels, im Niemandsland der Highways und Autobahnen? Genau, ein Hamsterrad, eine Reise ohne Ende und Ziel. Dylan nimmt in diesem Song über eine amerikanische Irrfahrt thematisch Bezug auf Homers "Odyssee" - und nicht zuletzt erinnert Dylan daran, dass die Odyssee aus Gesängen besteht, gesungene Lyrik ist.

9. Drifter's Escape

"My trip hasn't been a pleasant one
And my time it isn't long
And I still do not know
What it was that I've done wrong"

In diesem Lied beschreibt Dylan das Schicksal eines Landstreichers, der sich einem Prozess und einer Verurteilung gegenüber sieht, die er nicht mehr begreift. Die an Kinderreime erinnernde Songlyrik lässt Franz Kafka aus und begibt sich auf das Terrain biblischer Gleichnisse. Bibelfest, gläubig und belesen evoziert Dylan in wenigen Zeilen eine ganze Szenerie. Zum Schluss kann der Landstreicher seinem Galgen entkommen: Ein Blitz hat in das Gerichtsgebäude eingeschlagen, alle Stadtbewohner knien nieder und beten.

10. Beyond Here Lies Nothin'

"Beyond here lies nothin'
Nothin' but the moon and stars"

In der modernen amerikanischen Übersetzung von Ovids "Schwarzmeerbriefen" finden sich unzählige starke Zeilen und Bilder. Dylan hat einige von ihnen geklaut und in seine eigenen Texte hineingewoben, so dass man es fast nicht merkt. Intertextuelles Schreiben nennt man die Methode, wie sie auch im Theater viel angewandt wird. Das beeindruckende ist: Indem Dylan mit seinem copy & paste eins zu eins Bezüge setzt zur Weltliteratur, macht er sich die Arbeit nicht leichter. Selbst schreiben geht schneller. Aber dadurch, dass er zitiert, kopiert und collagiert, scheint die Originaldichtung in Dylans Texten durch und verleiht dieser ganz neue Bedeutungsebenen.

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