Buch Felicitas Hoppe - Pigafetta

Das "literarische Ereignis" von einer märchenhaften Weltumseglung hat komische Szenen, erleidet aber dennoch Schiffbruch.


Der Abenteurer Antonio Pigafetta aus Venetien nahm an jener berühmten Weltumseglung teil, die der portugiesische Kapitän Ferdinand Magellan im Jahr 1519 wagte und selbst nicht überlebte ­ von den 239 Seeleuten kehrten nur 17 heim, nach drei wüsten Jahren, die Pigafetta später unter dem Titel "Die erste Reise um die Erde" eindrucksvoll beschrieben hat. Dieser Augenzeuge, so fingiert Felicitas Hoppe in ihrem Debüt-Roman "Pigafetta", ist seitdem immer noch unterwegs, ein unsterblicher Schattenmann der Meere. Er begleitet augenöffnend auch die Ich-Erzählerin auf der großen Seefahrt von Hamburg nach Hamburg, die sie als "zahlender Gast" eines deutschen Frachtschiffs unternimmt.

Dieses Märchenmotiv ist nicht der einzige Grund für die eigenartige Weltlosigkeit eines Buchs, das die "Frankfurter Allgemeine" kürzlich als "literarisches Ereignis" von "betörender" Sprachkraft gefeiert hat. Hoppe, 38, im Jahr 1996 für ihren Geschichtenband "Picknick der Friseure" mit dem Aspekte-Literaturpreis des ZDF geehrt, rekonstruiert die Seereise, die sie tatsächlich vor zwei Jahren hinter sich gebracht hat, in neun teilweise poetisch-suggestiven "Nacht"-Kapiteln. Traumszenen, literarhistorische Anspielungen, surreale und reale Vorkommnisse wie Windstille, Sturm, springende Delphine oder Sauerkraut-Essen verbinden sich kapriziös zu einem schwer entwirrbaren Knäuel der von wem auch immer erzählten Episoden und Impressionen. Hätte der Verlag nicht vorneweg die Reiseroute abgebildet, wäre selbst diese kaum nachvollziehbar.

Der Autorin gelingen einige slapstickartige Szenen von pantomimischem Reiz, etwa wenn sie die Suppenteller-Katastrophe bei unruhiger See skizziert oder wenn sie eine "Meuterei" schildert, bei der ein Pfirsichzüchter durchdreht: "In der Küche zerschlug er zwei Tassen, die erste auf dem Kopf des neuen Kochs, die zweite am Kinn des neuen Stewards, der immer noch nicht wußte, wie man Teppiche bürstet und rechtzeitig den Kopf einzieht, und erst mit den vereinten Kräften Nobells und des Bootsmanns gelang es schließlich, ihn an seinem Stuhl festzubinden ..." Zweifellos hat Hoppe einen ausgeprägten Sinn für Situationskomik. Trotzdem erleidet sie Schiffbruch bei dem Versuch, eine halbwegs plausible, spannende Geschichte mit halbwegs lebendigem Personal zu entfalten. Und für ihre Sprachkraft sind Banalitäten wie "das Wetter war fürchterlich" nicht gerade starke Belege.

Felicitas Hoppe: "Pigafetta". Rowohlt Verlag, Reinbek; 160 Seiten; 29,80 Mark.



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