Literaturnobelpreis für Bob Dylan Die Zeiten ändern sich

Mit der Vergabe des Literaturnobelpreises an den Folksänger Bob Dylan ist der Pop in der Hochkultur angekommen. Darüber lässt sich streiten. Über Dylans Preiswürdigkeit und Kunst schon lange nicht mehr.

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Come writers and critics, who prophesize with your pen/
And keep your eyes wide, the chance won't come again/
And don't speak too soon, for the wheel's still in spin/
And there's no tellin' who that it's namin'/
For the loser now will be later to win.

Im Herbst 1963, als der chronisch mittellose Bob Dylan diese im Nachhinein recht weisen und prophetischen Verse für seinen Song "The Times, They Are A-Changing" in New York schrieb und im Studio von Witmark & Sons als Gratisdemo aufnahm, wurde in Stockholm der Literaturnobelpreis an den griechischen Diplomaten und Poeten Giorgos Seferis verliehen, für seine Verdienste um die hellenische Kultur. Damals wäre unvorstellbar gewesen, was an diesem Donnerstag, ein halbes Jahrhundert später, verkündet wurde: Dass ein Folksänger, ein fahrender, zotteliger Barde, ein Rockmusiker und misstrauisch beäugter Vertreter einer Gegenkultur Zutritt indiesen wohl heiligsten Zirkel der Hochkultur erhält. Ein Gammler, ein Hobo und Freak bekommt den Nobelpreis für Literatur? Aber hey, die Zeiten ändern sich!

Nun ist der Umstand, mit Preisen bedacht zu werden, für Bob Dylan kaum noch etwas Besonderes. Der heute 75-Jährige bekam bereits als erster Musiker den Pulitzerpreis verliehen, er hat einen Kennedy Award, einen Oscar, einen Golden Globe, mehrere Grammys und ist Mitglied der Französischen Ehrenlegion. Jetzt noch der Nobelpreis? "It ain't me, Babe", würde Dylan wohl sagen, und den Mund zu einem schiefen Grinsen verziehen.

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Nobelpreis für Bob Dylan: "Poesie fürs Ohr"

Tatsächlich muss man über den künstlerischen Wert und Status Bob Dylans nicht mehr debattieren. Abhandlungen und Exegesen seiner Texte und Songs füllen ganze Regalmeter, an Universitäten werden seine Verse analysiert, er hat über 50 Alben mit Musik veröffentlicht, die sich mehr als 100 Millionen Mal verkauft haben. Auf seiner "Never Ending Tour" tingelt er bis heute durch die Welt und spielt seine Lieder. Das macht er seit 50 Jahren, daran hat sich nicht viel geändert. Verändert hat sich aber der Blick der Gesellschaft auf das, was er da tut.

Denn obschon man sich für Bob Dylan freut, eine weitere Bestätigung seiner Greatness (und Bobness), bedeutet die Vergabe des Literaturnobelpreises an ihn vor allem die Ankunft des Pop in der Hochkultur. Es ist nichts Geringeres als die Anerkennung einer Kunst, die lange als Unkunst, als Kommerzprodukt, Schund oder Kitsch verpönt war, als genuin literarische, kulturell wertvolle Ausdrucksform.

Anti-Haltung ins Establishment

Das klingt aus heutiger, postmoderner Perspektive nicht wie ein großes Ding: Dylan, ein Dichter, ein Songpoet, Literaturnobelpreis, na klar, warum denn nicht? Aber das liegt daran, dass auch der Pop, einst, als Dylan anfing, eine Jugend- und Protestkultur war. Dass diese Generation nun einen der ihren aus einer Anti-Haltung ins Establishment erheben will, auch das das zeigt den durchaus ambivalent zu bewertenden Zeitenwechsel, es ist das, was einst bei den Revoluzzern von 1968 als Marsch durch die Institutionen bezeichnet wurde.

Wie selbstverständlich gratuliert Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier Dylan zu seiner Auszeichnung. Pop und Rock'n'Roll in den Ausprägungen des 20. Jahrhunderts ist somit nicht mehr Avantgarde oder Revolution, sondern Mainstream. Eine zur Klassik erhobene Nostalgie der alt gewordenen Hippie-Generation, gegen die sich eigentlich längst schon größerer, vehementerer Widerstand von den heutigen Dylans formieren müsste.

Die Geburt der Dylanology

Die Alt-Hippies waren es auch, die Dylans Nobelpreis-Ehrung akribisch vorbereitet haben. Begonnen hat die Eingemeindung des Protestsängers Dylan in den akademischen Kanon 1998 auf der jährlichen Konferenz der amerikanischen Stanford Universität, die sich erstmals wissenschaftlich mit dem Werk Dylans befasste - und ihn somit vom Pop-und Rock-Künstler zum Poeten, zum Kulturschaffenden erhob. Es war die Geburt der sogenannten Dylanology, der manchmal etwas angestrengt wirkenden Dauer- und Tiefenexegese des Dylan-Werks mit dem - nun erreichten - Ziel, dem Pop-Künstler den Respekt zu verschaffen, der ihm gebührt.

Schon damals wurde Dylan, wiewohl nicht gerade auf einem Karrierehoch, als Nobelpreis-Kandidat ins Spiel gebracht. Der US-Kritiker Greil Marcus, vielleicht der intimste Dylan-Kenner überhaupt, äußerte zu jener Zeit Verständnis dafür, dass die Nobel-Akademie Dylan ignorierte: "Er schreibt nun einmal keine Literatur", so Marcus. Erst als Dario Fo 1997 ausgezeichnet wurde, änderte auch Marcus seine Sicht: Fo sei ebenfalls kein großer Literat, er habe den Preis bekommen, weil er das Establishment aufgerüttelt hat. Auf dieser eher politischen Grundlage könne und solle Bob Dylan sehr gerne gewinnen.

Die Akademie in Stockholm würdigte heute aber, und das ist beachtlich genug, vor allem Dylans künstlerische Leistung. Er habe "neue poetische Ausdrucksformen innerhalb der großen amerikanischen Song-Tradition" gefunden, heißt es in der Begründung des Komitees. Das Radikale dieser Würdigung besteht nicht nur darin, einen Songwriter auszuzeichnen, denn Preisträger, deren Literatur in nicht-schriftlicher Form ihren Ausdruck findet, gab es schon oft, Winston Churchill wurde 1946 nicht nur für seine Schriften, sondern auch für seine Rednerkunst geehrt.

Mit Bob Dylans Songs wird nun jedoch auch erstmals eine Lyrik gewürdigt, deren Ausdruck untrennbar mit dem Medium Musik verknüpft ist, dessen literarische Kraft durch stimmliche Intonation, Rhythmus und Beats bedingt wird. Die Songzeilen "How does it feel/ To be without a home/ Like a complete unknown" aus Dylans "Like A Rolling Stone" lesen sich auf Papier nicht weiter aufregend, aber wenn der Sänger ihnen auf der Bühne oder auf Platte zerdehnt und in einen Takt gießt, dann können diese Worte große Gefühle erzeugen, die Seele berühren.

Klassisches Americana

Die "neue poetische Audrucksform", die hier gewürdigt wird, ist in Wahrheit die der Popkultur. Die, folgt man dem Kritiker Diedrich Diederichsen, war immer schon eine transdisziplinäre Kunst, die aus vormals unverbundenen Teilen erst Pop entstehen lässt. Als früher Vertreter des kulturellen Samplings implementiert Bob Dylan irische Volkslieder ebenso wie Appalachen-Folk, afroamerikanischen Blues und deren Vortrag, Gospel und Kirchenlied, Beat-Poesie, Surrealismus, Rimbaud, Yeats, Whitman , T.S. Eliot und ein paar alte Griechen in seinen Sound, der meistens eher ein Rap als ein Gesang ist. Mit seinem originären Talent als Storyteller und Sprachvirtuose verschmilzt er diese einzelnen Teile zu einer aus aller Herren Länder und Kulturen herbeimigrierten Erzählung, die nun als klassisches Americana gilt.

Nicht umsonst bezeichnete der Kritiker Karl Bruckmaier Dylan einmal als einen Gaukler mit "größenwahnsinniger Chuzpe", der "Schlangenöl" aus geklauten Zitaten tatsächlicher Dichter verkauft, "gestreckten Fusel", von dem alle ständig mehr haben wollen. Diese unverschämte, aber auch fantastische und geniale Scharlatanerie, diese Fuck-you-Kunst ist seit heute große Literatur.

Und erstmals in der Geschichte des Literaturnobelpreises wird kein Buchverlag den großen Reibach mit dem Katalogverkauf des Gewinners machen, sondern ein Schallplattenlabel. Ha, die Zeiten ändern sich.

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kleineRatte 13.10.2016
1. Literaturnobelpreis für Bob Dylan: Die Zeiten ändern sich
Das ist bemerkenswert "Er war an Bord eines Privatflugzeugs - und sprach offen über seine größten Probleme: Nach mehr als 40 Jahren ist ein Interview aufgetaucht, in dem Bob Dylan seine Heroinabhängigkeit beichtet. Die Sucht war nicht das einzige düstere Geheimnis" Ja, die Zeiten ändern sich !
taglöhner 13.10.2016
2. Jaaaaaaa!
Ich weiß nicht , was ich sagen soll. Ich bin überglücklich über diese Entscheidung.
ambulans 13.10.2016
3. schade,
es gibt mehr als genug autoren - in prosa wie lyrik - und dazu andauernd übersehene literaturen - so z.b. aus afrika! - die diesen preis zuerst verdient hätten. stattdessen: weiße aus dem westen zeichnen sich ein weiteres mal mit "ihnen zustehenden" lopreisungen aus - eben genauso wie in hollywood beim alljährlichen oscar-auftrieb ...
joerg.braenner 13.10.2016
4. Armutszeugnis
Dass Dylan den Literaturnobelpreis bekommt, ist eine Bankrotterklärung für das Komitee. Wer bekommt den Preis nächstes Jahr? Dieter Bohlen? Was hat der pseudo-poetische Kitsch dieses Dudelsängers denn bitte mit Literatur zu tun? Bob Dylan ist eine dieser seit Jahrzehnten chronisch überbewerteten Persönlichkeiten, deren eigentliche Leistung in keinem Verhältnis zum betriebenen Personenkult steht.
Hagbard 13.10.2016
5.
Zitat von joerg.braennerDass Dylan den Literaturnobelpreis bekommt, ist eine Bankrotterklärung für das Komitee. Wer bekommt den Preis nächstes Jahr? Dieter Bohlen? Was hat der pseudo-poetische Kitsch dieses Dudelsängers denn bitte mit Literatur zu tun? Bob Dylan ist eine dieser seit Jahrzehnten chronisch überbewerteten Persönlichkeiten, deren eigentliche Leistung in keinem Verhältnis zum betriebenen Personenkult steht.
Nun gut. Ihnen gefällt Dylan also nicht. Das ist nicht schlimm. Jedem das seine. Allerdings würde ich meine persönliche Abneigung nicht zum "literatur-fachlichen" Urteil aufschwingen.
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