Buchmesse-Kolumne Ringkampf im Rosengarten

Alles eitel Sonnenschein: Des Kanzlers Zitat eines alten arabischen Sprichworts hat die Redner bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse beflügelt. Orient und Okzident tauschten rhetorische Blumensträuße aus, dass es nur so blühte. Die Stimmung in der Buchbranche scheint sich deutlich aufzuheitern.

Von Daniel-Dylan Böhmer


Kanzler Schröder auf der Buchmesse (mit Leila Mussa, l., Frau des Generalsekretärs der Arabischen Liga und Suzanne Mubarak, r., Frau des ägyptischen Präsidenten): Garten in der Tasche
DDP

Kanzler Schröder auf der Buchmesse (mit Leila Mussa, l., Frau des Generalsekretärs der Arabischen Liga und Suzanne Mubarak, r., Frau des ägyptischen Präsidenten): Garten in der Tasche

Arabisch ist eine wunderbar fließende Sprache. Wenn man bei der Buchmesseneröffnung im nahöstlichen Fanblock saß, als einziger mit freien Ohren zwischen hunderten Kopfhörern, aus denen die Simultanübersetzung der Rede Gerhard Schröders flüsterte, dann klang das wie vielstimmiges Wellenrauschen, rollend, gluckernd und murmelnd. Wie Wellen erreichen die Sätze das Ufer erst lange, nachdem der Impuls schon verebbt ist. Was den arabischen Zuhörern gefallen hatte, wusste man immer erst, wenn sie ca. 20 Sekunden später klatschten.

So brandete fast begeisterter Applaus auf, als Schröder gerade erklärte, es seien Nichtmuslime wie Muslime gewesen, die die großartigen kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen des Orient hervorgebracht hätten. In diesem Moment war der Anlass für den Beifall im deutschen Text schon seit einer Weile vorbeigerauscht: Schröders Hinweis auf den zivilisierenden Einfluss, den die arabische Welt über Jahrhunderte auf Europa ausgeübt habe. Immerhin: Diese Beobachtung wurde gestern Abend von den meisten Protagonisten der Eröffnungszeremonie bestätigt.

Der Bundeskanzler hatte die Metapher dazu geliefert: Ein Buch, so hatte er ein arabisches Sprichwort zitiert, sei wie ein Garten, den man in die Tasche stecken könnte. Ab diesem Moment grünte und blühte, gärtnerte und wässerte es in fast allen Reden. Amre Mussa, der Generalsekretär der Arabischen Liga lud ein, den Rosenduft der arabischen Gegenwartskultur zu atmen, Börsenvereinschef Dieter Schormann wich sichtlich bewegt vom Redemanuskript ab und rief auf, den Garten gemeinsam zu pflegen.

Roland Koch hingegen setzte seinen eigenen Akzent neben Kanzler und Generalsekretär. Inmitten der blumigen Dialog-Lyrik im Saal "Harmonie" des Kongresszentrums erinnerte der hessische Ministerpräsident gleich zweimal daran, dass es bei intellektuellem Austausch ja auch darum gehe, geistig miteinander zu ringen.

Schröder beim Rundgang durch Arabischen Pavillon (mit Amre und Leila Mussa): Den Garten gemeinsam pflegen
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Schröder beim Rundgang durch Arabischen Pavillon (mit Amre und Leila Mussa): Den Garten gemeinsam pflegen

Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth fügte dem christdemokratischen Realismus noch eine lokale Variante hinzu, die erhellend, aber wohl nicht ganz so gemeint war, wie man sie verstehen konnte. Roth zitierte den ungarischen Autor György Konrad mit der Weisheit, Meisterwerke seien unter anderem auch in einsamen sibirischen Hütten und Lagerbaracken entstanden und erklärte den Zuhörern gleich im Anschluss: "Etwas von dieser Faszination werden Sie in den nächsten Tagen spüren." Ganz so kritisch dürften allerdings selbst die gestresstesten Agenten den Messeplatz Frankfurt nicht sehen.

Nagib Machfus, der ägyptische Nobelpreisträger, der die literarische Eröffnungsrede halten sollte, wurde mit einem Hinweis auf gesundheitliche Gründe entschuldigt. Die braucht der 92-jährige Dichter seit dem Attentat von 1988 sicher nicht vorzutäuschen. Nahostexperten vermuteten jedoch, eine geplante Live-Schaltung habe dem ehemaligen Beamten Machfus vermutlich nicht in seinen strikt geplanten, stets unveränderlichen Tagesablauf gepasst. Der Dialog der Kulturen hat also schon eine Erkenntnis gebracht: Manch orientalischer Poet ist preußischer als die ganzen Ringer und Gärtner in Frankfurt.

Später beim Absacker im Hotel "Frankfurter Hof" machte sich Entspannung breit, die handfestere Gründe hatte. Zwar hat das Branchenblatt "Publishers Weekly" wegen der Nachricht von der Ablösung Volker Neumanns als Buchmessenchef mit dem Exodus nach London gedroht. Am Main sah man die Dinge jedoch gelassener: Sicher sei es schade um Neumann, aber sein Verlust werde die Messe nicht ernsthaft gefährden. Das war bemerkenswerterweise auch von internationalen Teilnehmern zu hören.

Chris Herschdorfer, Chef des führenden niederländischen Verlages Ambo Anthos, meinte, Frankfurt sei nun einmal traditionsgemäß das unbestrittene Forum für geistigen und unternehmerischen Austausch. Das werde sich auch nicht ändern. Um das Geschäftemachen gehe es dabei allerdings weniger. Dafür gebe es schließlich Videotelefone und 360 weitere Tage im Jahr. "Wer aus Frankfurt kommt und einen ganz tollen Deal gemacht hat, der hat entweder zu viel getrunken oder zu viel bezahlt. Meistens beides. Nach Frankfurt kommt man zum Reden und das macht den Platz sehr wertvoll.



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