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"Give my Regards to Elizabeth"

Foto:

Peter Bialobrzeski/ Hartmann Books

Peter Bialobrzeski über seine England-Fotos "Die Gesellschaft war viel gespaltener als die deutsche"

In den frühen Neunzigern lebte der deutsche Fotograf Peter Bialobrzeski in England. Seine Aufnahmen zeigen ein Land voller Brüche - und scheinen heute wieder aktuell.
Ein Interview von Ulrike Knöfel

SPIEGEL: Herr Bialobrzeski, warum veröffentlichen Sie Ihre Fotos aus dem Großbritannien der frühen Neunzigerjahre gerade jetzt? 

Bialobrzeski: Vielleicht ist es meine Art, mich von England zu verabschieden.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Bialobrzeski: Das Konzept für das Buch ist alt, es war 1993 meine Abschlussarbeit an der Folkwangschule in Essen. Beinahe hätte der englische Verlag Thames & Hudson den Band damals schon herausgebracht. Aber Großbritannien befand sich in einer Rezession, ich selbst hatte auch nicht das Geld, ein Buch zu veröffentlichen, aus dem Projekt wurde nichts. Als die Diskussionen über den Brexit lauter wurden, hielt ich es für den richtigen Zeitpunkt, den alten Dummy hervorzuholen. 

Zur Person
Foto: Kochi Biennale

Der deutsche Fotograf Peter Bialobrzeski, Jahrgang 1961, ist vor allem bekannt für seine Aufnahmen asiatischer Metropolen. Angefangen hat er eine Spur kleiner, europäischer: In den frühen Neunzigerjahren lebte und studierte er eine Zeitlang in London, hielt Großbritannien in Bildern fest. Nun, knapp drei Jahrzehnte später, erscheint der damals konzipierte Bildband.

SPIEGEL: Das Großbritannien, das Sie damals fotografiert haben, scheint aus zwei Welten zu bestehen. In der einen leben Menschen, die selbstbewusst und zufrieden wirken, sie lachen, feiern Feste, halten ein Sektglas in der Hand. In der anderen Welt herrscht Armut, graubraune Trostlosigkeit. Warum passen diese alten Eindrücke in die Ära des Brexit?

Bialobrzeski: Weil sich die Briten für die Rückkehr zu diesem alten System entschieden haben, für die Vergangenheit, für die Ungleichheit. So wie man sie auf den Bildern findet. Denn auch in den Neunzigern war das Klassendenken noch ausgeprägt, waren die gesellschaftlichen Unterschiede prägend, nicht das Gemeinsame. Die Gesellschaft war viel gespaltener als die deutsche, in der ich aufgewachsen bin. In Deutschland ging es fairer zu. Ich merkte damals, dass ein gewisses Glück war, in diesem Land aufwachsen zu dürfen. Verstehen Sie mich aber nicht falsch. Ich bin gleichzeitig unglaublich gerne in London, ich mag die Höflichkeit der Briten und dass sie mit einem gewissen Sarkasmus durchs Leben gehen.  

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Peter Bialobrzeski, Give my Regards to Elizabeth: Photographs from the U.K.

Verlag: Hartmann Projects Verlag
Seitenzahl: 96
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SPIEGEL: Darf man das Buch dennoch als Warnung verstehen?

Bialobrzeski: Als es entstand, war mein Wunsch nach Aufklärung auf jeden Fall sehr stark ausgeprägt. Das merkt man ihm an.

SPIEGEL: Sie haben selbst in den Neunzigern in London gelebt und studiert. Was sind Ihre persönlichen Erinnerungen?

Bialobrzeski: Es war eine schräge Zeit. Ich habe damals mit drei deutschen Peters in einer Londoner WG gewohnt, zwei hatten britische Freundinnen, die Emma hießen. Ich selbst war absolut arm, ich hatte ein kleines Stipendium von 900 Mark, davon sind schon 600 Mark für meine Miete draufgegangen. Und die Reisen durchs Land sowie die Filme kosteten auch einiges. Allein für dieses Projekt habe ich 350 Kleinbildfilme belichtet. Also habe ich sehr preiswert gegessen, einmal in der Woche habe ich mir Bier aus dem Supermarkt geleistet.   

SPIEGEL: London besaß auch eine aufregende Subkultur. 

Bialobrzeski: Die inspirierte mich gar nicht so sehr - mir fehlte ja auch das Geld, um in die entsprechenden Clubs zu gehen. Aber es gab eine beeindruckende Fotografie-Szene, tolle Ausstellungen. Die Briten waren da weiter, offener, auch globaler interessiert. Ich habe Fotografen wie Martin Parr und Paul Graham getroffen.

SPIEGEL: Martin Parr ist auch hier zu Lande seit langem eine Berühmtheit, er hat einen besonderen, fast bösen Blick auf seine britische Heimat, auf seine Landsleute. So gemein wollten Sie nie sein, oder?

Bialobrzeski: Seine Bildbände über die britische Mittelklasse oder über das schlechte englische Wetter sind doch hervorragend. Da steckt so viel mehr drin als nur ein böser Blick. Für Fotografen wie Parr, die projektorientiert arbeiten, geht es immer auch darum, ein Problem zu erkennen und sich der Lösung mit fotografischen Mitteln zu nähern. Man wirft ihm ja auch vor, andere Menschen geradezu bloß zu stellen. Aber so ist es nicht, er stellt klar, in welchen Verhältnissen diese Menschen leben.

SPIEGEL: Auch bei Ihnen geht um Verhältnisse, um die Unterschiede zwischen Schichten. Aber es fehlt ein ganzer Teil dieser Gesellschaft: die Einwanderer und ihre Nachkommen. Warum?

Bialobzreski: In Essen hatte ich auf türkischen Festen fotografiert. Das Thema Gastarbeit und alles, was damit zu tun hatte, war mir vertraut. In Großbritannien war ich selbst fremd, mir fehlte ein vergleichbarer Zugang, beispielweise zu der jamaikanischen Community im Stadtteil Brixton, zu vielen anderen Bevölkerungsgruppen.

SPIEGEL: Jahre später haben Sie sich als Fotograf Asiens einen Namen gemacht, Ihre Bildbände veranschaulichen die besondere Imposanz des Kontinents, seiner Städte. Wie wichtig ist das Reisen für Sie?

Bialobrzeski: Schon als Kind habe ich gern Urlaubskataloge durchgeblättert, ich liebe es immer noch, unterwegs zu sein. In Deutschland, außerhalb von Deutschland. Zehn Jahre lang habe ich für Magazine fotografiert, sehr oft für "Tempo". Ein Beitrag handelte davon, wie klasse es sein kann, in der deutschen Provinz zu leben, wir fuhren damals nach Heinsberg. Das Motto war überhaupt immer: Fahr mal dahin. Das habe ich beibehalten. 

SPIEGEL: Und Sie haben es damit weit gebracht, sind bekannt, lehren als Professor. 

Bialobrzeski: Ich habe heute die Freiheit, mir selbst Aufgaben zu stellen. Ich nahm mir vor, in Indien durch meine Bilder einzufangen, dass Orte dort geradezu spirituell aufgeladen wirken. Dazu suchte ich nicht mehr die Nähe wie bei einer Reportage, ich fotografierte aus der Distanz, wollte viel abbilden und dabei dennoch den Blick fürs Detail nicht verlieren. Anschließend stellte ich mir eine neue Aufgabe, ich fragte mich: Wie würde es aussehen, wenn Caspar David Friedrich nach Bangkok fährt. Wie kriege ich ästhetisch etwas so Großes in den Griff? Im Grunde war es natürlich wieder das, was ich schon in Großbritannien versucht habe: gesellschaftliche Phänomene in Bilder zu fassen.

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