"Brandsätze" von Steph Cha Immer neue Wut

1991 erschoss eine koreanische Ladenbesitzerin in Los Angeles eine schwarze Schülerin - aus diesem realen Fall spinnt Steph Cha einen ambivalenten Roman über Rassismus, der bis ins Heute reicht.
Autorin Cha: Ausgewogenheit als Prinzip

Autorin Cha: Ausgewogenheit als Prinzip

Foto:

Maria Kanevskaya

Im März 1991 wurde die 15-jährige schwarze Schülerin Latasha Harlins wegen eines vermeintlichen Diebstahls von Soon Ja Du, der Betreiberin eines kleinen Lebensmittelmarkts in South Los Angeles, in den Hinterkopf geschossen. Die koreanische Einwanderin wurde gut ein halbes Jahr später zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Ein Skandal, wie viele damals fanden. Als im April 1992, nach dem Freispruch für die Polizisten, die Rodney King misshandelt hatten, in Los Angeles Unruhen ausbrachen, brannten in Koreatown weit mehr als tausend Läden.

Steph Cha, Tochter koreanischer Einwanderer, nimmt die realen Ereignisse von vor fast 30 Jahren auf, um eine fiktive Geschichte aus dem Heute zu erzählen. In den USA ist "Brandsätze" bereits 2019 erschienen; die Ereignisse im Anschluss an den Tod von George Floyd im Mai dieses Jahres verstärken die Dringlichkeit dieser Erzählung über Rassismus und die verheerenden Langzeitwirkungen von Gewalttaten noch. 

Die Nachwirkungen spüren alle noch

Drei nicht ins Deutsche übersetzte Kriminalromane hatte Cha zuvor geschrieben, "Brandsätze" ist ihr bislang ambitioniertestes Werk. Sie hat es unter dem Eindruck der Ereignisse von Ferguson begonnen, als es 2014 landesweit zu Protesten kam, nachdem der afroamerikanische Teenager Michael Bolton von einem Polizisten erschossen wurde. Mehr als vier Jahre brauchte sie für "Brandsätze", eine Zeit, in der es immer wieder vor allem schwarze Opfer von Polizeigewalt gab. Sie habe diese Fälle als Treibstoff genutzt, sagte Cha in einem Interview, der ihre Wut immer neu angefacht habe.

Diese Wut spürt man beim Lesen, sie steht aber nie dem obersten Prinzip des Romans im Weg: der Ausgewogenheit. Cha erzählt ihre Geschichte aus zwei Perspektiven. Der von Grace Park, der Tochter der Supermarktschützin, die im Roman Yvonne heißt. Und der von Shawn Matthews, dem Bruder des getöteten Mädchens, das hier den Namen Ava trägt.

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Steph Cha

Brandsätze: Roman

Verlag: Ars Vivendi
Seitenzahl: 336
Übersetzerin: Karen Witthuhn
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Preisabfragezeitpunkt

26.11.2022 21.43 Uhr

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Fast drei Jahrzehnte sind vergangen seit den Ereignissen im März 1991, aber die Nachwirkungen spüren beide Familien noch immer. Während in Teilen von Shawns Familie weiterhin der Hass schwelt, weil Avas Mörderin davongekommen ist, wurde die Familie von Grace auseinandergerissen, denn, anders als ihre Schwester, weiß sie nichts von der Vergangenheit der Mutter, die nach dem Prozess eine neue Identität angenommen hatte.

Ohne jede Sentimentalität

Doch aus dem Schweigen entstehen neue Schwierigkeiten, und erst nachdem auf Yvonne geschossen wird, erfährt Grace die Wahrheit. Und während sie auf Avas Familie zugeht, Versöhnung und vielleicht Vergebung sucht, drohen in Los Angeles erneut Unruhen auszubrechen.

Es ist beeindruckend, mit welcher Präzision Cha ihre Geschichte erzählt und dabei sämtliche Fallen, in die sie treten könnte, vermeidet. Vor allem macht sie nicht den Fehler, einfache Kausalitäten und klare Schuldzuweisungen zu konstruieren, sondern lotet die Konflikte und emotionalen Verflechtungen ihrer Figuren aus. Dabei beweist sie ein enormes Gespür für Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten, wenn sie zeigt, wie der Schuss im Jahr 2019 das Echo des Schusses von 1991 bildet.

Beide Familien schildert Cha mit Empathie, aber ohne Sentimentalität. Dass in den USA wegen der Kapitel aus der Sicht von Shawn keine Vorwürfe der kulturellen Aneignung laut wurden, mag damit zu tun haben, wie glaubwürdig und klischeefrei sie von dieser Familie erzählt, in der die Männer immer wieder im Gefängnis landen und die Wut sich immer wieder Bahn zu brechen droht. Shawn, der als Teenager Gangmitglied war, hat gelernt, mit dieser Wut zu leben, ohne sie zu verleugnen: "Sie gehörte zu ihm, sie war der Beweis für alles, was er verloren hatte, der Beweis, dass er nicht vergessen hatte und dass er, auch wenn er das Spiel mitspielte, die Welt sah, wie sie wirklich war."

Die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist - das muss Grace erst noch lernen. Bis die Wahrheit über ihre Mutter ihr Leben auf den Kopf stellte, hatte sie "immer geglaubt, es würde gerecht und vernünftig auf der Welt zugehen. Systeme und Strukturen existierten, um eine Gesellschaft zu erhalten und für Sicherheit zu sorgen, und es schien ihr sinnlos, diese zu hinterfragen". Grace wird irgendwann die richtigen Fragen stellen, aber nicht alle Antworten werden ihr gefallen.

Der ungesühnte Mord an Ava gebiert eine Unzahl von Narrativen, die je nach politischer Intention genutzt werden: darunter die Polizei, die wenige Wochen nach dem Rodney-King-Vorfall gegenüber der schwarzen Community als die Guten dastehen will und verspricht, Yvonne wegen Mordes vor Gericht zu bringen; der junge, ehrgeizige Journalist, der in seinen Artikeln fast eine Heilige aus Ava macht und darauf seine Karriere aufbaut; die Unzähligen, die in den sozialen Medien rassistische Verschwörungstheorien verbreiten.

"Brandsätze" ist ein großer, finsterer Roman, der von den Versprechungen erzählt, die die Stadt macht und immer wieder bricht, der zeigt, wie Rassismus das Leben der Menschen vergiftet und wie fragil der soziale Frieden im Melting Pot Los Angeles ist.

Cha schreibt von Mord und Zorn, von Schuldgefühlen und Verdrängung, von Recht und Rache - und ein kleines bisschen vorsichtige Hoffnung gibt es sogar auch: Während sich verfeindete Gruppen vor einer brennenden US-Flagge prügeln, tanzt ein Teenager auf der Kühlerhaube eines Autos. Cha beschreibt ihn als "klein und schmal", seine Hautfarbe nennt sie nicht. Er könnte Weißer sein, Schwarzer oder Koreaner. Völlig egal. Nur was er tut, in diesem Augenblick, spielt eine Rolle: "Der tanzende Junge drehte und drehte sich und sprang dann in die Luft."

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