Broders Bücher Amoklauf durch die Arena der Eitelkeiten

Wo bleibt der Regen, der den Dreck von den Straßen spült? Achim Winter hat lange als Klatschreporter gearbeitet - in einer Suada zieht er nun über die Stars her, die er selbst mit geschaffen hat. Sein Urteil: Das ganze Land leidet an "Notorismus". Er womöglich auch?
Von Henryk M. Broder
Katharina Wagner (Mitte): Auch kultivierte "Notoristen" werden nicht geschont

Katharina Wagner (Mitte): Auch kultivierte "Notoristen" werden nicht geschont

Foto: A3609 Daniel Karmann/ dpa

Einen Tag nachdem Charlotte Roche sich im SPIEGEL dem Bundespräsidenten als Belohnung angeboten hatte, wenn er das Gesetz über die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken nicht unterschreibt, wurde Claudia Roth gefragt, was sie von dem "unmoralischen Angebot" der TV-Moderatorin und Autorin der "Feuchtgebiete" halten würde. Die Chefin der Grünen antwortete: "Es passt zu ihr und es macht deutlich, dass sie sich engagiert."

Die ganze Sache war ein klarer Fall von "Notorismus": Eine Autorin, die ins Gespräch kommen möchte, hat eine Schnapsidee. Eine Politikerin, die zu allem etwas zu sagen weiß, springt auf den fahrenden Zug auf. Denn auch sie agiert immer "engagiert", zuletzt reiste sie nach Teheran, um dort die Möglichkeiten eines verbesserten Kulturaustausches zwischen der Bundesrepublik und der Islamischen Republik Iran auszuloten.

"Notorismus" kommt von notorisch, auffällig, bekannt, berüchtigt. Es ist der "Kult des Auffallens: Ich falle auf, also bin ich". Sagt Achim Winter, und der muss es wissen, denn er arbeitet als Gesellschaftsreporter für TV-Magazine wie "Leute heute" und "hallo deutschland", sitzt also an der Quelle und kennt die Leute, deren "Notorismus" er in seinem Buch beschreibt und auseinandernimmt. Es sind die Frontschweine des Boulevard, Stars und Sternchen, die uns an ihrem Privatleben teilnehmen lassen, sei es, dass sie gerade den Freund oder die Freundin gewechselt haben, schwanger sind oder an Depressionen leiden.

Alles muss raus!

Und dafür, dass der Ausverkauf geregelt über die Bühne geht, sorgen Reporter wie Achim Winter. Der freilich muss vor kurzem ein Erweckungserlebnis gehabt haben, denn inzwischen fragt er sich, "warum die Irrsinnigkeiten um uns herum immer mehr zu nehmen", und er stellt "eine Demenzkurve in unserer Gesellschaft fest, die steil nach oben geht".

"Schlicht hochstaplerischer Bullshit"

Das sind Feststellungen, denen niemand widersprechen wird, der auch nur eine Ausgabe von "Brisant" in der ARD oder "Exclusiv" auf RTL gesehen hat. "Weshalb wird Daniel Küblböck berühmt? Warum Menowin Fröhlich und Florian Silbereisen?", fragt Achim Winter. Warum schlägt das Hässliche das Schöne? Warum werden Menschen, die von Musik keine Ahnung haben, erfolgreiche Rapper? Weil der Notorismus "demokratisch" und "sozial gerecht" ist, "ein System, in dem nun endlich jeder, absolut jeder darf".

Auf die Dauer führt der Notorismus allerdings zur "Idiotokratie", in der sich "jedes Deppchen" selbst verwirklichen kann. Man muss nur "sozial gestört, vom Vater schwer missbraucht" sein und eine "abgebrochene Ausbildung und Knast wegen Körperverletzung" hinter sich haben. "So sehen Lebensläufe aus, die weiterbringen. Sie lassen einen kometenhaften Aufstieg von ganz unten zu."

Das hört sich schwer nach Kulturkritik und Kulturpessimismus an, wie man sie im TV-Milieu allenfalls auf Arte und 3sat findet. "Sei asozial, sonst hilft dir keiner" rät Achim Winter allen, die in die Fußstapfen von Bushido und Pete Doherty treten möchten. Aber auch kultivierte Notoristen werden nicht geschont, Roger Willemsen und Katharina Wagner zum Beispiel, Claus Peymann, Hellmuth Karasek und Wolfgang Herles. "Früher machte sich das Publikum... einmal im Jahr auf den Weg in ein Zirkuszelt. Heute haben wir den Zirkus jeden Tag zuhause."

Nach seinem Amoklauf durch die Arena der Eitelkeiten wird es Achim Winter als Gesellschaftsreporter nicht leicht haben. Wer möchte schon von einem interviewt werden, der ihn hinterher verarscht? Es sei denn, er heuert zwei Spielklassen höher an. In einer der Nischen für Anspruchsvolle. Aber auch da wird nur mit Wasser gekocht. "Luzia Braun wird nie zugeben, dass vieles, das sie in ZDF-aspekte anmoderiert, schlicht hochstaplerischer Bullshit ist."

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