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Marcel Reich-Ranicki: Schmidt, Broder und Co. ehren den Kritiker

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Börne-Ehrenmedaille für Reich-Ranicki "Ich bin ein Außenseiter"

Glänzende Laudatoren, standing ovations: Die Verleihung der Ludwig-Börne-Ehrenmedaille an Marcel Reich-Ranicki geriet zum Triumph. Von Thomas Gottschalk bis Frank Schirrmacher taten sich die Redner mit Witz und Respektlosigkeit hervor - und am Ende verriet der Geehrte das Geheimnis seines Ruhms.
Von Reinhard Mohr

Über der Frankfurter Paulskirche, dem Versammlungsort des ersten frei gewählten deutschen Parlaments, lastete die Frühsommerhitze. Drinnen, wo die Beleuchtung für die Fernsehkameras für zusätzliche Wärme sorgte, fächelten sich die mehreren hundert Gäste mit allem, was gerade greifbar war, ein bisschen kühlende Luft zu. Viele Herren hatten ihre Sakkos ausgezogen, denn die erfahrenen Börne-Preis-Experten unter ihnen kalkulierten den unfreiwilligen Saunaaufenhalt auf mindestens zwei Stunden. Nicht weniger als sieben Redner standen auf der Einladungskarte.

Doch als Marcel Reich-Ranicki, begleitet von seiner Frau Tosia, in die Paulskirche einzog, traten Temperaturfragen in den Hintergrund. Standing ovations gleich zu Beginn für jenen Mann, an dem die Superlative zugleich kleben und abprallen. Der "Literaturpapst", "Deutschlands mächtigster Kritiker", der Poltergeist vom "Literarischen Quartett" ("Frau Lofflläärrr!") - eine Legende schon zu Lebzeiten.

Lächelnd schaute er in die Runde und grüßte mit einer Handbewegung diesen und jene, hierhin und dorthin. Als hätte die Hitze wie ein Treibmittel für Esprit, Witz und Tempo gewirkt, so schienen sämtliche Ansprachen Teil eines inoffiziellen Wettbewerbs um größtmögliche Pointendichte und Unterhaltsamkeit zu sein. Keine deutsche Erdenschwere in Tateinheit mit akademisch gedrechselten Satzungeheuern, stattdessen eine Ironie, die falsches Feierpathos erst gar nicht aufkommen ließ.

Schon in der Begrüßungsansprache des Vorsitzenden der Börne-Stiftung wurde launig enthüllt, dass Reich-Ranicki die Idee mit dem Ehrenpreis anlässlich seines 90. Geburtstags zwar gar nicht so schlecht fand, die vorgeschlagene Liste der Laudatoren aber recht ungnädig aufnahm. "Wenn der kommt, dann komme ich nicht", soll er gar ausgerufen haben. "Golo Mann wäre ein guter Redner", schlug der zu Ehrende schließlich vor, doch man konnte sich rasch darauf verständigen, dass der schon vor vielen Jahren verstorbene Sohn Thomas Manns nicht wirklich zur Verfügung stünde.

Die Schmerzen der Kulturschaffenden

Man besann sich, und so kam es, dass zum Lobe Reich-Ranickis ein literarisches Quartett 2.0 antrat: Harald Schmidt, Thomas Gottschalk, Henryk M. Broder und Frank Schirrmacher. Nachdem Oberbürgermeisterin Petra Roth am Ende einer präzisen Rede sagte, die Stadt schätze "sich glücklich ob dieses großen Frankfurters", trat der Entertainer Harald Schmidt ans Pult.

"Auch ich hatte eine Eloge vorbereitet, die auf fünfzig, sechzig Seiten knapp zusammengefasst war", bekannte der große schwäbische Humorist und bekannte Bühnendarsteller. Doch just heute morgen um 8.30 Uhr habe die Brecht-Forschung ein verschollenes Manuskript mit goldenen Regeln für Preisverleihungen in der Frankfurter Paulskirche entdeckt, aus dem unzweideutig hervorgehe, dass es bei Temperaturen um die 30 Grad nur ein Gebot gebe: Kürze, gepaart mit Würze. Gern auch musikalisch untermalt. So trug Kammersänger Schmidt, nur vom Klavier begleitet, eine Vertonung des Brecht-Gedichts "Erinnerung an die Marie A." vor, schwebend leicht, mit der weißen Wolke, die so wunderbar "oben" war.

Thomas Gottschalk, der sich an diesem Sonntag für ein dunkles, längsgestreiftes Outfit à la Buffalo Bill entschieden hatte, übernahm die Aufgabe, dem "lieben Marcel" endlich einmal die Flause auszureden, er sei bis heute ein "Außenseiter". Schon die Tatsache, dass kein berühmter Philosoph oder Schriftsteller, sondern Deutschlands prominentester Fernsehmoderator, dessen Assistentin Michelle Hunziker so gar nichts Literaturkritisch-Löfflerhaftes an sich hat, eine Laudatio auf den Literaturpapst halten durfte, verlieh diesem Versuch einige Plausibilität. "Natürlich genieße ich die Schmerzen der Kulturschaffenden", offenbarte die Blondschwalbe der deutschen TV-Unterhaltung gleich zu Beginn seinen kleinen Triumph über die gebildeten Besserwisser.

"Du bist ein begnadeter Entertainer!", rief Gottschalk umso leidenschaftlicher dem Neunzigjährigen zu, der sich bei seiner Flucht aus dem Warschauer Ghetto nicht zuletzt damit gerettet hatte, dass er in seinem Unterschlupf dem polnischen Gastgeber immer wieder spannende Geschichten aus Tausend und einer Nacht erzählte. Viele Jahrzehnte später bewährte sich Reich-Ranicki dann sogar im Talkshow-Geplauder mit der Pornoqueen Teresa Orlowski, wobei er erhebliche Sachkenntnis bewies.

"Ob du es willst oder nicht: Ich gehöre zu deinen Freunden"

Tatsächlich beruhte Reich-Ranickis Aufstieg in den Olymp des deutschen TV-Entertainments seit den neunziger Jahren darauf, dass er keinerlei Kompromisse machte, wo es um seine literarische Überzeugung ging. Gerade deshalb konnte er spielerisch und in spontanen Volten auf ganz andere Ebenen wechseln. Kurz: Er hatte keine Angst davor, sich "unter Niveau" zu amüsieren und andere daran teilhaben zu lassen.

Andererseits verweigerte er die Annahme des deutschen Fernsehpreises, weil ihm die - von Thomas Gottschalk moderierte - Veranstaltung grotesk, läppisch und peinlich erschienen war, vor allem aber: Furchtbar langweilig. Dennoch markierte der viel diskutierte Eklat den Beginn einer Männerfreundschaft. "Du hast viele Freunde", sagte die personifizierte Mischung zwischen Oberfranken und Hollywood, "und ob du es willst oder nicht: Ich gehöre zu ihnen."

Es war Henryk M. Broder, der den Rahmen unterhaltsamer Feierlichkeit und die laufende Seligsprechung des Jubilars sprengte. Einerseits erschien er im weißen Hemd mit Krawatte - eine Geste, die bei Broder den allerhöchsten Respekt ausdrückt. Andererseits zog er, ganz unfeierlich, die Linie von der Vergangenheit in die Gegenwart, vom Holocaust nach Gaza und zur iranischen Atombombe. Er "verehre" Reich-Ranicki, weil er ein "Papst" sei, aber dennoch "fehlbar": "So ist das, wenn man nicht nachgibt. Dann wird man zu Lebzeiten heiliggesprochen."

Zugleich erinnerte er Reich-Ranicki daran, dass er eben nicht einfach "in der deutschen Literatur" lebe, "sondern in Deutschland". In jenem Deutschland also, dessen unaufhörlich die Vergangenheit bewältigender "Sündenstolz" die toten Juden mehr liebt als die lebenden, die oft genug als "Störer" eines diffus friedlichen Konsenses empfunden würden.

"Ich verneige mich vor Ihrem Leben"

"Vor Kühnheit zitternd" - ein Zitat aus jener Paulskirchen-Rede von Martin Walser, die mit antisemitischen Untertönen spielte - wandte sich Broder direkt an den Geehrten: "Bekommen Sie keine Gänsehaut, wenn zur Beschreibung der Zustände im Gaza-Streifen vom Warschauer Ghetto die Rede ist?!" Verglichen mit der von den Nazis angerichteten Hölle sei Gaza "ein Club Med". Broder wünschte sich also ein Wort des alten Ghettojuden zur "fortschreitenden Delegitimierung" Israels, zur Gefahr eines iranischen Atomangriffs, die eine Art "zweiter Endlösung" wäre. "Ich frage ja nur."

"Ich verneige mich vor Ihrem Leben", schloss Broder und ging hinunter zu Reich-Ranicki. Der tat etwas, was er bei keinem anderen Redner getan hatte: Er stand auf und ließ sich umarmen.

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "FAZ" und langjähriger Kollege von "MRR", retournierte die satirischen Vorlagen seiner Vorredner bravourös und enthüllte eine weitere Sensation: Die "Thomas-Mann-Forschung", noch schneller als die Brecht-Forschung, habe schon am Samstagabend herausgefunden, dass der Schöpfer der "Buddenbrooks" selbstverständlich der festen Meinung war, dass auch bei 30 Grad Celsius öffentlich gelobt werden müsse, vor allem, wenn es um ihn selber ginge.

So lobte Schirrmacher, in dem er Details aus dem Arbeitsalltag Reich-Ranickis als Literaturchef der "FAZ" kolportierte. Es ging um ausgefeilte Atemtechnik beim Redigieren, um teuren Rotwein, der die Standleitung zur schwedischen Nobelpreiskommission am Leben hielt - und um die vier Prinzipien seiner Herrschaft: "Unfehlbarkeit, Prophetie, Unbestechlichkeit und Humor". Bis heute laute der erste Satz des Altmeisters am Telefon: "Mein Lieber, die Welt steht Kopf und Sie merken nichts!"

In seinen kurzen Dankesworten verriet Marcel Reich-Ranicki am Ende das Geheimnis seines späten Ruhms: "Ich habe getan, was mir im Leben Spaß gemacht hat." Gleichwohl sei er lebenslang ein Außenseiter gewesen: "Das stimmt schon".

Doch je mehr Preise er erhalte, desto klarer werde: "Ich bin ein Außenseiter, aber ich darf glücklich sein."

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