Brigitte Kronauers "Gewäsch und Gewimmel" Brillant im Schnabel einer Elster

In ihrem äußerst kunstvollen Roman "Gewäsch und Gewimmel" reflektiert Brigitte Kronauer die Gegenwart in leicht verrückten Bilderwelten - aus Klatsch und Tratsch entwickelt sich ein grandioser Totentanz.

Schriftstellerin Kronauer
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Schriftstellerin Kronauer

Von Hans-Jost Weyandt


Eine wunderliche, hermetische Welt hegt und pflegt Brigitte Kronauer seit je in ihren Romanen, die im bürgerlich gediegenen Hamburger Westen, Kronauers Kiez, verwunschene Biotope der großen Literatur erblühen ließen. Als Botho Strauß in seinem jüngsten SPIEGEL-Essay "unzugängliche Gärten" der Kunst und Poesie herbeisehnte, mochte man an Kronauers entrückte Refugien denken, die sowohl dem von Strauß verpönten Massengeschmack als auch den Altpatriarchen des literarischen Realismus von Lübeck bis Wasserburg mit hochartifizieller Prosa trotzen. Kronauer reflektiert die Gegenwart in täuschend vertrauten, dabei leicht verrückten Bilderwelten, in die, vielfach überblendet mit Motiven aus den Kanons der Kunst und Literatur, nur wie von fern der Lärm aus den Verteilungskampfzonen dringt und in denen Realitätspartikel funkeln wie ein Brillant im Schnabel einer Elster.

Mit Bling-Bling-Effekten muss die Büchnerpreisträgerin ihre Brillanz allerdings nicht schmücken, sie schleift und poliert sie gleichwohl gern am entzückenden Detail, am Kapriziösen, Pikanten, an altmodischen Namen, magischen Zahlen, verzwickten Rätseln und Fabeln, mit denen sie versiert spielt wie kaum jemand sonst vor ihr. Dieses virtuose Spiel treibt sie mit dem "Gewäsch und Gewimmel" ihres neuen, in jeder Beziehung überreichen Romans zu einem Höhepunkt ihrer Sprachkunst, indem sie die vermeintlich niederste, einfachste, alltäglichste und vergänglichste aller Erzählformen, den Klatsch, auf vielen hundert Seiten und in ungezählten Anekdötchen und Episödchen ausbreitet zu einem Alltagspanoptikum der Gegenwart.

Und ist dieses Sammelsurium von Allerneuestem nicht überaus amüsant? Ja, einfach köstlich, all die herrlichen Sorgen und Nöte und sorglosen Schwerenötereien! Und wie liebenswert: die Schwächen und Macken jener recht ausgesorgt wirkenden Existenzen eher fortgeschrittenen Alters, die einzig besorgt zu sein scheinen, die lange Restlebensweile im befriedeten Wohlstandsreservat möglichst kurzweilig zu gestalten! Wie bewundernswert auch das Raffinement der Erzählerin, die obendrein allwissend ist, Wunschtraum einer jeden Klatschtante! Die trotz aller Empathie so herrlich gemein sein kann, so richtig stutenbissig! Und nebenbei dem Vorbild der romantischen Schule nachfolgend das Tratschen zur literarischen Gattung erhebt und tatsächlich dem Kunstlied und -märchen den Kunstklatsch zur Seite gesellt! Denn überaus gebildet ist diese Kronauer bekanntlich ja auch. Und dabei so dankbar ihren Lehrern gegenüber - dem größten unter ihnen, Jean Paul, erweist sie zum 250. Geburtstag mit ihrem umfang-, figuren- und geschichtenreichsten Roman die Referenz, indem sie gleich dem "Meister der Extreme … die phantastische Fülle des Daseins" (Kronauer) ausgiebig feiert. Und wo sie bei dem genussfreudigen Franken die Ausschweifungen "vom Sonntagsbraten zum Kosmos" bewundert, da konfrontiert sie selbst die heimelige Kaffeeklatschkultur mit der konturlosen Kälte des Weltalls.

Ironischer Abglanz einer finalen Idylle

Doch um diese universale Größe erkennen zu können, muss man immer mal wieder Abstand gewinnen. Denn Kronauers Kunst kann die Geduld strapazieren wie der Knigge den abgespreizten Finger beim porzellanklimprigen Teestündchen in einem überheizten Salon; und wen beim Lesen eine Beklemmung befällt wie einst bei verhassten Tantenbesuchen in der Kindheit, der erkennt, dass Kronauers blühendes Gewäsch keine Dornenhecke braucht, um für viele immer unzugänglich zu sein. Und überhaupt: Produziert serielle Kurzweil nicht auf Dauer das vom Illustriertenblättern bekannte Brause-Phänomen? Ja, erst prickelnd, dann zunehmend fad wirkte diese schier unendlich lange, dabei unglaublich kleinteilige Lesestrecke, konsumierte man sie lesesklavisch konventionell.

Aber dieser außerordentliche Roman, der schon im Titel das Sprachliche mit dem Gegenständlichen paart, verlangt einen gleichsam freiständigen Leser, der zum Betrachter des Romans werden kann. Und dabei ständig Perspektive und Abstand verändert. Denn die jean-paulschen Extreme sind von seiner Meisterschülerin bis in die Proportionen ihres Romans durchexerziert, sie bestimmen seine Relationen und Muster. Wie das ameisengleiche Lebensgewimmel paradox erst mit gehörigem, gleichsam schöpferischem Abstand seine menschliche Größe erhält, so weitet sich umgekehrt das Gerede über alltägliche Sorgen zu einem Universum archaischer Ängste, das sich hinter dem Gequassel auftut.

Kronauer hat den Roman in drei Teile gegliedert und so das Prinzip des unendlichen Fortgangs, das dem Tratschen eigen ist, hart konfrontiert mit einer formalen Geschlossenheit, die den Eindruck einer symmetrischen Harmonie erzeugt - und wie von selbst die Frage stellt nach ihrem Schöpfer. Denn die Erinnerung an ein geöffnetes Altarbild kommt bei Kronauer nicht von ungefähr, sie hat schon einmal, in "Die Einöde und ihr Prophet" (1996), eine Sammlung von Erzählungen und kunstgeschichtlichen Texten zu einem Triptychon komponiert und damals ins Zentrum eine Reflexion über Grünewalds Isenheimer Altar gestellt. Die "unheilverkündende" Leere der 500 Jahre alten Himmelsvisionen öffnet sich nun hinter Kronauers zeitgenössischem Panorama-Puzzle, das überraschend in seinem Zentrum zu Ruhe, Übersicht und einer Bewegung findet.

Dieses Mittelstück erzählt in zwölf, "Wanderungen" genannten, längeren Kapiteln von der Suche nach dem verlorenen Paradies. Eine zwölfköpfige Jüngerschar graumelierter, angegrünter Damen und Herren, aus diversen Geschichtchen des ersten Teils bereits hinlänglich bekannt, stiefelt im Gefolge des Öko-Propheten Hans Scheffer durch einen Elbpark, doch die gemeinschaftsstiftende Idee, den Flecken Erde zu renaturieren, kommt ihnen samt angehimmeltem Anführer unterwegs abhanden. Die "Wanderungen", die neutestamentarische Muster, rousseausche Ideen und erotische Irrungen in meisterhafte Landschaftsbeschreibungen betten, enden als Farce einer schönen Anstrengung, von der nichts bleibt, als unter hehrem Vorwand die Langeweile ein paar Wochen lang vertrieben zu haben.

Die Bürgerbewegung, aus den Klatsch- und Tratsch-Beziehungen des ersten Teils mühsam formiert, verliert sich. Und fügt sich ein in das Auflösungsgewimmel des dritten Bildes und zugleich in die nun immer deutlicher sichtbar werdende epische Fabel, die mit protestantischer Demut von der Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens erzählt. Der grandiose Totentanz, in den sich der Nachbarschaftsringelpiez all dieser gesetzten Bürger, dieser braven Ernsts und Wilhelms, Luises und Elses, verwandelt, folgt bis ins Detail der "Geburt Christi" des Isenheimer Altars.

Doch weil Kronauer all ihren Kunstverstand aufgebracht hat, um die grünewaldsche Schreckensleere mit jean-paulscher Lebensfülle abzuwehren, hat der Tod nicht das letzte Wort in diesem Roman. Auf den Schleichwegen des Klatsches findet er stattdessen immerhin zum ironischen Abglanz einer finalen Idylle: Heißt es doch, jemand habe tatsächlich im Elbpark jenes Naturschutzgebiet eingerichtet gesehen, das die braven Bürger einst herbeiwandern wollten: Ist das nicht hübsch? Ja, entzückend. Obwohl der Zugang natürlich verboten ist.

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demian 13.12.2013
1. Referenz vs. Reverenz
Zitat: "erweist sie zum 250. Geburtstag mit ihrem umfang-, figuren- und geschichtenreichsten Roman die Referenz, indem" Leute! Schlagt mal beides im Duden nach: Referenz und Reverenz. Jemandem erweisen, tut man Letztgenannte...
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