Literarische "Briefe an die Täter" "Typ, ey"

16 deutschsprachige Autorinnen haben unter dem Eindruck der #MeToo-Bewegung für die Literaturzeitschrift "Akzente" Brieftexte geschrieben, so grundverschieden wie die Taten und was sie ausgelöst haben.

Verhandelt wird das Spektrum von Zumutung bis Gewalt
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Verhandelt wird das Spektrum von Zumutung bis Gewalt

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Wenn die Rede ist von Übergriffen oder Verbrechen, von Mobbing oder Gewalt, dann gehört das Interesse oft dem Täter und der Frage nach dem Warum. Diese Seite scheint interessanter zu sein als die Geschichten von Opfern. Doch spätestens seit der #MeToo-Bewegung gibt es eine stärkere Aufmerksamkeit für die Stimmen der Opfer. Mit ihren Erzählungen erhält die Frage nach der Schuld ein anderes Gewicht. Erst wenn beschrieben wird, wie sich Taten auswirken, was sie für den Betroffenen bedeuten, können Schrecken, Erniedrigung und Trauma nicht mehr ausgeblendet werden.

Die Schriftstellerin Karen Köhler knüpft mit einer Ausgabe der Literatur-Zeitschrift "Akzente" an solche Überlegungen an. "Briefe an die Täter" ist das Heft überschrieben, in dem deutschsprachige Schriftstellerinnen an fiktive oder reale Täter geschrieben haben - literarisch auserzählt oder sachlich unterkühlt, in Prosaform, vereinzelt auch in Versen.

Preisabfragezeitpunkt:
08.12.2019, 15:07 Uhr
Ohne Gewähr

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Köhler, Karen
Akzente 3 / 2019: Briefe an die Täter

Verlag:
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seiten:
80
Preis:
10,00 €

Dass ausschließlich Autorinnen um einen Beitrag gebeten wurden, verleiht dem Projekt etwas Konzeptuelles, macht es aber auch eindimensionaler. Doch über die Frage danach, wer alles Täter sein kann und wie breit das Spektrum von Zumutung bis Gewalt reichen kann, wird in diesem Heft trotzdem Interessantes erzählt. Es versammelt 16 Texte und somit auch 16 Täter, die direkt adressiert werden: "Hallo!", "Hey", "Typ, ey".

Die Absenderinnen:

  • Eine Frau wird bei der Lesung einer Jugendfreundin daran erinnert, wie sie als Teenager nach einem Treffen mit einem Mann im Gebüsch hinter einer Kirche zu sich kam und nicht wusste, was genau passiert war.
  • Eine Mutter, deren Sohn vom Sohn ihres Lebenspartners beim Rangeln so schwer verletzt wurde, dass er ein Auge verloren hat.
  • Eine Enkelin, die von ihrem gebrechlichen Großvater, um den sie sich kümmern will, an die Brust und an den Hintern gefasst wird.
  • Eine Mieterin, die an ihre Hausverwaltung schreibt, weil diese das einzige kleine Gartenstück planieren ließen, um Stellplätze für Autos einzurichten.
  • Eine Frau erinnert sich, was ihr in einem fast leeren Intercity passiert ist: Der einzige andere Fahrgast setzte sich in ihr Abteil und holte sich einen runter. Als sie sich nachher auf die Suche nach einem Schaffner machte, war der nirgends zu finden.
  • Eine Touristin, eine Social-Media-Süchtige, besteigt einen Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch steht, und versorgt ihre Follower mit Newslettern über die nahende Katastrophe.
  • Eine Kurdin schreibt an ihren türkischen Freund, für den sie ihre Eltern verraten hat und der ihr das Herz brach.
  • Eine andere Frau lässt sich von einem Arschloch überreden, mit ihm auszugehen; er hat mit seinen Kumpels eine Wette darüber abgeschlossen, ob er sie zum Sex überreden könnte, und vergewaltigt sie.
  • Eine Aktivistin schreibt an uns alle, die wir vor der Klima-, Umwelt-, Tierhaltungskatastrophe die Augen verschließen.
  • Nora aus Bremen schreibt an Anders Breivik.
  • Eine weitere Zugreisende begegnet in einem ICE einem Typen, der von sich selbst ganz besoffen ist und ihr beim Aussteigen sagt: "Wären Sie etwas dünner, könnte man mit Ihnen doch was Schönes anfangen."
  • Eine junge Frau, deren Freund ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat, sitzt auf dem Bett in ihrem Elternhaus und fragt sich, ob sie verrückt wird.
  • Der weibliche Teil eines Paares, das nicht miteinander reden kann, weil er nicht verstehen will, wie groß ihre Benachteiligung als Frau ist, einfach, weil die Strukturen so sind, wie sie sind.
Herausgeberin Karen Köhler
Christian Charisius/ DPA

Herausgeberin Karen Köhler

Der letzte Text in dem Band stammt von Karen Köhler, die diese "Literarische Konfrontation" herausgegeben hat. Sie erzählt von einer Episode, die sich auf einer Insel zutrug, Bucht, Strand, Wanderweg. Ein Mitte-60-jähriger Tourist mit Nordic-Walking-Stöcken wendet den Blick ab, als er an einer Frau vorbeikommt, die von einem Mann begrapscht und an eine Steinmauer gedrängt wird. Köhlers Brief richtet sich nicht etwa an den Grapscher, sondern an den, der nicht hinschaut, nichts tut. Sie nennt ihn den Meta-Täter.

Diese Epsiode fügt dem ohnehin breiten Spektrum der Täterschaft, das in diesem Akzente-Heft aufgezeigt wird, eine übergeordnete Perspektive hinzu. Als wie bedrängend oder traumatisierend das Handeln anderer empfunden wird, ist eine zutiefst individuelle Angelegenheit.

Das drückt sich in den 16 grundverschiedenen Texten aus, von denen zwei so persönlich geraten, dass es schwer ist zu verstehen, worum es ihnen eigentlich geht. Doch gerade die Vielstimmigkeit ist die Qualität der Textsammlung. Die in den deutlichen Hinweis mündet: Wer wegsieht, ist auch ein Täter.



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