Broders Bücher Unbewaffnet in den erotischen Nahkampf

Von Henryk M. Broder
Mannequins in Hamburg, 1964: Auf die richtigen Codes kommt es an

Mannequins in Hamburg, 1964: Auf die richtigen Codes kommt es an

Foto: Corbis

Im Sport geht es seltsam zu, im Showbusiness noch mehr. Frührentner werden zu Legenden erklärt, wer es mit drei Akkorden in die Top Ten der Hitparade schafft, gilt fortan als Pop-Titan, und wenn ein Marktschreier mit alten Schenkelklopfern das Olympiastadion füllt, ist ihm ein Platz im Guinness Buch der Rekorde sicher.

Am seltsamsten aber geht es im Literaturbetrieb zu. Es gibt keine Maßstäbe für Qualität, nur eine Handvoll Schrankenwärter und Weichensteller, die den literarischen Verkehr regeln. Wären Alexandre Dumas, Mark Twain oder Hans Fallada auf das Wohlwollen von MRR, Elke Heidenreich oder Denis Scheck angewiesen gewesen, hätten sie sich vermutlich schon früh das Leben genommen.

Oder haben Sie mal etwas von Daniel Dubbe gehört oder gelesen? Geben Sie zu, sie wissen nicht einmal, wie der Mann aussieht, weil Sie ihn noch nie in einer Talkshow gesehen haben. Dabei hat er eine Biografie, die sich sehen lassen kann.

In diesen Tagen erscheint Dubbes neues Buch, "Jungfernstieg oder die Schüchternheit", ein Roman, eine Erzählung oder eine Sammlung von Geschichten, so schwer in eine Schublade zu packen wie der Autor selbst. "Dies ist sicher mein persönlichstes Buch", sagt Dubbe, "die erotische und literarische Initiation eines jungen Mannes", der mit einem "seelischen Manko" durch die Welt irrt. Er weiß nicht, was er will, wohin er gehört, womit er seinen Lebensunterhalt verdienen soll und vor allem: wie das mit den Mädels geht. "Ich begriff nie, was in diesem Moment der Verführung ablief. Ich konnte mir die Worte nicht merken, nicht die Codes, die ausgetauscht wurden."

Nonverbale Kommunikation ist seine Stärke nicht, dass er Camus, Sartre und Robert Walser verehrt, hilft ihm im erotischen Nahkampf nicht weiter, ist eher kontraproduktiv; er tröstet sich damit, dass auch Caesare Pavese "zur Einsamkeit verurteilt" war, der "Begabteste seiner Generation" nicht einmal eine eigene Wohnung und keine Frau hatte.

Dubbes Amouren erreichten ihren "Höhepunkt erst dann, wenn sie längst beendet" waren, nicht nur in sexuellen Dingen war er "ein Versager", auch im sonstigen Leben brachte er "nicht Großartiges zuwege". Er schreibt, um sich die Zeit zu vertreiben, begleitet von Zweifeln, "ob es sich lohnt, all das zu erzählen". Aber: "Aufgeschrieben ist aufgeschrieben, erzählt ist erzählt und also nicht für alle Zeiten völlig verloren."

So beiläufig und so lakonisch erzählt er auf 120 Seiten aus dem Leben eines Taugenichts im Hamburg der sechziger Jahre, der die "natürliche Schwere des Seins" täglich durchleidet und nur selten die "totale Bewusstlosigkeit" in den "Tiefen des vaginalen Universums" erlebt.

Die damals dabei waren, in der Sahara, im Top Ten und den anderen In-Lokalen jener Jahre, werden sagen: Genau so war es! Und die Jüngeren werden sich wundern, wie muffig, spießig und öde die wilden Sechziger waren. Dubbe seinerseits blickt gern zurück - ganz ohne Zorn. "Ich war nichts, hatte nichts und stellte nichts vor. Trotzdem war ich zuversichtlich und guter Dinge." Das ist er, 40 Jahre später, noch immer, ein älterer Herr mit einem Dr. phil., der ruhig und entspannt darauf wartet, von der literarischen Welt entdeckt zu werden.


Daniel Dubbe, Jungfernstieg oder die Schüchternheit, Maro Verlag, 118 Seiten, 14 Euro