Broders Bücher Die Frau mit den Affen im Blut

Sie reiste durch die Welt, nahm Drogen - und lebte mit zwei Gibbons in einer Wohnung: Die Amerikanerin Emily Hahn war eine der wagemutigen Reiseschriftstellerinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Jetzt werden ihre "New Yorker"-Reportagen wiederentdeckt.
Von Henryk M. Broder
Shanghai 1937: 60.000 Europäer unter sechs Millionen Chinesen

Shanghai 1937: 60.000 Europäer unter sechs Millionen Chinesen

Foto: Fox Photos/ Getty Images

Manche Berufe kennen wir nur noch aus der Literatur: Die Kaltmamsell, das Fräulein vom Amt, den Bleisetzer, Schrankenwärter und Todeswandfahrer. Auch die Concierge stirbt langsam aus, zusammen mit der Hutmacherin. Und während jedes Jahr Hunderte von "Kommunikationswissenschaftlern" neu auf den Markt kommen, ist der "Reiseschriftsteller" eine rar gewordene Spezies.

Seit das Reisen immer einfacher geworden ist, ist das Schreiben über das Reisen immer schwieriger geworden - sogar bei Aldi werden exotische Ziele angeboten. Worüber würden Mark Twain und Tiziano Terzani heute berichten? Über Menschen am Ballermann? Oder über einen Wet-T-Shirt-Contest auf den Seychellen?

Deswegen werden Klassiker des Faches neu entdeckt. Emily Hahn, zum Beispiel, 1905 in St. Louis/Massachusetts als Tochter deutsch-jüdischer Einwanderer geboren. Mit 15 lief sie von Zuhause davon, um Bildhauerin zu werden, schaffte als erste Frau das Ingenieurstudium und arbeitete eine Weile für ein Bergbauunternehmen in Illinois, bevor sie anfing, Literatur zu studieren und Geschichten zu schreiben, die vom "New Yorker" veröffentlicht wurden. Sie reiste in den Kongo, verbrachte zwei Jahre bei einem Pygmäenvolk und schrieb darüber ein Buch. Dann zog es sie nach China, in die Glitzerwelt von Shanghai, wo etwa 60.000 Europäer unter sechs Millionen Chinesen lebten, in einer Welt für sich. Emily Hahn trank, rauchte, konsumierte Drogen und ließ auch sonst nichts anbrennen.

Alles, was sie erlebte, wurde zu Geschichten verarbeitet, auch ihre Liaison mit einem chinesischen Bohemien und Literaten, der seinerseits von der selbständigen und lebenslustigen Amerikanerin fasziniert war.

Emily Hahns Thema sind die Sensationen des Alltags: ein Besuch beim Zahnarzt, eine Dampferfahrt auf dem Jangtse, die Suche nach einem verschwundenen Jadering. Als der Krieg Shanghai erreichte, zog sie nach Hongkong, wo sie sogleich auffiel, weil sie mit zwei Gibbons zusammenlebte. Eines Tages bekam sie einen Brief von ihrem Vermieter, der sie aufforderte, "diese Tiere abzuschaffen", wenn sie in der Wohnung bleiben möchte. Hahn schaute sich ihre Tiere an, "wie sie glücklich und zufrieden von der Sitzstange zur Schaukel" hin und her jagten und beschloss, die Tiere nicht aufzugeben. "Entweder man hat Gibbons im Blut oder nicht."

Sie löste das Problem auf die chinesische Art, und dabei erfahren wir beiläufig, wie Probleme in China gelöst werden: mit Geduld, Geschick und guten Manieren.

Emily Hahn starb 1997 in New York. Sie hat 52 Bücher hinterlassen.


Emily Hahn: "Shanghai Magie - Reportagen aus dem New Yorker", edition ebersbach, Berlin 2009, 165 Seiten

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