Bruce Chatwin Auf der Suche nach dem Feuer

Um das Leben des Reiseschriftstellers Bruce Chatwin ranken sich zahllose Mythen und Widersprüche. Eine Biografie versucht nun, dem Rätsel des Abenteurers auf die Spur zu kommen.

Von Ricarda Gerhardt


Chatwin-Biograf Nicolas Shakespeare
La Sept / ARTE

Chatwin-Biograf Nicolas Shakespeare

Bruce Chatwin war ein ruheloser Wanderer, der stets nach Hause zurückkehrte, ein Snob und ein großartiger Geschichtenerzähler. Seine Reisebücher sind eine Mischung aus Gelehrsamkeit, Klatsch und purer Phantasie, seine Romane stilistische Meisterwerke, denen Amoralität vorgeworfen wird. Er war ein Abenteurer und Universalist ohne formale Ausbildung. Chatwin sah gut aus, verkehrte mit dem Geldadel in Europa und Amerika und suchte in armseligen Hütten nach neuen Geschichten. Dazu führte er eine glückliche Ehe und hatte zahllose Affären mit Männern. Zu seiner Homosexualität bekannte sich Chatwin, der an Aids starb, nie öffentlich. Seine Bücher lösten Reisewellen in abgelegene Weltregionen aus, und nach seinem Tod benannten sich Verlage und Buchhandlungen nach ihm oder seinen Romanfiguren.

In seiner von Chatwins Witwe autorisierten Biografie versucht der britische Journalist und Schriftsteller Nicholas Shakespeare das Phänomen Chatwin mit all seinen Widersprüchen zu erfassen. Shakespeare, der mit Chatwin befreundet war und uneingeschränkten Zugang zum Nachlass hatte, recherchierte acht Jahre lang, bereiste 22 Länder und interviewte mehr als 500 Personen. Entstanden ist eine beindruckende Fakten- und Zitatensammlung von mehr als 800 Seiten.

Shakespeare folgt Chatwins Leben fast im Wochenrhythmus, von der Kindheit über Ehe, berufliche Laufbahn bis hin zu seinen großen Reisen, dem Erfolg als Schriftsteller und dem frühen Tod mit 48 Jahren. Jeder kommt zu Wort, Freunde, Verwandte, Liebhaber, Vertraute. Darunter sind Namen wie Salman Rushdie und Susan Sontag.

Die Person Bruce Chatwin wird jedoch nicht greifbarer. Alle beschreiben, was er gesagt und getan hat, doch keiner kann sagen, wie er war. Entweder halten Chatwins Freunde die Hälfte an Informationen zurück oder sie wissen schlicht selbst nicht, wie sie ihn einschätzen sollen. Chatwin selbst tat zu seinen Lebzeiten alles, um an seinem eigenen Mythos zu stricken, der begnadete Erzähler verbog die Wahrheit bis zur Lüge. Dass jemand ihm wirklich nahe kam, scheint er nicht zugelassen zu haben.

Shakespeare enthüllt die Wahrheit hinter einigen dieser typischen Chatwin-über-Chatwin-Geschichten, manche sind bekannt, andere weniger. So steckt hinter seinem romantisierten Abgang aus dem Auktionshaus Sotheby's, das er angeblich verließ, um eine vorübergehende Sehschwäche mit dem Blick auf die weite Landschaft Patagoniens zu kurieren, schlicht die Enttäuschung über eine ausgebliebene Beförderung und Probleme nach einem geplatzten privaten Kunstdeal.

Shakespeare demontiert Chatwin nicht, vielleicht, weil er nicht weiß, wie. Am ehesten wird ihm das erste Kapitel gerecht: Chatwin besucht eine archäologische Ausgrabung in Südafrika, gerade an dem Tag, an dem in einer Höhle der Beweis für den frühesten Gebrauch des Feuers durch den Menschen gefunden wird. Später wird er seine Anwesenheit an jenem Ort als Fügung betrachten, als habe Prometheus sein Leben berührt: Hier lag einer der Ursprünge des Feuers, das den Menschen ermöglichte, das Sozialleben (am Lagerfeuer) zu erweitern, so Geschichtenerzählen möglich machte und damit die Kunst schlechthin. Hier sind Chatwins Verrücktheiten, sein Intellekt und seine Theatralik meisterhaft porträtiert.

Letztlich fasziniert an Chatwin der Lebensweg, der eher zu einem viktorianischen Edelmann zu passen scheint als zum Ende des 20. Jahrhunderts: Ein Reisender, der seinen literarischen und scholastischen Interessen nachging, der keine nationalen und intellektuellen Grenzen kannte und zeigte, dass auch zu Zeiten des Massentourismus Entdeckungsreisen möglich sind. Eine zutiefst romantische Figur, deren Faszination durch die Lektüre dieser Biografie noch gesteigert wird.

Nicholas Shakespeare: "Bruce Chatwin - Eine Biographie". Kindler Verlag, München; 830 Seiten; 78 Mark



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.