Broders Bücher Wenn Miss Lafontaine mit dem Schlagstock wartet

Aliens, Salamipizza und eine Zollbeamtin mit auffälligem Namen. Der Ost-Hippie Toralf Thieme ist mit dem Wohnmobil durch Nordamerika gefahren und hat seine Erlebnisse in dem Buch "On Roads" so aufgeschrieben, wie ein naiver Maler malt: Mit einer Liebe zum Detail, die vor Badelatschen nicht haltmacht.
Von Henryk M. Broder
Amerikanische Fernstraße: Viele Kuriosa am Rande des Weges

Amerikanische Fernstraße: Viele Kuriosa am Rande des Weges

Foto: DDP

Als die Finanzkrise den Ort Herzogenaurach erreicht hatte, ging Toralf Thieme zu seinem Arbeitgeber und fragte ihn, ob er einen dreimonatigen unbezahlten Urlaub nehmen könnte. "Ist in Ordnung", antwortete der Chef und ließ seinen Mitarbeiter ziehen - kreuz und quer durch Nordamerika, von Montreal über Woodstock zum Yellowstone Nationalpark, von dort in den kanadischen Norden bis nach Fairbanks, dann entlang der Pazifikküste über Portland, Los Angeles und San Diego in den wüsten Südwesten der USA und wieder zurück in den Norden nach Vancouver.

Von einer solchen Reise träumen viele, nur wenige unternehmen eine. Thieme, 1969 in Radebeul, der Stadt von Karl May, geboren, ist freilich weder ein Abenteurer noch ein Schriftsteller, er hat Maschinenbau gelernt und als Ingenieur gearbeitet. Die Reise seines Lebens hat er lange und sorgfältig geplant, so als würde er eine Maschine aus vielen Teilen zusammensetzen. Er selbst nennt sich einen "ostdeutschen Hippie", und weil er noch nicht allzu viel von der Welt sehen konnte, schaut er genau hin und bemerkt vieles, das der gelernte Globetrotter übersehen würde.

Im Flugzeug nach Montreal, wo sein Trip beginnt, döst er vor sich hin und stellt fest: "Wie im Krankenhaus waren die absoluten Höhepunkte die Mahlzeiten... Zu sehen gab es nichts, dazu waren wir zu hoch..." Er mietet sich ein Wohnmobil mit 128.284 Kilometern auf dem Tacho, 5,4 Litern Hubraum und 300 PS unter der Haube und fährt los. Irgendwie schafft er es, ein 7,6 Meter langes, 2,4 Meter breites und vier Meter hohes Fahrzeug zu steuern und gleichzeitig alles zu notieren, das ihm unterwegs auffällt, sogar den Namen und das Aussehen der Beamtin, die ihn an der Grenze zwischen Kanada und den USA erwartet, Miss Lafontaine, "eine kleine Schwarzhaarige mit Pistole, Handschellen und Schlagstock im Koppel". Viele Meilen später folgt er einem Schild, das "Bear Watching" verspricht. "An der Beobachtungsstelle jede Menge Lachse im Fluss, aber weit und breit kein Bär zu sehen."

Am Columbia River, an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Washington und Oregon, passiert er einen Rastplatz, der "Promised Land" heißt, kehrt bei Pizza Hut ein und ist um eine Erfahrung reicher: "Die Salamipizza war viel zu groß und auch nicht so gut, dass ich den Rest hätte mitnehmen wollen."

In Roswell, wo 1947 ein UFO abgestürzt sein soll, macht Thieme, nachdem er sich "noch etwas in der Stadt umgeschaut hatte", eine andere Beobachtung: "Etwa die Hälfte der Leute, die da rumliefen, waren eindeutig Aliens."

Toralf Thieme schreibt so, wie ein naiver Maler malt: mit einer Liebe zum Detail, die nicht einmal vor Badelatschen haltmacht, die er für einen Dollar gekauft hat. Ab und zu verliert er ein paar Worte über den leichtfertigen Umgang der Amerikaner mit ihren Ressourcen und die Höflichkeit der Kanadier, die sich beim Verlassen eines Busses beim Fahrer bedanken ("Eine schöne Geste, die ich so noch nicht erlebt hatte"), kehrt aber gleich wieder zurück zu dem, was ihn wirklich interessiert: der Landschaft, den Rastplätzen und den vielen Kuriosa am Rande des Weges.

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