Broders Bücher Schlaraffenland ist pleite

Island galt als wirtschaftliches Paradies, ein Vorzeigeland ohne Arbeitslosigkeit oder Armut. Dann kam die Finanzkrise. Halldor Gudmundsson erzählt ironisch-klug vom Debakel seiner Heimat. Und erklärt: "Wir sind alle Isländer."

Von Henryk M. Broder


Das Land ist so groß wie die ehemalige DDR, hat eine Küstenlinie von fast 5000 Kilometern und weit und breit keine Nachbarn, was - davon sind die Isländer überzeugt - ein Glück für die Nachbarn ist.

Denn die Nachkommen der Wikinger sind nicht nur extrem mobil und unternehmungslustig, sie haben auch ein Selbstbewusstsein, mit dem größere Nationen nicht Schritt halten können. Eine isländische Spezialität ist es, alles "per capita" zu berechnen. "Pro Kopf" haben die Isländer mehr Handys, mehr Abiturienten, mehr Schriftsteller und mehr Geländewagen als jedes andere Volk in Europa.

Und auch mehr Nobelpreisträger. Es ist zwar nur einer, Halldor Laxness, aber wo in der Welt kommt ein Nobelpreisträger auf 300.000 Einwohner? Dabei waren es, als Laxness 1955 den Preis bekam, noch weniger.

Kein Wunder, dass die ganze Welt in den letzten Jahren nach Island schaute und staunte: Wie schaffen die das nur? Wohlstand für alle, keine Arbeitslosigkeit, kaum Kriminalität und ein Kulturleben, das seine Talente in alle Himmelsrichtungen exportiert. "In 50 Jahren machte Island eine Entwicklung durch, die in anderen westlichen Ländern 300 Jahre dauerte", schreibt Halldor Gudmundsson, der, wie fast jeder Isländer, mehrere Berufe hat: Verleger, Schriftsteller, Literaturkritiker und Übersetzer.

Und eines Tages war der Höhenflug vorbei. Island, immer vorneweg, war auch das erste westliche Land, dessen Finanzsystem komplett zusammenbrach. Am 6. Oktober 2008 hielt der isländische Ministerpräsident eine Rede an sein Volk, die er mit den Worten "Gott segne Island" beendete.

Runter mit der Krone!

Da wurde es den Wunderkindern des Nordens klar, dass die Lage mehr als ernst war. Das Parlament verabschiedete Notstandsgesetze, die insolventen Banken wurden unter staatliche Aufsicht gestellt, die Krone radikal abgewertet. Tausende von Isländern verloren ihre Spareinlagen und ihre Jobs.

Wie es so weit kommen konnte, das beschreibt Halldor Gudmundsson mit viel Sachkenntnis, feiner Ironie und anhand anschaulicher Beispiele aus dem Alltag einer Gesellschaft, die sich aus der Wirklichkeit katapultiert hatte.

"Wir sind alle Isländer" ist kein Aufruf zur Solidarität mit den Zockern von Reykjavík, es ist ein Hinweis darauf, dass Island eine Art Labor ist, in dem heute das durchgespielt wird, was morgen überall passieren kann. Es gibt kein Schlaraffenland, in dem es Geld vom Himmel regnet, und Gewinne müssen erarbeitet werden, bevor sie verteilt werden können.

"Nach dem Kollaps wurde die Welt wieder wirklich", sagt eine isländische Journalistin, die sich alles vorstellen konnte, nur nicht, eines Tages arbeitslos zu sein. Denn keine Arbeit zu haben, kam in Island "fast einer Gotteslästerung gleich". Jetzt studiert sie wieder, um eines Tages "ein sinnvolles Leben" führen zu können.

Die Isländer waren die ersten, die es erwischt hat. Sie werden auch die ersten sein, die sich wieder berappeln . Entsprechend dem nationalen Leitspruch: "Erst machen wir es, dann mögen wir es."


Halldor Gudmundsson: "Wir sind alle Isländer. Vom Lust und Frust, in der Krise zu sein", btb Verlag, 192 Seiten, 14,95 Euro



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