Broders Bücher Die Mutter aller Fast-Food-Ketten

Pancakes, French Toast und Burger: Schon lange vor McDonald's stillten Diners den Appetit der Amerikaner. Jetzt stellt ein schöner Reiseführer die besten Lokale in New England vor: Die sind oft prächtiger als ein alter Straßenkreuzer.

Henryk M. Broder

Von Henryk M. Broder


Man sitzt nicht sehr bequem, die Auswahl der Gerichte ist immer gleich, kaum hat man den letzten Bissen verputzt, kommt die Kellnerin und knallt dem Gast die Rechnung auf den Tisch. "Have a nice day!" Kein Mensch käme auf die Idee, hier bei einer Tasse Kaffee die Zeitung zu lesen, wie in einem Berliner oder Wiener Kaffeehaus.

Man geht in ein Diner, wenn man hungrig ist; man weiß, was einen erwartet: einfaches, kräftiges Essen, ordentliche Portionen zu moderaten Preisen, serviert auf großen Tellern. Und während in normalen Restaurants morgens gefrühstückt, mittags schnell geluncht und abends ausgiebig getafelt wird, kann man in einem richtigen Diner schon bei Tagesanbruch "Meatloaf" (Hackbraten) bestellen und zum Sonnenuntergang "French Toast" (Arme Ritter) mit Rührei.

Im Diner spielt die Tageszeit keine Rolle. Diner sind die Dinosaurier unter den Restaurants, und wie Dinosaurier verbreiten sie eine Aura, mit der normale Speiselokale nicht mithalten können. Kurzum: Man geht zum Essen in ein Diner, aber nicht unbedingt wegen des Essens, sondern wegen der Atmosphäre, die das Diner ausmacht. Es ist, als würde man in einem Oldtimer auf der Autobahn rückwärts fahren und dabei Omas Apple Pie essen.

Mit mobilen Kantinen fing es an

Der Diner ist auch die Mutter aller Fast-Food-Ketten. Burger King, Mc Donald's, Kentucky Fried Chicken stammen alle vom Diner ab. Angefangen hat alles in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Stadt Providence/Rhode Island mit mobilen Kantinen ("Lunch Wagon"), die der Versorgung der Arbeiter in Fabriken dienten, in denen rund um die Uhr gearbeitet wurde. Mit fortschreitender Industrialisierung stieg auch die Nachfrage nach Diners.

Die Stadt Worcester in Massachusetts entwickelte sich zum Zentrum der Diner-Produktion, wie später Detroit zum "Hub" der Autoindustrie. Heute gibt es noch rund 350 Diner in ganz Neu-England, in Maine, New Hampshire, Vermont, Massachusetts, Connecticut und Rhode Island.

Und Randy Garbin, Gründer und Herausgeber des "Roadside Magazine", kennt sie alle, das "Rosebud", das "Palace", das "Capitol", das "Boulevard", das "Day and Night" und das "Paradise". Er hat sie besucht und in fünf Kategorien eingeteilt, je nach Baujahr, Stil und Dekor. Denn mögen alle Diner auf derselben Idee basieren, keiner ist wie der andere. Garbins "Diners of New England" ist kein Guide Michelin für Fast-Food-Freunde, sondern ein Reiseführer durch die Architektur- und Kulturgeschichte der USA. Und nebenbei gibt es auch immer was zu essen.


Randy Garbin. "Diners of New England", Stackpole Books, 274 Seiten, ca. 20 US-Dollar



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