Bestseller-Autor Bov Bjerg "Jetzt bin ich der, der 'Auerhaus' geschrieben hat"

Bov Bjerg galt als Mann für hohe Gagdichte. Doch dann kam "Auerhaus", ein Roman, den so ziemlich jeder liebte, der ihn gelesen hat. Und das waren viele!

Bov Bjerg, Schriftsteller
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Bov Bjerg, Schriftsteller


Bov Bjerg kann den Moment genau benennen, an dem er Schriftsteller wurde. Beziehungsweise: Er kann den Moment genau benennen, in dem er erstmals realisierte, dass er Schriftsteller war.

Er hatte gerade die Tür zu seiner Wohnung im Prenzlauer Berg aufgeschlossen und wollte zu seinem Computer, um etwas nachzuschauen. Eine besonders große Besprechung seines Romanes "Auerhaus", so erinnert er sich, sei ihm für diesen Tag von seinem Verlag angekündigt worden. Doch bevor er diesen tatsächlich sehr umfangreichen Text, eine Dusche warmer, freundlicher Worte, lesen konnte, rief ihn seine Frau herbei, um ihn auf einen anderen, ebenfalls recht großen Beitrag hinzuweisen. "Da dachte ich mir: Jetzt bist du ein Schriftsteller. Wenn du jetzt stirbst, stirbst du als der, der 'Auerhaus' geschrieben hat".

Das ist gerade einmal ein Jahr her. In diesem Moment, zwei Tage vor der Veröffentlichung des Buches, so sagt Bov Bjerg, seien alle seine Erwartungen erfüllt gewesen. Doch in den Folgemonaten ging es weiter. Es regnete viele warme Worte auf den Roman über eine Schüler-WG in einem alten Haus im Schwäbischen, die einen der Ihren vor dem Freitod bewahren möchte. Ein gutes halbes Jahr nach seinem Erscheinen wurde das Buch auch noch im "Literarischen Quartett" besprochen.

"Auerhaus" verkaufte sich ausgesprochen gut, wurde zum Bestseller . Gute 100.000 Exemplare wurden bis heute verkauft. Jetzt wird das Buch sogar verfilmt und dramatisiert. An ein Dutzend verschiedene Bühnen wurde das Thema verkauft, das passiert eigentlich nur toten Autoren. "Ich sehe es nicht als Theaterstück" sagt Bjerg, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Experten das Gegenteil sagen würden. "Wahrscheinlich irre ich also."

Wenn man mit Bjerg spricht, meint man eine leise Verwunderung darüber wahrzunehmen, dass es doch noch klappte mit dem großen Wurf. Es ist ja nicht so, dass Bjerg erfolglos war. Aber alles fand bisher eine Ebene tiefer statt, in einem eng abgezirkelten Milieu.

Lesebühne als limitierendes Wort

Bjerg verweigert 1984 den Wehrdienst und zieht aus dem baden-württembergischen Göppingen nach Berlin. Er studiert mit wenig Begeisterung Germanistik, schließt während des großen Berliner Unistreiks 1988 aber prägende Freundschaften - viele davon bestehen bis heute. Und dann kommt die Literatur ins Spiel. Noch nicht als berufliche Ambition: "Eine Schriftstellerexistenz ist von meiner sozialen Herkunft zu weit weg. Das war etwas, das nicht vorgesehen war. Man wäre im besten Fall Journalist oder Lehrer geworden."

Bjerg liest aus "Auerhaus"
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Bjerg liest aus "Auerhaus"

Bjerg und seine Freunde rufen 1989 die Literaturzeitschrift "Salbader" ins Leben und entdecken "Die höhnende Wochenschau", wo unter anderem Wiglaf Droste liest. Die Idee der "Sprech-Zeitung" mit ihrer Unmittelbarkeit, mit Autoren, die noch in letzter Sekunde an ihren Texten feilen und mit dem unmittelbaren Feedback der Besucher begeistert Bjerg.

Bald ist er selbst an der Gründung mehrerer Lesebühnen beteiligt, die erste ist Dr. Seltsams Frühschoppen in einem besetzten Haus in Berlin-Mitte, die berühmteste wohl die Reformbühne Heim & Welt. Zusammen mit Horst Evers und dem Musiker Manfred Mauerbrecher tritt er ab 1996 als Kabarettgruppe Mittwochsfazit auf.

Der 50-Jährige hat also eine sogenannte Lesenbühnenvergangenheit. Gleichzeitig ist das ein arg limitierendes Wort. Denn auch wenn der Begriff "Lesebühne" an sich keine Textgattung beschreibt, hat wohl jeder eine Vorstellung davon, was da vorgetragen wird. In den Neunziger- und Frühnullerjahren war Berlin voll von diesen Veranstaltungen. Einigen Autoren gelang der Sprung in den klassischen Literaturbetrieb. Jakob Hein ist da zu nennen, natürlich Wladimir Kaminer und Horst Evers, von der jüngeren Generation Marc-Uwe Kling.

Sein Debütroman ist "ein Gerücht"

Wenn man nun die Geschichten liest, die Bjerg in "Die Modernisierung meiner Mutter" versammelt, fällt schnell auf: Die meisten von ihnen haben einen anderen Sound. Sind ruhiger. Das ist Absicht, sagt Bjerg. "Klassische Lesebühnengeschichten wirken gedruckt schnell relativ simpel und etwas witzhubernd. Die Gagdichte muss hoch sein. Das erklärt sich aus der Vorlesesituation. Da kann man nicht zu subtil sein, man möchte ja die Reaktion des Publikums mitbekommen."

Bov Bjerg veröffentlichte kein Buch mit seinen Lesebühnentexten. Im Nachhinein ist das ein Glücksfall, ebenso wie die Tatsache, dass er sich mit Mitte 30 noch einmal für ein Studium einschrieb, diesmal am deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

Sein Debütroman "Deadline" war 2008 die Diplomarbeit. Der, so sagt Bjerg schmunzelnd sei ein Gerücht. "Den gibt's nicht mehr." 750 Stück wurden von "Deadline" gedruckt. 224 davon fanden einen Käufer, der Rest fiel 2013 einem Lagerbrand zum Opfer. Zuletzt sah ihn Bjerg antiquarisch bei Amazon für 300 Euro. Nach einem Tag war das Angebot gelöscht. Vielleicht kaufte jemand das Buch. Eine schöne Vorstellung, dass es schon solche Fans gibt.

Bov Bjergs Pressefoto
Milena Schlösser

Bov Bjergs Pressefoto

Die meisten der Geschichten, die sich nun in "Die Modernisierung meiner Mutter" versammeln, wurden im Laufe der vergangenen 20 Jahre veröffentlicht; auf Papier oder online, in Kleinst-Anthologien und auf Homepages von Satiremagazinen wie der "Titanic". "Hier sind einige Geschichten dabei, die mich von den Lesebühnen weggebracht haben - weil sie zu lang und auch zu komplex sind", sagt Bjerg.

Der Rosenthaler Platz und die Geislinger Steige

Tatsächlich sind manche von ihnen sehr fein ausformuliert, überschreiten die Grenze zur klassischen Kurzgeschichte. Was sie eint: Sie unterscheiden sich voneinander. Bjerg bedient kein Genre. Trotzdem unterliegt das Buch einer gewissen Dramaturgie, besitzt so etwas wie eine Ordnung: Es beginnt recht fulminant im Dörflichen und mit dem schönen Satz "Schinkennudeln waren immer mein Lieblingsessen, aber einmal habe ich davon gekotzt" -, um anschließend den Blickwinkel zu erweitern, aus Berlin zu erzählen und aus der weiten Welt.

Interessant ist dabei, dass man im Nachhinein durchaus Verbindungslinien zwischen "Auerhaus" und einigen der nun erschienenen Erzählungen ziehen kann. Der Ton, in dem gerade ländliche Strukturen geschildert werden, scheint verwandt. "Als ich die Geschichten noch einmal durchschaute, habe ich mich gewundert, wie sehr man sie als Vorstudien zu 'Auerhaus' nehmen kann. Als ob es eine logische Entwicklung sei, dass nach den Geschichten der Roman kommt. Das war aber nie so geplant."

Geplant war nicht einmal "Auerhaus". Bjerg hatte eigentlich an einem ganz anderen Romanprojekt gearbeitet. Das brach aber irgendwann in sich zusammen. Bjerg griff also auf eine alte Idee zurück: Bei einer Lesung zu seinem Debütroman vor einer Oberstufe war das Interesse der Schüler am Buch lediglich milde, während die Geschichten aus seiner Jugend - Bjerg lebte tatsächlich in einer Schülerwohngemeinschaft in einem Haus auf dem Land - für Aufmerksamkeit sorgten. Zwei Jahre später war der Roman fertig.

Erst in der letzten Geschichte dieses Buches, sie heißt "Die allerbeste Geschichte" und ist die einzige, die neu geschrieben wurde, macht Bov Bjerg einen milden Witz über Schwaben in Berlin. Der Rosenthaler Platz, so schreibt er da, erinnere ihn an die Geislinger Steige. Ach, eigentlich ist das ja gar kein Witz. Sondern eben eine Erinnerung.

Aber dass dieses tausendfach ausgeleuchtete Spannungsfeld zwischen Herkunft (je südlicher, desto provinzieller, das ist ja das vorherrschende Narrativ) und Lebensmittelpunkt (große Stadt, progressiv, keine Kehrwoche) hier nur randbehandelt wird, das lässt am Ende die Vermutung zur Gewissheit werden: Bov Bjerg bedient keine Klischees und braucht keine großen Pointen. Er ist dann am besten, wenn er sie weglässt.

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Seite 1
axelkli 18.07.2016
1.
Ich fand an Auerhaus diese Kindersprache unerträglich. Das ist es wohl, ein Kinderbuch oder ein Buch für Leute, die nur einfaches Deutsch lesen können. Ich verstehe nicht, wie man sich als normal lesefähiger Erwachsener eine solche Prosa antun kann. Ich habe es nach 50 Seiten weggelegt.
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