Paul Auster und John M. Coetzee Nach einem schlechten Buch stirbt man nicht

Zwei Großschriftsteller im Briefverkehr: Paul Auster und John M. Coetzee veröffentlichen ihre gemeinsame Korrespondenz. Sie schwärmen von Roger Federer, lästern über Philip Roth - und fürchten, mit einem schlechten Werk abzutreten.
Schriftsteller Paul Auster:

Schriftsteller Paul Auster:

Foto: Soeren Stache/ picture-alliance/ dpa

Wenn zwei Schriftsteller anfangen zu fachsimpeln klingt das so: Dass Handys neuerdings in Romanen auftauchen, sei alles andere als banal, meint der eine, schließlich gehöre es zur Mechanik eines Textes, welche Figur wann über was Bescheid wisse, trotzdem: In seinen Texten gebe es nur Festnetzanschlüsse. Antwortet der andere: Naja, man könne schlecht übers Heute schreiben und die Existenz dieser Erfindungen ignorieren. Auch wenn er selbst, zugegeben, weder Mobiltelefon noch Laptop, Email oder Internet nutze.

Der ohne Handy ist der New Yorker Paul Auster, der andere der südafrikanische Literaturnobelpreisträger John M. Coetzee. Den einen kennt man hier etwa wegen seiner "New York-Trilogie" oder, zuletzt übersetzt, "Sunset Park"; der andere wurde in Deutschland erst 2000 richtig bekannt durch "Schande", seinem ersten Roman, der in der Zeit nach der Apartheid spielt. Und diese beiden in ihrer Art durchaus solitären Autoren haben vor fünf Jahren angefangen, sich Briefe zu schreiben - zwischen Brooklyn und dem australischen Adelaide, wo Coetzee seit einigen Jahren lebt. Nun ist in englischer Sprache ein Band mit Teilen dieser Korrespondenz erschienen: "Here and Now", so der etwas abgedroschene Titel.

Andererseits ist nichts mehr hier und jetzt, als Gedanken in Briefform festzuhalten, einen direkteren Zugang zu den Köpfen dieser beiden wird man wohl kaum je bekommen. Zumal Coetzee, der eh nur rare Interviews gegeben hat, sich seit Jahren Befragungen komplett verweigert, selbst auf Lesereisen nur liest, dann abhaut. Kurz: Den beiden bei ihrem Ping-Pong zu folgen, ist ein großer Spaß.

"Seltsamer Typ auf dem Bürgersteig"

Im Laufe der Jahre zwischen 2008 und 2011 entstand aus der antiquierten Korrespondenz per Post und Fax - Auster nutzt nur Schreibmaschine - eine enge Freundschaft. Man kann es nicht anders sagen: Es rührt einen, mitzuerleben, dass sich da zwei finden. "Eine gewisse brüderliche Zärtlichkeit", empfindet Coetzee, und Auster bekennt: "Etwas derartiges ist mir noch nicht passiert." Er schreibt: "Ich ertappe mich oft dabei, dass ich herumlaufe und mich in meinem Kopf mit Dir unterhalte und wünsche, Du wärst bei mir, damit ich Dir den seltsamen Typen zeigen kann, der gerade auf dem Bürgersteig an mir vorbeigelaufen ist."

Und ihr Thema ist beileibe nicht nur ihre Arbeit, das macht diese Sammlung so faszinierend und allemal amüsanter als jede Autobiographie es sein kann. Sie schicken sich Kinderfotos von sich in Baseball-Uniform, Zeitungsartikel, DVDs alter Filme. Sie lästern über Philip Roth' "Exit Ghost", amüsieren sich über den waffenvernarrten Schauspieler Charlton Heston, Coetzee klagt über seine Schlafstörungen, Auster macht sich Sorgen und schickt Ratschläge.

Aber vor allem unterhalten sie sich über Sport. Für sie bedeutet er übermenschliche Ausnahmeerscheinungen, jenseits jeder Vorstellungskraft. Auster betet seitenweise Baseball-Ergebnisse aus allen Jahrzehnten runter, Coetzee beichtet seine Fußball-WM-Nächte vor dem Fernseher, schwärmt von Roger Federer und ausgedehnten Rad-Trips durch die französischen Cevennen. Geradezu kindlich aufgeregt werden die beiden Bestsellerautoren in ihrem Fandasein, schicken sich mögliche Themenlisten - "Individualsport versus Teamsport", "Der Niedergang des Boxens", "Sport als Drama" - nur um immer wieder festzustellen, was für eine Zeitverschwendung es ist, Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. Nur wegen irgendeines Wettkampfs. Ihre Zeit gehe schließlich zur Neige.

"Da reche ich lieber Laub zusammen"

Dass das Altern für die zwei, der eine Jahrgang 1947, der andere 1940, eine Rolle spielt, war schon in ihren letzten Romanen nicht zu überlesen. Aber wenn sie jetzt über ihre kleinen Leiden witzeln, ist die Verzweiflung nie fern. Coetzee fragt sich wiederholt, ob er merkt, wenn der geistige Verfall einsetzt, Auster verbannt total frustriert einen Roman mitten im Schreibprozess in die Schublade, weil er nicht weiterkommt. Und so räsonieren sie über die Gefahr, eines Tages mit einem "peinlich schlechten Produkt" abzutreten.

Alt genug sind sie jedenfalls, kein Blatt mehr vor den Mund nehmen, etwa um über heutigen Kulturjournalismus vom Leder zu ziehen: Dauernd vermuteten Rezensenten hinter allem einen Schlüsselroman, pickten nach autobiographische Details - wie bescheuert!

Eine Attitude, die natürlich etwas lustig ist, wenn man bedenkt, dass beide in ihren Werken derartige Gedankenspiele geradezu heraufordern, beide sind bekannt dafür, mit ihrer Autorschaft zu spielen. Seien es Austers Verweise auf die Mord- und Drogengeschichten um seinen Sohn oder Charaktere, die Anagramm-Namen wie "Trause" in "Nacht des Orakels" tragen; oder eben Coetzees permanent selbstreferentielle Figuren, angefangen von einem südafrikanische Schriftsteller namens C. oder Typen, die gleich Coetzee heißen.

Übrigens: Vor die Wahl gestellt, entscheiden sich beide gegen das Lesen von Romanen - "da reche ich lieber Laub zusammen", schreibt Coetzee verächtlich. Im Zweifel versacken sie wohl eher vor dem Fernseher. Und schauen Tennis.

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