Broders Bücher Der komische Kampf um die eigene Haut

Kein Platz für Nostalgie: Georg Stefan Trollers Interesse gilt den Ausgestoßenen und Entwurzelten, sein Lebensthema ist das Schicksal der Flüchtlinge, die ihr Leben vor den Nazis retten mussten - wie er selbst. Jetzt erscheint das Buch zum Hauptwerk des Filmemachers und Autors.

Georg Stefan Troller: "Wir hasteten von Amt zu Amt"
DDP

Georg Stefan Troller: "Wir hasteten von Amt zu Amt"

Von Henryk M. Broder


Der Mann geht auf die 90 zu, sieht viel jünger und pumperlgsund aus, sitzt fast jeden Tag im Cafe Deux Magots am Place Saint-Germain-des-Prés und macht sich Notizen für sein nächstes Buch oder seinen nächsten Film. Nur wenn eine junge, attraktive Frau vorbeigeht, hebt er den Kopf und schaut ihr mit leuchtenden Augen nach.

Georg Stefan Troller, 1921 in Wien geboren, im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern über Prag, Paris, Marseille und Casablanca in die USA geflohen, hat keine schöne Kindheit gehabt und deswegen ist er Zeit seines Lebens ein Kind geblieben. Ein sehr umtriebiges und vielseitiges Kind. Er hat Buchbinder gelernt, Anglistik und Theaterwissenschaft studiert, er war Soldat in der amerikanischen Armee, Übersetzer, Gefangenenvernehmer, Rundfunkreporter, Buchautor und Dokumentarfilmer.

Mit seinem "Pariser Journal" für den WDR und der Reihe "Personenbeschreibung" für das ZDF half er dem Fernsehen, erwachsen zu werden. Sein Interesse galt nicht den Bohlens und Beckers dieser Welt, die sich heute im Fernsehen spreizen, sondern den Ausgestoßenen und Ausgestiegen, den vom Glück verlassenen und vom Pech verfolgten, den Entgleisten und Entwurzelten, die dennoch Großes vollbracht haben.

Das allzu schöne Wort Exil

Trollers wohl wichtigste Arbeit für das Fernsehen war die Film-Trilogie "Wohin und zurück", die er zusammen mit dem Regisseur Axel Corti Anfang der achtziger Jahre realisierte, die Geschichte "deutscher, tschechischer und vor allem österreichischer Flüchtlinge, die versuchen, vor den Nazis ihr Leben zu retten und sich anderswo zu integrieren"; es waren, sagt Troller, "im großen und ganzen meine eigenen Erfahrungen" zwischen der "Kristallnacht" 1938 und dem Ende des Jahres 1945.

Da war Troller gerade 24 Jahre alt und hatte schon mehr erlebt als die meisten Menschen im Laufe ihres ganzen Lebens. Und er hatte viel gelernt: "Wer allzu lange Pech hat, der beginnt, sich selber schuldig zu fühlen." Da bleibt kein Platz für nostalgische Rückblicke auf eine Existenz im luftleeren Raum. "Wir waren nicht im Exil, auf solche schönen Begriffe kamen wir gar nicht. Wir hasteten unwürdig von Amt zu Amt, von Komitee zu Komitee." Was ihm von der Emigration geblieben ist, ist das Gefühl einer "mörderischen Ironie", denn: "Der Kampf um die eigene Haut hat immer etwas Komisches."

Trollers Trilogie "Wohin und zurück" ist jetzt als Buch in einem kleinen Wiener Verlag erschienen. Wer gerne Drehbücher liest, wird für diese Veröffentlichung dankbar sein, wer eines schreiben möchte, erfährt hier, wie man es macht, und wer es signiert haben möchte, der findet Georg Stefan Troller im Cafe Deux Magots am Place Saint-Germain-des-Prés in Paris.


Georg Stefan Troller: "Wohin und zurück", Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, Wien, 201 Seiten



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