Broders Bücher Koscher kichern

Der Umgang von Nicht-Juden mit Juden ist problematisch. Der von Juden mit Nicht-Juden auch. Wie gut, dass Michael Wuliger den "Koscheren Knigge" geschrieben hat: der perfekte Leitfaden für ein humorvolles Miteinander.
Von Henryk M. Broder

Wann immer Juden und Nicht-Juden aufeinander treffen, füllt Befangenheit den Raum. Es fängt schon bei den Begriffen an. Das Gegenteil von Jude ist Arier? Christ? Deutscher? Man weiß es nicht, also sagt man Nicht-Jude.

Das freilich bedeutet, dass Judesein der Normalfall ist, Nichtjudesein die Ausnahme. Niemand würde von Indianern und Nicht-Indianern sprechen oder von Vegetariern und Nicht-Vegetariern, nur bei Juden und Nicht-Juden wird der Unsinn zum Sinn.

Aber das ist erst der Anfang. Die meisten Juden wollen gar nicht richtig jüdisch sein. Sie essen Schweinefleisch, fahren am Schabat Auto und glauben eher an die Klimakatastrophe als an die Ankunft des Messias. Viele Nicht-Juden dagegen nennen ihre Kinder David und Sarah, hören am liebsten Klezmermusik und besuchen am Wochenende KZ-Gedenkstätten.

Kurzum: Das Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden ist alles, nur nicht entspannt. Der normale Mensch hat nur die Auswahl, in eines der vielen Fettnäpfchen zu treten ("Er ist Jude, aber sehr nett") oder über eine Mine zu stolpern. "Merke: Nicht alle Juden sind Israelis."

Brassens statt Feidman

Was bis jetzt gefehlt hat, ist ein Leitfaden für den Umgang von Juden mit Nicht-Juden und umgekehrt, eine Art "koscherer Knigge" für Mosche und Michael, Rebekka und Renate. Seit kurzem gibt es ihn, gelobt sei der Herr, geschrieben von Michael Wuliger, Kulturredakteur bei der "Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung".

"Wulli", 1951 in London geboren und in Deutschland aufgewachsen, geht "so gut wie nie in die Synagoge, isst gerne Serrano-Schinken und hört lieber George Brassens als Giora Feidman", ist also ein ganz normaler Jude. Was ihn auszeichnet, ist der klare Blick auf die Peinlichkeiten, die im Umgang zwischen Juden und Nicht-Juden den Ton bestimmen, und der Spott, mit dem er die Rituale der Verlegenheit seziert.

Viele brave Nicht-Juden sind enttäuscht, "dass nicht jeder Jude ein Nathan der Weise ist", während Juden dazu neigen, auf jeden Juden stolz zu sein, der es zu was gebracht hat, egal ob es sich um einen Serienmörder, einen Punkrocker oder den Frauenarzt von Angelina Jolie handelt.

Der berühmte Zusammenhalt unter Juden, von dessen Existenz viele Nicht-Juden überzeugt sind, ist freilich nur eine Fiktion: "Wer je an einer jüdischen Gemeindeversammlung teilgenommen hat, weiß, warum die Protokolle der Weisen von Zion eine Fälschung sein müssen: Echte Juden können sich nicht einmal auf eine Tagesordnung einigen."

Wuliger schreibt ohne angezogene Handbremse, ohne Rücksicht auf Klischees und Vorurteile. Der Witz liegt in der Wirklichkeit. Juden sind nicht klüger, nicht moralischer und nicht tüchtiger als Nicht-Juden. Aber ein wenig komischer als normale Menschen sind sie schon.


Michael Wuliger: "Der koschere Knigge", Fischer Taschenbuch Verlag, 106 Seiten, 7.95 Euro

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